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Präsident John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas, kurz vor dem Attentat, das die Welt erschüttert hat.

Incubus

Er kennt das Geheimnis. Das ganze Geheimnis.

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Das Jahr 2024. Drei Männer stehen vor den schwersten Aufgaben ihres Lebens. Einer von ihnen: Detective Marc Johnson. Er flieht vor Agenten, die ihn töten wollen. Leseprobe aus dem dritten Teil des Virenkrieg-Zyklus von FR-Redakteur Lutz Büge.

Die Abteilung Schwerverbrechen bot einen traurigen Anblick, als das Neonlicht der Deckenlampen aufflackerte und auf Schreibtische fiel, die ihren Sinn verloren zu haben schienen. Von hier aus sollte täglich der Rechtsstaat verteidigt worden sein? Welcher Rechtsstaat?

Jetzt war der richtige Moment für den Glenmorangie. Marc beugte sich hinab, um die Schublade des Rollcontainers unter seinem Schreibtisch zu öffnen, in der er die halbleere Flasche vor Hillary in Sicherheit gebracht hatte, natürlich ganz hinten. Er holte sie hervor, und dabei fiel sein Blick auf einen USB-Stick, der vorn in der Schublade lag. Daran klebte ein Post-It, auf dem in Hillarys Handschrift die Worte standen:

„Nur offline einstecken.“

Marc schluchzte auf. Er war normalerweise nicht nah am Wasser gebaut, aber als er begriff, dass er gefunden hatte, wonach sie suchten – und zwar in seiner Schublade, wo Hillary es deponiert haben musste! –, und dass Menschen wie Hillary wegen solch winziger Speicherstifte sterben mussten, da kam alles zusammen, und er vergoss Tränen, als stünde er an Hillarys Grab. Wütend stand er auf, ging hinüber zu Hillarys Arbeitsplatz, kramte das Glas hervor, aus dem sie bei ihrem Rückfall getrunken hatte – denn da stand es noch –, und schenkte es halbvoll ein. Dann trank er es zur Hälfte aus.

Danach ging es ihm nicht besser. Weder konnte er klarer denken noch hatte er eine Idee, was das alles zu bedeuten hatte. Aber das Brennen in seinem Bauch erdete ihn.

Nur offline einstecken …

Die Rechner des Departments waren vernetzt und damit automatisch online. Er brauchte einen separaten Rechner, zum Beispiel sein altes Notebook. Er hatte es von seiner früheren Dienststelle mitgenommen, obwohl ihm gesagt worden war, dass er es nicht mehr brauchen würde. Es war fast zehn Jahre alt, ein Fossil in der heutigen Computerwelt, aber bis vor zwei Jahren hatte er es auf dem aktuellen Stand der Entwicklung halten können. Er kramte es hervor, steckte das Netzteil ein, schaltete den Drahtlos-Empfänger aus und fuhr den Computer hoch. Zuverlässig begann das Gerät zu summen. Marc gab sein Passwort ein, gelangte auf die Arbeitsebene, überzeugte sich davon, dass das Gerät keine Verbindung zum Internet hatte, steckte den USB-Stick in den Slot und lehnte sich zurück. Gespannt darauf, was nun passieren würde, leerte er das Whisky-Glas.

Überraschenderweise wurde er aufgefordert, ein Programm zu installieren, das sich auf dem USB-Stick befand. Es hieß Scorpio und versprach, seinen Rechner so zu modifizieren, dass jegliche Spyware, die sich darauf befand, unschädlich gemacht wurde. Die Installationsaufforderung war mit dem Hinweis verbunden, dass möglicherweise anschließend ein weiteres Programm namens Playground installiert werden musste, und zwar wenn Scorpio Trojaner auf dem Rechner fand. Marc setzte die Installation in Gang und war erstaunt, als tatsächlich die Aufforderung kam, Playground zu installieren. Das Programm befand sich ebenfalls auf dem USB-Stick.

Trojaner auf Marcs altem Polizei-Rechner?

Schließlich war die Installation abgeschlossen.

„Verbindung zum Internet herstellen?“, fragte das Gerät. Marc klickte auf Ja. Gleich darauf durchzuckte es ihn: Das könnte ein Fehler gewesen sein. Plötzlich wurde der Monitor schwarz, und es tauchte ein blinkender Cursor auf. Sonst geschah nichts. Für zwei Sekunden. Dann erschienen Buchstaben im Schwarz, Zeichen wie aus der Frühzeit des Internets, monochrom und ungelenk, Wörter.

>>hallo marc. jetzt haben wir mehr zeit, uns zu unterhalten, wenn auch nicht viel mehr. ich bin erleichtert, dass ihnen die flucht gelungen ist

Marc brauchte einige Momente, um zu kombinieren.

