Preti Taneja folgt Shakespeares Spuren. Foto: Louise Haywood Scheifer

Shakeapeare

King Lear kommt nach Kaschmir

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Preti Taneja hat mit „Wir, die wir jung sind“ ein großes indisches Generationendrama in Romanform geschrieben und dafür eine berühmte Vorlage neu interpretiert.

Ein anständiges Königsdrama hat fünf Akte, und am Schluss sind alle tot. So pflegt es bei Shakespeare zu sein, nicht die schlechteste Vorlage, die man sich wählen kann. Die britische Autorin Preti Taneja – promovierte Literaturwissenschaftlerin, als Journalistin in Krisengebieten erfahren, Tochter indischstämmiger Eltern – hat für ihren ersten Roman die ganz große Geste gewagt. „Wir, die wir jung sind“ erzählt vom ultimativen Generationenkonflikt in der indischen Upper Class. Das Handlungsgerüst stammt aus Shakespeares ultimativem Generationendrama „König Lear“. Und über weite Strecken funktioniert das hervorragend.

Alles beginnt aus der Perspektive eines Außenseiters: Ein junger Mann kehrt aus den USA nach Indien zurück. Er wurde als unehelicher Sohn des Geschäftsmanns Ranjit geboren, dem ein kleiner Teil eines indischen Firmenimperiums gehört, der „Company“. Deren Gründer und Haupteigentümer ist Devraj, Nachkomme eines Maharadschas und mit altem sowie neuem Geld reich gesegnet. Die omnipräsente Company stellt Beton ebenso her wie Süßigkeiten und verfügt über eine Kette von Luxushotels, von denen das neueste in Srinagar, der Regionalhauptstadt von Kaschmir, eröffnet werden soll.

Devraj hat drei Töchter: die tüchtige Gargi, die verwöhnte Radha und das Nesthäkchen Sita. Geschäftspartner Ranjit wiederum hat zwei Söhne, Jeet und Jivan. Letzterer, der fünfzehn Jahre fern vom Familienclan lebte, kommt nun just zu einer Zeit wieder nach Indien, als der alte Devraj sich anschickt, seine Nachfolge zu regeln. Sita – die in Cambridge studiert hat und jetzt die Welt verbessern möchte – sorgt für einen Eklat, als sie ihren Anteil am Erbe ablehnt. Es ist der Auftakt zu einem blutigen Familiendrama, das zu einem Krieg aller gegen alle werden wird.

Den fünf Akten des Dramas entsprechen im Roman fünf Teile, die chronologisch aufeinander folgen und dabei je aus der Perspektive einer anderen Figur – den fünf Nachkommen – erzählt werden. Innere Monologe des immer dementer werdenden Devraj sind dazwischengeschaltet. Eine Figur nach der anderen baut Taneja sorgsam erzählerisch auf, um sie anschließend wieder zu demontieren.

Außenseiter Jivan, zunächst eine sympathische Identifikationsfigur, steigt im Sicherheitsapparat der Company auf und wird vor lauter Dazugehörenwollen zum gewissenlosen Machtmenschen. Gargi, Devrajs älteste Tochter, die de facto das Unternehmen leitet, ist ungeschickt im Taktieren und fällt beim Vater in Ungnade, als sie sich weigert, weiterhin seine dekadenten Partys auszurichten. Und Schwester Radha, nach außen ein reizendes Modegeschöpf, wird zum mordenden Monster, als ihr Erbe gefährdet scheint.

Mit der opulenten Ausgestaltung dieser sehr unterschiedlichen Perspektiven entsteht ein kunstvolles Erzählgebäude, fast eine Art Palast von Roman. Ob dieser auch ein einigermaßen realistisches Bild der Daseinsformen in der indischen Ober-schicht wiedergibt, wäre zu diskutieren, wenn man das denn diskutieren wollte. Shakespeare suchte seine Schauplätze nicht nach landeskundlichen Kriterien aus; und auch bei Taneja ist Indien – trotz des üppig und realitätsnah geschilderten Lokalkolorits – nicht das eigentliche Thema, sondern vor allem ein eindrucksvoller Schauplatz.

Die Tragödie in Kaschmir und im Punjab kulminieren zu lassen, ist ein geschickter Kunstgriff, weil diese umkämpften Regionen sich als Ortsmetapher anbieten. In der traumschönen Kulisse der immer wieder von Gewalt erschütterten Stadt Srinagar kommt es zur finalen Katastrophe.

Die Autorin scheint fest entschlossen, Altmeister Shakespeare bis zum bitteren Ende zu folgen. Dafür entfernt sie sich auf den letzten Etappen recht weit von den erzählerisch-epischen Anfängen ihres Romans. Der vierte Teil, in dem Jivans Halbbruder Jeet als Sadhu in einem Slum lebt, und der fünfte, worin die naive Sita ahnungslos ins Verderben läuft, leiden an ihrer offensichtlichen Konstruiertheit. Beide Personen bleiben als Charaktere schemenhaft, im Falle von Jeet fast ins Karikaturenhafte verzerrt; zu sehr muss die Figurenpsychologie sich den Erfordernissen der Vorlage unterordnen. Der Kontrast zu den ersten drei Romanteilen und dem vollendeten Umgang mit der Figurenperspektive dort ist auffällig.

Es ist wohl einfach so, dass der klassische, zwingend auf eine Katastrophe zulaufende Dramenaufbau nicht so leicht in Deckung zu bringen ist mit den Erwartungen, die der moderne Mensch an einen Roman hat. Shakespeare ein klein wenig umzuschreiben hätte hier vielleicht nicht geschadet. – Dennoch gilt: Wenn von 600 Seiten mindestens 400 großartig erzählt sind, dann hilft der Schwung über ein etwas zu dramatisches Finale hinweg.

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