+
1998 gab es im SAT 1 ein Frühstücksfernsehen - mit "geistlichem" Beistand. Hier Pastorin Kain Boye. 

Medien und Kirche

Sei uns gnädig, Herrgottnochmal!

  • schließen

Warum braucht die Welt weniger Religion? Unsere Autorin beantwortet die Frage kommentierend an der Rolle der Kirche in den Medien. 

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Darum geht es im christlichen Glauben und das ist für mich eine gute Orientierung.“ Die Pastorin, die hier im Hessischen Rundfunk über den Äther flötet, meint es ganz bestimmt nicht böse. Um Nächstenliebe geht es in diesem „Zuspruch“, darum, dass der Herrgott, ja, der Allmächtige, die Liebe zum Nächsten als hohes Gut im Kontrast zum Egoismus ausgedeutet hat. 

Aber geliebt werden muss zunächst natürlich ER, der Patriarch aller Patriarchen, der imaginierte Gott, der seit Jahrhunderten zumindest in Teilen nach wie vor die strukturellen Lebensabläufe des einzelnen wenn nicht bestimmt, so doch subversiv begleitet. Jenseits der Feiertage, die man durchaus auch mit weltlichen Ereignissen verknüpfen könnte, werden permanent christliche Botschaften unters Volk gejubelt – und dies mit freundlicher Unterstützung der Medien. 

Wer vermittelt denn täglich um 19.20 Uhr zwischen dem Besten an Musik aus den 80er- und 90er-Jahren, dass die Liebe zu „Gott“ einem das Seelenheil näher bringe? Hier HR1 beziehungsweise der öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der gemäß des Rundfunkstaatsvertrages von 1991 in Paragraf 7 festlegt, dass „Werbung politischer, weltanschaulicher oder religiöser Art unzulässig“ ist. 

Die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks 

Das Thema ist durchaus komplex, denn was ist eigentlich Werbung? Den „Zuspruch“ nämlich könnte man unter Werbung für eine religiöse Moralinstanz verbuchen, selbst wenn sie gesellschaftlich verwurzelt ist und als „gottgegeben“ hingenommen wird. Und damit wäre er laut Staatsvertrag schlicht illegal. Aber der verantwortliche HR definiert Werbung offensichtlich anders; womöglich, weil es sich die Kirche medial seit Jahrzehnten so kommod eingerichtet hat. 

Die Kirche und der Medienauftrag 

Oder wie formulierten es die katholischen Bischöfe bereits 1948, als sie in einem sogenannten ‚Hirtenwort‘ die Nazidiktatur - Stichwort Rattenlinie - auf ganz eigene Art zu verarbeiten suchten? „Die große Bedeutung der Presse, des Rundfunks, des Theaters und des Filmes für die Unordnung oder für die Neuordnung, für den Untergang oder für die Auferstehung unserer Zeit kann von den Christen nicht übersehen werden. Es ist nicht gleichgültig, in welchem Sinne die Leitartikel geschrieben und die Nachrichtenagenturen gelenkt werden. Es ist nicht gleichgültig, ob der Geist des Guten oder des Bösen durch den Äther spricht. Nicht nur durch Reden, auch durch Schweigen und Verschweigen kann die öffentliche Meinung beeinflußt werden.“ 

Bemerkenswerte Zeilen, die Frank L. Schütte, Vorstandssprecher des „Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten“, auf dem Atheisten-Kongress in Fulda 1991 insofern herunterbrach, als dass es um nichts anderes gehe als um „die Ausbreitung und Festigung des Gottesreichs“. 

Verbreitung irrationaler Botschaften und das Kapital

Doch warum lassen sich die Medien in Text, Bild und Ton auf die Verbreitung subtextueller irrationaler Botschaften überhaupt ein? Spätestens, wenn Bischöfe vom „Geist des Guten“ fabulieren, müssten doch sämtliche Alarmglocken lauter läuten, als es sonntags früh in Memmingen die Kirchenglocken tun. Aber die Kirche hat historisch fundierte gesellschaftliche Macht und vor allem hat sie sehr viel Geld, weshalb es umso irrer ist, dass sie kostenfrei ihre mediale Präsenz über säkulare Strukturen fundiert. 