<<evan

>>ja

<<wer sind sie

>>ihr verbündeter. es hat leider einen toten gegeben. richard drake, der radfahrer, hat es nicht geschafft. er wurde mit ihnen verwechselt

<<woher wissen sie das

>>ich war dabei, gewissermaßen

<<was soll das heißen

<<wäre ich zyniker, würde ich sagen, drakes tod war ein kollateralschaden im namen der nationalen sicherheit

<<mir ist nicht nach zynismus. woher wussten sie, evan, dass ich in hillarys wohnung bin

>>wegen der kameras, die dort installiert sind. falls sie es noch nicht bemerkt haben, marc, wir leben in einem überwachungsstaat. sie haben heute selbst erfahren, dass sich die regeln geändert haben. es ist lebenswichtig für sie, dass sie diese wahrheit verinnerlichen. sie sind in seattle nicht sicher. die agenten werden sie finden

<<ich bin keine gefahr für die nationale sicherheit

>>doch, aus sicht dieser leute sind sie das

<<da ist wohl einiges aus dem ruder gelaufen. wer sind die

>>agenten der internal affairs division, eines geheimdiensts. inzwischen wurden viele agenten zusammengezogen, um die krise in den griff zu bekommen. die führungsebene der iad hat begriffen, dass sie die krise zunächst unterschätzt hat

<<welche krise

>>die mcweir-krise, die george-w-bush-krise und die krise, in der sich die organisation infolgedessen jetzt befindet. alle details dazu finden sie auf dem usb-stick von detective landsdale. nehmen sie sich gelegentlich zeit zum lesen. jetzt jedoch müssen wir ihr leben retten. sie müssen aus seattle verschwinden, und zwar spurlos, ohne freunde, familie und vorgesetzte zu informieren. sie müssen jetzt ebenso stark wie rigoros sein. wenn sie ihr bisheriges leben weiterzuführen versuchen, werden sie sterben. sie haben erlebt, wozu die agenten fähig sind

<<ich verstehe das alles nicht. was soll das

>>wir haben jetzt keine zeit für lange erklärungen. sie müssen mir vertrauen. ich hätte eine aufgabe für sie

<<evan, wer sind sie

>>ein freund und verbündeter, wie ich schon sagte

<<wer sind sie, dass sie glauben, mir aufgaben geben zu können

>>lesen sie erst das folgende und urteilen sie anschließend. dass ihr leben in gefahr ist, haben sie bereits bemerkt. keinesfalls dürfen sie in ihre wohnung zurückkehren. ihr handy haben sie bereits unbrauchbar gemacht. sie verfügen nicht zufällig über eine zweite identität, in die sie zu ihrem schutz schlüpfen könnten

<<bedaure, ich bin ein einfacher detective

>>schade. das ist in anderen notfällen, die ich betreut habe, durchaus hilfreich gewesen. dank seiner zweiten identität konnte ich beispielsweise michael schwartz dabei behilflich sein, das land zu verlassen

<<sie haben michael schwartz gekannt

>>gewissermaßen war ich sein fluchthelfer

<<dann verschaffen sie mir doch einfach so eine zweite identität

>>dadurch begäbe ich mich diesmal in gefahr. die dinge haben sich geändert. in ihrem fall müssen wir anders vorgehen. wie viel bargeld haben sie bei sich

<<vielleicht hundert Dollar

>>mieten sie einen wagen per kreditkarte, und zwar noch heute nacht. das muss das letzte mal sein, dass sie diese kreditkarte einsetzen. zerstören sie gps und navigation des wagens. fahren sie nach prescott springs an der grenze zu kanada. das auto lassen sie dort stehen oder zerstören es. ich werde veranlassen, dass bei den mülleimern hinter winonas inn ein umschlag mit 5000 dollar für sie liegt. nehmen sie den bus nach bonners ferry und weiter nach cranbrook in kanada. benutzen sie generell nur busse und bahnen, keine flugzeuge. bedenken sie, dass auf bahnhöfen und öffentlichen plätzen kameras installiert sind, deren bilder mit gesichtserkennungssoftware gescannt werden. tarnen sie sich. standardmittel in solchen fällen sind baseballkappe, sonnenbrille und fortbewegung bei gesenktem kopf. zahlen sie nur bar

<<ich habe das gefühl, dass wir gleich auf die aufgabe zu sprechen kommen werden

>>marc, hätten sie lust, den laden zu sprengen, der ihnen heute nach dem leben trachtet

<<sie meinen die iad

>>genau

<<natürlich hätte ich größte lust dazu, aber wie könnte ich die sprengen

>>indem sie die aufgabe übernehmen, die ich ihnen übertragen möchte. ich bitte sie, personenschützer eines mannes namens kenneth fitzgerald zu werden. er lebt seit fast acht jahren in der kanadischen wildnis. er müsste jetzt so weit sein, dass er an die öffentlichkeit treten kann. er muss seine erkenntnisse jetzt veröffentlichen, ehe der wahlkampf vorbei ist. mr. fitzgerald ist der für die zukunft der usa zurzeit wichtigste mensch auf diesem planeten. ich dachte, ihn zu schützen, müsste für sie eine reizvolle aufgabe sein

