Ein Karriere zwischen Hollywood und Burgtheater: Klaus Maria Brandauer wird 70.
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Ein Karriere zwischen Hollywood und Burgtheater: Klaus Maria Brandauer wird 70.

Klaus Maria Brandauer

Klaus Maria Brandauer, der Star der Bühne

  • vonPeter Michalzik
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Klaus Maria Brandauer kennt jeder - auch diejenigen, die noch nie ein Theater betreten haben. Dafür gibt es Gründe. Eine Würdigung zum 70. Geburtstag des Schauspielers.

Die erstaunliche Wirkung des Klaus Maria Brandauer ist eines der großen Rätsel der Bühnenkunst. Er ist der letzte Theaterschauspieler, der eine Prominenz hat, wie sie sonst nur Filmstars genießen.

Auch Brandauer hat in Filmen gespielt, er hat sogar in großen Filmen gespielt, wir erwähnen hier seine überragende Verkörperung von Gustaf Gründgens alias Hendrik Höfgen in István Szabós „Mephisto“ (1981), seine ebenso großartige Rolle neben Meryl Streep in „Jenseits von Afrika“ (1985) und seine Auftritte neben Sean Connery im James Bond „Sag niemals nie“ (1983) und in „Russland-Haus“ (1990). Brandauer konnte tatsächlich neben Connery bestehen. Aber im Kern ist Brandauer, man spürt das bei diesem Schauspieler in jeder Faser, doch ein Theaterschauspieler.

Woher also kommt die phänomenale Wirkung? Wieso kennt ihn jeder, auch Menschen, die noch nie ein Theater betreten haben? Wieso ist Brandauer so groß?

Die sieben Gründe für Brandauers Größe

Erstens: Er ist Österreicher. Brandauer, der eigentlich Steng heißt, wurde vor 70 Jahren im steirischen Altaussee geboren. Dort lebt Brandauer, neben einem Wohnsitz in Berlin, noch heute. Heute ist es nicht mehr vorstellbar, aber Klaus Maria Brandauer wuchs zeitweise in Grenzach (Baden-Württemberg) auf. Er besuchte die Stuttgarter Schauspielschule und nicht etwa das Max-Reinhardt-Seminar, wo er seit langem unterrichtet. Zu Beginn seiner Karriere spielte er doch tatsächlich in Tübingen und Düsseldorf Theater. Aber schon 1968, das Leben des jungen Brandauer war 25 Jahre alt, war er am Theater in der Josefstadt engagiert, der Wiener Traditionsbühne. Und seit 1972, also seit mehr als 40 Jahren, ist er Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater.

Es ist vielleicht doch keine ausgemachte Sache, dass Gott ein Österreicher ist. Aber dass Gott eine seiner größten Erfindungen, den Schauspieler, als Österreicher gedacht hat, scheint uns unbestreitbar. Der ideale Schauspieler hat nun mal Wiener Blut, das ist der Saft, der sein Leben schafft, genauso wie der Schauspieler als Wiener die Existenz von Wien rechtfertigt. Der Schauspieler ist die Lebensader dieser Stadt, von hier, von ihm bezieht sie ihre Existenzberechtigung. Darüber hinaus ist der Schauspieler auch der Daseinsgrund von ganz Österreich, es gibt das Land, damit der Schauspieler eine Heimat hat. Brandauer ist der legitime Darsteller dieser großen Idee Gottes für das Schauspiel und für Österreich.

Zweitens: Er macht Theater. Brandauer ist als Schauspieler traditionsbewusst bis zum Abwinken, er ist konservativ bis zur Selbstauflösung. Zu Brandauers Schauspielkunst gehört es, dass er spielt, als gäbe es kein Morgen, als wäre das Schauspiel eine sich immer und ewig gleichbleibende Kunst. Als gäbe es hier keinerlei Entwicklung und Veränderung, sondern nur ein ewiges Spiel von Engeln, Hanswursten, Hamlets, Dorfrichtern und ein paar normalen Menschen. Sein Theater ist ein Himmel, der sich in seiner Glückseligkeit gleich bleibt, ein Himmel, den andere zu betreten sich nicht erlauben können. Er aber lebt hier. Brandauer, könnte man auch sagen, ist der heutige Maximilian Schell.

Drittens: Brandauer hat die richtigen Rollen gespielt. Er war selbstverständlich der Jedermann (1983–89) und er hat selbstverständlich am Burgtheater den Hamlet gespielt, wenn auch erst spät, mit 42 Jahren (1985). Brandauer war Cyrano der Bergerac (ja, er ist der österreichische Depardieu), er war Nathan, er war Adam, er war Wallenstein, er war Ödipus. Brandauer spielt immer die Titelrolle und er spielt nur in Stücken, in denen es Titelrollen gibt: Tartuffe, Leonce, Figaro. Bald den Lear, wieder mit Peter Stein, wie beim Wallenstein.

Viertens: Brandauer ist die Burg. Niemand weiß, warum das Burgtheater das Theater schlechthin ist. Niemand weiß, woher sein Mythos kommt. Es hat selbstverständlich, siehe oben, mit Wien und Österreich zu tun, aber vielleicht sind ja Wien und Österreich eben auch nur des Burgtheaters wegen da. Jedenfalls ist, wenn es eine Verkörperung des Burgtheaters gibt, Brandauer auch diese Verkörperung. Was soll man machen? Man denkt: Brandauer – und sieht das Burgtheater vor sich, man denkt: Burgtheater – und sieht Brandauer vor sich.

Fünftens: Brandauer hat Manier. Wenn er spielt, kann er grimassieren und gestikulieren, und er kann auch gewaltige Ausbrüche haben und enorme Exaltationen. Immer hat man dabei das Gefühl, dass er sich selbst spielt. Man meint deswegen zu wissen, wer dieser Brandauer ist. Damit ist er exakt das, was sich normale Menschen unter einem Schauspieler vorstellen.

Sechstens: Er ist ein Mann. Brandauer ist ein Mann im Sinne von Kerl. Er ist ein Baum. Er steht da. Er hat Kraft. Brandauer scheint ohne jede Mühe Überlebensgröße darstellen zu können. Er verkehrt mit den Großen, eben jenen Hamlets, Nathans, Adams und Ödipussen, auf Augenhöhe. Er scheint mit ihnen allen, vielleicht in jenem Theaterhimmel, von dem vorhin die Rede war, persönlichen Umgang zu haben.

Siebtens: Er ist ein Schelm. Brandauer ist ein Hallodri, bis heute ein Bubencharakter, ein unbekümmerter, wandernder Zimmermannsgeselle, ein Schlawiner, etwas, das man einmal Schlitzohr nannte. Mit einem Wort: Brandauer ist ein Schauspieler.

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