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Ein Kind schläft unter einem Moskitonetz, Osttimor.

Armut

Wie im Kleinen, so im Großen

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Die diesjährigen Träger des Nobelpreises für Wirtschaft zeigen, wie die Ärmsten der Armen am schlimmsten unter Misswirtschaft leiden. Und untersuchen, welche Hilfe wirklich hilft.

Die sogenannten Wirtschaftsnobelpreise gehen in diesen Jahr an die Armutsforscher Abhijit Banerjee, geboren 1961 in Mumbai, seine Ehefrau Esther Duflo, geboren 1972 in Paris, und Michael Kremer, geboren 1964 in den USA. Banerjee und Duflo lehren und arbeiten am Massachusetts Institute of Technology, Kremer an der Harvard-University. Auf Deutsch liegt meines Wissens nur „Kampf gegen die Armut“ (Suhrkamp 2013) von Esther Duflo vor. „Poor Economics: A Radical Rethinking of the Way to Fight Global Poverty“, das Hauptwerk von Banerjee und Duflo, erschien 2012 in den USA und soll im April 2020 in Deutschland bei Pantheon herauskommen. Auf Arabisch liegt das Buch seit 2014, auf Chinesisch seit 2018 vor.

Was ist Armut? Nimmt man die 50 Länder der Erde, in denen die meisten Armen leben, so kommt man auf einen Verdienst von 99 US-Cents pro Tag. Wer weniger verdient, wird als arm betrachtet. In Indien könnte man sich davon 15 kleine Bananen oder drei Pfund minderwertigen Reis kaufen. 2005 lebten 865 Millionen Menschen (13 Prozent der Weltbevölkerung) unter solchen Bedingungen. Jedes Jahr sterben neun Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. Tendenz trotz allem: steigend. 2013 erschien bei dtv „Armutszeugnis – warum heute mehr Menschen hungern als vor 20 Jahren“ von Asit Datta. Das Millenniumsziel „Abschaffung der Armut“ wurde nicht erreicht.

2018 erschien „Der World Inequality Report“ („Die weltweite Ungleichheit“ C.H. Beck). Darin heißt es: 1980 verfügte ein Prozent der Weltbevölkerung über 28 Prozent des Weltvermögens. 2016 war der Anteil auf 33 Prozent angestiegen. Die unteren 75 Prozent verfügten dagegen immer nur über knapp 10 Prozent. Unten herrscht bestenfalls Stagnation. Die Spitze der Pyramide wird dagegen immer dünner. Georg Kreisler soll schon vor Jahrzehnten gesagt haben: „Der Abstand zwischen Kapitalismus und Kannibalismus wird von Tag zu Tag kürzer.“ Die wirtschaftliche Entwicklung führt weltweit dazu, dass die Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern abnehmen. Stattdessen nehmen die zwischen Arm und Reich in den Ländern bedrohlich zu. In den reichen Ländern fühlen sich die Mittelschichten bedroht. In China wachsen neue heran. Noch schneller aber wächst auch dort die Schicht der Superreichen. Der globale Blick auf die Verteilung von arm und reich, so wichtig er ist, uns ein Bild zu machen von der Welt, in der wir leben, treibt uns eher in die Verzweiflung, als dass er uns hilft, die Probleme beherzt anzugehen.

Wir kennen das alle aus unserem Privatleben. Die Unzahl unbezahlter Rechnungen führt dazu, dass wir keine mehr öffnen und keine mehr bezahlen. Alles spitzt sich katastrophisch zu. Wie im Kleinen muss man auch im Großen Stück für Stück vorgehen.

Es kommt darauf an, das immense Problem Armut zu zerlegen in kleine bearbeitbare Abschnitte. Wir betrachten Armut als einen Riesen, der nur im Stück zu schlagen ist. So verhält es sich aber nicht mit der Armut. Sie ist hochkomplex. Unterschiedlichste, auf einander einwirkende Faktoren tragen zu ihrer Entstehung bei. Mit generellen Überlegungen, mit allgemeinen Vorschlägen, ist ihr nicht beizukommen.

2005 veröffentlichte Jeffrey D. Sachs seinen Weltbestseller „Das Ende der Armut“. Er entwarf darin einen Plan für die Abschaffung der Armut innerhalb weniger Jahre. Wenn die Geberländer sich nur entschließen könnten in einer konzertierten Aktion, einige große Investitionen zu tätigen, würde das in den einzelnen Volkswirtschaften bewirken, dass dort Entwicklungen in Gang kämen, die zu einem take-off und damit zu selbsttragendem Wachstum führten. Ohne diese Startzünder würden immer mehr Länder in Armut versinken. Sachs dachte an 195 Milliarden US-Dollar, die 2005 bis 2025 unbedingt in Entwicklungshilfe investiert werden sollten, dann, so glaubte er berechnet zu haben, wäre bis dahin Schluss mit der Armut.

Sachs entfachte damit eine Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn ausländischer Hilfe. Seine Kontrahenten wandten ein: 1. die zahllosen gescheiterten Erfahrungen bisheriger Hilfsprogramme, 2. Hilfe erschlage die Eigeninitiative. Hilfe, so hieß es bald, helfe nur den Helfern, die, denen geholfen werden solle, entmündige sie. Das Für und Wider wurde zu einem Glaubenskrieg.

Die prämierten Wissenschaftler gingen einen anderen Weg. Sie stellten erst einmal fest, dass die meisten Entwicklungsprogramme für die Armen nicht etwa von Außen kommen. Das meiste stamme aus den Ländern selbst. Indien zum Beispiel, erhält, so schreiben die Autoren, kaum noch Entwicklungshilfe, hat aber 2004 bis 2005 um die 31 Milliarden Dollar ausgegeben für die Erziehung in den Grundschulen.