<<wieso ist er der wichtigste mensch

>>er kennt das geheimnis. das ganze geheimnis

<<ich verstehe kein wort

>> fitzgerald war leitender archivar am nationalarchiv, wo ende 2016 die jfk-akten verbrannten, bevor sie der öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten. er hat jedoch digitale kopien dieser akten angefertigt. niemand weiß davon außer ihm, mir und nun auch ihnen. er hat sich in die kanadische wildnis zurückgezogen, um das material auszuwerten. inzwischen müsste er fertig sein. fitzgerald kennt also die wahrheit über den mord an john f. kennedy. und damit kennt er die wahrheit über die geschichte der usa seit dem attentat. sie, marc, sollen ihn schützen, in die usa zurückbringen und ihm bei der veröffentlichung helfen. ist das eine lohnende aufgabe

Marc hatte es die Sprache verschlagen.

>>marc

<<ich weiß nicht, was ich sagen soll

>>fitzgeralds wissen wird die usa verändern. es ist wie eine bombe für die kreise der iad. nach allem, was mir darüber bekannt ist, wird es die iad pulverisieren, ebenso die geheimen strukturen, zu denen sie gehört. es ist daher bitter nötig, diese erkenntnisse zu veröffentlichen. und sie, marc, haben die chance, diese bombe ins ziel zu steuern und den putsch zu verhindern, der den usa droht

<<es reicht allmählich

>>sie haben vermutlich viele fragen. auf dem usb-stick finden sie viele antworten. über alles weitere reden wir, wenn sie aus kanada zurückgekehrt sind. stecken sie einfach den stick wieder in ihr notebook, wenn sie so weit sind. ich werde sie dann finden. bis dahin müssen sie konsequent offline bleiben

<<habe ich eine wahl

>>ehrlich gesagt, marc, nein. etwas besseres kann ich ihnen nicht anbieten. auf diese weise bringen wir sie in sicherheit. außerdem dienen sie ihrem land. meinen informationen zufolge hält sich mr. fitzgerald im kanadischen territorium saskatchewan auf, in der nähe von prince albert bei einer kleinstadt namens big river. es wird möglicherweise nicht einfach sein, ihn ausfindig zu machen. er ist seit jahren offline. im jahr seiner flucht war er 1,70 meter groß, deutlich untergewichtig und menschlich schwierig. außerdem hat er einen doktortitel und pflegt eine schwer begreifliche vorliebe für alles britische. er hatte eine andere identität angenommen und nannte sich zuletzt darren o’hara. haben sie fragen

<<ich weiß nicht, was ich davon halten soll

>>überlegen sie nicht zu lange. die agenten sind unterwegs zu ihnen

Buch und Autor

„Incubus – Virenkrieg III“ist die Fortsetzung von „Skylla – Virenkrieg II“ und der dritte von fünf Teilen des „Virenkrieg“-Zyklus. Es geht um den Genetiker Jan Metzner, der gezwungen wird, für die „Islamische Allianz“ Biowaffen zu entwickeln. Er und die anderen Protagonisten sind Spielbälle in einem globalen Konflikt zwischen dem Westen und „dem Islam“. 

Detective Marc Johnson,um den es in der Leseprobe geht, muss komplett mit seinem bisherigen Leben brechen, nachdem er soeben knapp schießwütigen Agenten entkommen ist. Mit der dritten Hauptfigur, dem jungen Berater und Redenschreiber Phil Schwartz, begleitet der Roman den Präsidentschaftskandidaten Joey Calderon durch den US-Wahlkampf, der von unerwarteten Enthüllungen über das Attentat auf John F. Kennedy beeinflusst wird. Die Leseprobe stammt vom Ende des ersten Kapitels. 

Autor Lutz Büge,geboren 1964 in Eutin, ist Ihnen als „Bronski“ aus der FR bekannt. Er betreut seit zwölf Jahren unser Leserforum. „Incubus – Virenkrieg III“ ist der dreizehnte veröffentlichte Roman des in Offenbach lebenden Autors. Büge über seinen Roman: „‚Incubus‘ ist zwar Fiktion, hat aber schmerzhaft viel mit unserer Gegenwart zu tun.“ Ein Interview als Selbstgespräch können Sie im FR-Blog nachlesen unter frblog.de/zwoelf-jahre. 

Mehr Informationenüber „Incubus – Virenkrieg III“ finden Sie auf der Webseite des Autors unter ybersinn.de/derneue

Die Buchpräsentationmit Lesung, Signierstunde und Sektempfang findet am 19. September um 19 Uhr im Bibliothekszentrum Sachsenhausen, Hedderichstr. 32, in Frankfurt statt. Veranstalter ist der Verein Pro Lesen. Der Eintritt ist frei. FR

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