Werner Sombart hat bereits 1913 darauf hingewiesen, dass Religion und Kapital eng miteinander verwoben sind, weil „die Geschichte des kapitalistischen Geistes,…, auf das engste mit der Geschichte ,..., der Kirchen in dem Sinne verknüpft (ist), daß diese ihn teils in seiner Entfaltung aufgehalten, teils gefördert haben.“ Die Medien funktionieren ebenso ganz im kapitalistischen Geist, selbst wenn ihnen eine Haltung inne wohnt. Ohne Kapital gibt es kein Produkt und ergo keinen Sender kulturgesellschaftlich relevanter Botschaften und Informationen. 

Die Medien geben der Religion eine willkommene Plattform

Entsprechend geben Medien religiösen Inhalten eine Plattform, weil sie wohl den subversiven Hirnwäschecharakter als etabliert einkaufen. Gleichzeitig scheint es ein Automatismus zu sein. Oder wie ist zu verstehen, dass beispielsweise der Schauspieler und Arzt Joe Bausch in einem HR-Talk nach dem „Glauben“ befragt wird? Hätte er diesbezüglich eine Botschaft, wäre sie von ihm formuliert worden. Aber offenbar ist „der Glaube“ inhaltlich struktureller Bestandteil des Mediums. Genauso hätte man ihn fragen können, ob er die SPD wählt. Aber nein, das wäre zu politisch, sein Glaube aber ist jetzt Allgemeinwissen, hier findet also keinerlei Distanzierung statt, weil ja jeder an irgendetwas zu glauben hat. 

 

Zunächst ist es der in §2 allgemein formulierte Auftrag des öffentlich-rechtlichen Hessischen Rundfunks, „durch die Herstellung und Verbreitung der Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen“. Das klingt vernünftig, und natürlich sind Religionen Bestandteil der Gesellschaft; es kann also nicht darum gehen, die Religion generell aus den Medien zu verbannen. Allerdings sollten religiöse Inhalte explizit benannt und nicht als vorausgesetzter Bestandteil einer sich immer stärker säkularisierenden Gesellschaft kommuniziert werden. 

Eigentlich hat sich der Rundfunkstaatsvertrag diesbezüglich eindeutig positioniert: §7 (3) besagt, dass „Werbung,…, als solche leicht erkennbar und vom redaktionellen Inhalt unterscheidbar sein (muss). In der Werbung dürfen keine Techniken der unterschwelligen Beeinflussung eingesetzt werden.“ Und wie oben bereits erwähnt, ist „Werbung politischer, weltanschaulicher oder religiöser Art unzulässig.“ 

Werbung für die christliche Religion

Das ist eine klare Ansage, aber schaut man ins TV-Programm der Öffentlich-Rechtlichen, findet mit „unterschwellig“ nur unzureichend beschriebene Werbung für die christliche Religion statt. So ist die Nonnen-Serie „Um Himmels Willen“ mit Fritz Wepper und Janina Hartwig für die „Goldene Kamera“ als beste „Heimat-Serie“ nominiert. Aber was bitte ist der zwangsironisierte Kleinkrieg zwischen einem Nonnenkloster und einem biederen Bürgermeister anderes als Schleichwerbung für die angeblich subversive Kraft der Kirche? 

Natürlich kann man über alles irgendwelche Serien drehen, man kann auch einen Pfarrer (Braun) zum Kriminalisten stilisieren. Nur bekommt es dann ein Geschmäckle, wenn kirchliche Inhalte parallel zum Serienklamauk nach den Tagesthemen ganz im Verkündungsmodus ausgestrahlt werden, wie etwa beim „Wort zum Sonntag“. Das regt laut Selbstdefinition „jeden Samstag […] zum Nachdenken, Umdenken und zum menschlichen Denken“ an, was schon einigermaßen starker Tobak ist. Als würde die Religion zum „menschlichen“ Denken gebraucht. Aber das passt natürlich zur These, dass der Mensch von „Gott“ erschaffen wurde und daher nur im religiösen Kontext menschliches Denken zu vollziehen vermag. 