Sie erklären nicht, ob Hilfe gut oder schlecht ist. Sie untersuchen, welche Art Hilfe geholfen hat und welche nicht. Sie fragen nicht danach, ob Demokratie gut oder schlecht für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Sie fragen sich, ob zum Beispiel in Indonesien auf dem Lande Demokratie so umorganisiert werden kann, dass sie effektiver wird. Man könnte sagen: Banerjee, Duflo und Kremer beschäftigen sich statt mit der Abschaffung der Armut mit Moskitonetzen.

Man geht davon aus, dass Moskitonetze die tödlichen Infektionsfälle halbieren. Nichts einfacher also, als für ein paar Millionen Dollar an die meist bedrohten Ärmsten der Armen so schnell wie möglich Moskitonetze zu verteilen? Stimmt es, dass etwas, das man geschenkt bekommt, nicht wertgeschätzt wird? Wenn die Netze nicht verschenkt würden, sondern zu einem subventionierten Preis verkauft würden, wäre dem abgeholfen. Radikale Verfechter der Marktwirtschaft vertreten dagegen die Ansicht, die Netze müssten zum vollen Marktwert verkauft werden. Nur so könne ein Markt entstehen. Ein Glaubenskrieg wie bei der Frage der richtigen Armutsbekämpfung?

Ganz und gar nicht. Moskitonetze sind handhabbar. Mit ihnen lässt sich rechnen. Die Wissenschaftler stritten sich nicht. Sie experimentierten. Sie wandten hier diese, dort jene und an anderen Ecken die dritte Methode an. Dann verglichen sie die Ergebnisse und konnten sagen, was wo funktioniert hatte. Natürlich spielen lokale Gegebenheiten eine große Rolle. Aber es versteht sich fast von selbst, dass es keine Lösung gibt, die überall passt. Banerjee, Duflo und Kremer sind Empiriker. Sie sind das sehr bewusst, den sie begleiten ihre Untersuchungen mit theoretischen Abwägungen und Überlegungen.

Die Frage, wo man welche Moskitonetzverbreitungsmethode anwendet, wird genauesten überlegt, welche Untersuchungsgruppen gebildet werden, muss genauestens bedacht werden. Oder aber, man arbeitet, mit so vielen Gruppen, dass man nach dem Zufallsprinzip verfahren kann. Es gibt eine Reihe von Büchern, in denen die Autoren uns zeigen, wie sie ihre Tests durchführen. Ich kenne sie nicht. Ich habe auch den Verdacht, dass meine Kenntnisse der Statistik zu rudimentär sind, als dass ich wirklich nachvollziehen könnte, was sie da treiben.

„Poor Economics“ von Banerjee und Duflo geht nicht aus von den globalen Zahlen, sondern von den Menschen. Sie weisen darauf hin, dass die Armen nicht nur ein anstrengenderes Leben haben als die Reichen. Sie leben auch teurer. Sie haben weniger Zugang zu Informationen. Sie müssen alles selbst machen. Regierungen haben keine Ahnung von ihren Lebensverhältnissen, u.a. weil die Armen keine Lobbies haben.

Esther Duflo schreibt in „Kampf gegen die Armut“: „Die Ärmsten der Armen sind die ersten Opfer von schlechter Gouvernanz und Korruption. Sie leiden unter den miserablen lokalen Dienstleistungen und erhalten nicht das, was ihnen rechtlich zusteht. Gute Gouvernanz – auf der untersten lokalen Ebene – ist grundlegend für jegliche Politik gegen die Armut: Das beste Kinderernährungsprogramm hat keinerlei Effekt, wenn es keine Schwestern gibt, die es umsetzen, oder wenn diejenigen, die in seinen Genuss kommen, nicht diejenigen sind, die es wirklich brauchen.“ Das leuchtet sofort ein. Es ist, sagt sich der Leser, nichts Neues. Aber es ist ein Unterschied, ob man diese Sätze sagt, weil man es generell so sieht oder weil man in zahllosen Experimenten diese Erfahrung gemacht hat.

„Poor economics“ ist ein Buch vollgestopft mit Erfahrungen. Was die Ausbildung angeht, schreiben sie, ist weniger manchmal mehr. Wir denken, wenn wir das lesen, sofort an die bestens ausgebildeten jungen Frauen und Männer, für die es in ihren Heimatländern keine Verwendung mehr gibt. Sie bleiben in Europa, werden Taxifahrer oder arbeitslos.

Spätestens an dieser Stelle aber beginnt der Leser der „Poor Economics“ auch an seine eigene Situation zu denken. Der Glaube, jeder müsse studieren, jeder müsse wenigstens Abitur haben, hat nicht nur die Bildungseinrichtungen, sondern auch dieses Land zerstört. Mit „Bildung für alle“ war einmal Aufstieg und ökonomischer Erfolg gemeint. Das ist zerstoben. Bildung hat nicht den Zugang zu besseren Jobs ermöglicht, sondern ein akademisches Proletariat geschaffen.

Wir sollten Banerjee, Duflo, Kremer nicht nur lesen als einen Bericht über anderer Leute Armut. Wir sollten ihren Versuch, Empirie und Theorie zu verbinden ihnen abgucken. Wir sollten lernen, zu experimentieren, verschiedene Lösungen auszuprobieren. In China gibt es zur Zeit hundert oder gar mehr Orte, die ausprobieren, wie man ökologische Städte bauen kann. Dergleichen gibt es bei uns nicht. Die experimentelle Ökonomie ist unsere Zukunft.

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