Gottesdienst als Sendeauftrag 

Weitere Präsenz erhält die Kirche durch übertragene Gottesdienste, die nach §7a nicht durch „Werbung oder Teleshopping-Spots“ unterbrochen werden dürfen. Wer also finanziert die im Rundfunkvertrag explizit erzwungenen Übertragungen? 

Unter §42 im Rundfunkstaatsvertrag ist festgehalten, dass „für Dritte, (hier) den Evangelischen Kirchen, der Katholischen Kirche und den Jüdischen Gemeinden … auf Wunsch angemessene Sendezeiten zur Übertragung religiöser Sendungen einzuräumen (sind); die Veranstalter können die Erstattung ihrer Selbstkosten verlangen.“ Das gilt jedoch nur für die privaten Sender (§42 / 3), was umso mehr erstaunt, weil die Kirche in speziellen Privatkanälen wie dem überkonfessionellen „Bibel TV“ oder dem katholischen K-TV bereits die religiöse Vollindoktrination über den Äther sendet. 

Der Rundfunk hat die Religion bereits eingepreist

Öffentlich-Rechtlich sei daher beispielhaft auf die Regelungen in Hessen verwiesen. Im Gesetzestext des Hessischen Rundfunks, dem Gründungspamphlet von 1948, heißt es unter §3, alle „Darbietungen sollen Nachrichten und Kommentare, Unterhaltung, Bildung und Belehrung, Gottesdienst und Erbauung vermitteln und dem Frieden, der Freiheit und der Völkerverständigung dienen.“ An diesem Text hat sich bislang (2019) nichts geändert. Somit ist der Gottesdienst also eingepreist in die hessisch-öffentlich-rechtliche Sendephilosophie. 

Und damit kann natürlich auch jede Finanzierung der Sendungsproduktion gerechtfertigt werden, weil die Vermittlung einer Messe Teil des Sendeauftrags ist. Der in §2 (siehe oben) allerdings neutraler formuliert daher kommt, Stichwort „öffentliche Meinungsbildung“. 

Ist die Abbildung eines Gottesdienstes tatsächlich noch elementarer Bestandteil öffentlicher Meinungsbildung? Oder ist er nicht vielmehr eine Nischenveranstaltung, die es sich im patriarchalen Machtapparat losgelöst allen Bedeutungsverlusts bestens eingerichtet hat?

Faktor Geld 

Tatsächlich werden die Produktionskosten der TV-Übertragungen einer Messe vom ausstrahlenden Hessischen Rundfunk gestemmt. Der Sender bildet also nicht nur ab, sondern ist am Produktionsprozess aktiv beteiligt. Im Gegensatz zu den Filmchen der Parteiwerbung, denn ungeachtet der politischen Farbe haben die Parteien ihre Spots in Inhalt und Ausführung selbst zu bezahlen. Der HR hat lediglich übertragende Funktion. 

Allerdings würden Parteitage und Übertragungen von Fußballveranstaltungen auch in der Produktion übernommen, heißt es von Seiten des HR auf Nachfrage. Das mag sein, nur ist ein Parteitag relevant für die politische Meinungsbildung, und diesbezüglich sieht sich das Medium auf Basis des Rundfunkstaatsvertrags bereits in seiner Präambel verpflichtet. Das Fußballspiel wird übertragen, weil es die Leute sehen wollen und der übertragende Sender einen wirtschaftlichen Mehrwert über die Erfüllung einer Quote erfährt. Genau aus diesem Grund werden keine Rasenhockey-Partien prominent gezeigt. 

Für den Gottesdienst interessieren sich vermutlich noch weniger Menschen als für eine Rasenhockeypartie, regelmäßig ausgestrahlt und produziert wird er trotzdem.

Indirektes Lobbying 

Womit hat sich die Kirche diese Vorzugsbehandlung verdient, die der Publizist Carsten Frerk als „indirektes Lobbying“ bezeichnet? Könnte es sein, dass die Gottesgläubigkeit entscheidungsrelevanter Redakteure eine Rolle spielt bezüglich der „ständigen Berieselung im Umgang mit kirchlichen Nachrichten“ (Frerk)? Der Jurist mit Schwerpunkt Staatskirchenrecht Gerhard Czermak diagnostiziert auf Basis der 2012 publizierten Untersuchung „Religion bei Meinungsmachern“, dass die befragten Journalisten, allesamt anonymisierte Leute in leitenden Positionen sogenannter Qualitätsmedien, den „gesellschaftlichen Einfluss der religiös-kirchlichen Repräsentanten als legitim und bedeutsam wahrnahmen“. Aus der Studie zitiert, werde eine „ideologiekritische Auseinandersetzung mit Religion und Kirche, die diese als Hemmschuh der Modernisierung oder als Aberglaube versteht, … in den Qualitätsmedien kaum noch geführt“. 

Lesen Sie hier den Buchbeitrag von Helmut Ortner: Lasst Gott aus dem Spiel

Und führt man beziehungsweise frau diese kritische Auseinandersetzung beispielsweise an Ostern dann doch, wie in einer Kolumne geschehen, als es um das aus der Zeit gefallene, von der Kirche verordnete Tanzverbot ging, das mit Säkularisierung ungefähr so viel zu tun hat wie Wasser mit Wein, wird der Text zwar gedruckt – der Shitstorm der Christenheit hinterher aber auf der Leserbriefseite sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit über Wochen abgebildet. Geht es um Religiosität, ist für so manchen aus dem religiösen Christentum schlicht Schluss mit lustig. 

Du sollst dich niemals über Religion lustig machen

Mach dich lustig über Veganer, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Frauen, Männer, Kinder, aber, nie, niemals über Religion. Sonst schießt dir womöglich das Fegefeuer aus dem Rechner. Geschenkt, nur zeigt das Beispiel, wie sehr dieses ganze religiöse Bohei mit Aufmerksamkeit und vorauseilendem Gehorsam zugeschüttet wird, obwohl Religion der Welt völlig humorbefreit seit Jahrhunderten einen Bären nach dem anderen aufbindet. Aber diese Bären sind gesetzt und entsprechend gehören die religiösen Gefühlspflänzchen immer schön gewässert. Keinesfalls darf man auf ihnen herumtrampeln, und sei es auch nur in getexteter Ironie. Dabei dürfen sie doch eigentlich alle glauben, was sie wollen. 

Die Macht der Kirche 

Das Problem besteht also darin, dass alle Menschenkinder auf Erden glauben sollen. Und selbst wenn wir nicht glauben, geht es mindestens um eine gesellschaftliche Deutungshoheit, die medial gespiegelt wird und die Kirche nach wie vor als einen Machtfaktor etabliert. Entsprechend hat die Kirche strukturell beinahe einen politischen Status, obwohl sie sich immer noch nicht von der unbefleckten Maria, geschweige denn einer sprechenden Schlange und Leuten, die übers Wasser gehen, distanziert hat. 

Was medial vermittelt wird, muss durch den Rundfunkrat gedeckt sein, der, wie es im HR-Gesetz in § 5 festgehalten ist, „… die Allgemeinheit auf dem Gebiete des Rundfunks (vertritt). Seine Mitglieder sind nicht Vertreter einer Partei, einer Konfession, eines Standes oder einer Organisation; sie sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden.“ Tatsächlich sind Leute der katholischen und evangelischen Kirche vertreten. Formuliert ist aber, dass sie eben gerade keine Vertreter seien, mit dem Zusatz, sie seien nicht an Weisungen gebunden. 

Natürlich vertreten Kirchenvertreter christliche Werte

Aber, sorry Leute, wenn ich explizit zwei Kirchenvertreter aufstelle, dann vertreten die natürlich ihre Interessen, und die sind christlich. So wie das die Landfrauen oder Landmusiker auch machen, nur werden die nicht ähnlich prominent abgebildet. Weil die Religiosität sämtliche Fortschrittsbewegungen überdauert, weil sie „gottgegeben“ diesseitig als real verkauft wird. Und nicht als das, was sie ist. Ein Glaube.

Der Text ist erschienen in: Helmut Ortner: EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen Eine Abrechnung Mit Essays von Hamel Abdel-Samad, Constanze Kleis u.a. Nomen Verlag, 360 S., 24 Euro, erscheint am 15. Mai.© Nomen Verlag


Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare