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Keine Experimente!

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Seine Zukunft in der ARD ist ungewiss: Thomas Gottschalk.
Seine Zukunft in der ARD ist ungewiss: Thomas Gottschalk. © dpa

Gottschalk, Schmidt und Co.: Das Publikum knipst die Lichtgestalten des Fernsehens aus und unterhält sich zuhause eher mit DVD-Boxen und Youtube-Filmen.

Von Klaudia Wick

Es war eine Nachricht, aber keine Überraschung mehr: Am Mittwoch gab die ARD das Aus für „Gottschalk live“ bekannt. Eine Stunde nach der offiziellen Verlautbarung applaudierten in Berlin die Mitglieder der „Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm“ über diese Entscheidung, als sei dies tatsächlich jene „gute Nachricht“, als die es der Moderator der Veranstaltung Thomas Leif verkündete. Zweihundert Fernsehmacher waren an diesem Abend der Einladung der AG Dok gefolgt, über „Weiberfilme“, „Süßholz“, „Star-TV“ und die Frage zu diskutieren, ob „das Seichte das Dokumentarische“ im Fernsehen verdrängt.

Im Publikum saß so mancher, der oder die vom Dokumentarfilmmachen nur noch schlecht oder schon gar nicht mehr leben kann. Als Fressfeinde sind die Schmonzetten der „Degeto“, die „Talkshow“-Offensive der ARD und eben die „teuren“ Publikumslieblinge wie Thomas Gottschalk längst ausgemacht. So hatte erst kürzlich der Verbandsvorsitzende Thomas Frickel einen vor Ironie triefenden offenen Brief an den ARD-Programmdirektor verfasst, in dem er dem „sehr geehrten, lieben Herrn Herres“ anbot, „für den vermutlich bald frei werdenden Sendeplatz ein von der AG DOK gestaltetes tägliches dokumentarisches Format zu liefern. Für Sie bedeutet das: Nicht mehr über den Inhalt dieses in der ARD ungeliebten Sendeplatzes nachdenken zu müssen!“

Ganz offensichtlich ist Herres dem Rat der AG Dok zumindest in dem Punkt gefolgt, erstmal nicht neu über den Inhalt des ARD-Vorabends nachzudenken. Das Erste wird nach dem Aus von „Gottschalk live“ zunächst einmal auf den „Status quo ante“ zurückkehren: Also wieder eine längere Ausgabe des Boulevardmagazins „Brisant“ (seit 1994) zeigen, dann die Dokusoap „Verbotene Liebe“ (seit 1995) ausstrahlen und einen Krimi (zum Beispiel: „Das Großstadtrevier“, seit 1986) folgen lassen. Wenn es möglich wäre, würde Herres vor der „Tagesschau“ (seit 1952) wohl auch noch „Das Quiz mit Jörg Pilawa“ (2001 bis 2010) zurückholen. Denn auch dem Freitagsquiz „Drei bei Kai“ fehlt noch die notwendige Zuschauerakzeptanz.

Ist Kai Pflaume der Nächste?

Kai Pflaume könnte also der Nächste auf der Liste sein, dessen Sendung eingestellt wird. Er befände sich in bester Gesellschaft, eine ganze Generation von Fernsehgesichtern wird derzeit ausgemustert, weil das Publikum sich an sie auf einem neuen Sendeplatz oder mit einem neuen Format partout nicht gewöhnen mag. Zuletzt traf es Harald Schmidt, dessen „Sommerpause“ bei Sat.1 bereits Anfang Mai beginnen und nicht enden wird, im letzten Jahr Johannes B. Kerner bei Sat.1.

Mit seiner Fernbedienung zappt der Zuschauer allabendlich in rasantem Tempo durch die Programme und sucht verzweifelt nach vertrauten Gesichtern und Ritualen. Wo aber kleinste Verschiebungen bereits wie Erdrutsche wahrgenommen werden, musste ein so grundlegend anderes Format wie „Gottschalk Live“ auf den ARD-Stammzuschauer wie das Ende der (ihm) bekannten (Fernseh)-Welt wirken.

Oder hat der Regisseur Pepe Dankwart, einer der Podiumsteilnehmer des AG-Dok-Abends, recht, wenn er erklärt, das Fernsehen der 80er-Jahre sei einfach besser gewesen als das von heute? Gibt es also die „Innovationsblockade“, die Moderator Thomas Leif in Berlin konstatierte? Und ließe sich eine solche Sperre tatsächlich einfach aufbrechen, indem die Programmverantwortlichen „mehr Mut“ (Dok-Filmer Stefan Lamby) aufbringen und einfach mal „mit langem Atem“ zeigen, was so ohne weiteres niemand sehen will?

Nah an der Publimkumsbeschimpfung

Wer sich das Fernsehprogramm systematisch anschaut, kann über fehlende Innovationsbereitschaft eigentlich nicht klagen. Allerdings finden die „Experimente“ seit Längerem nicht im öffentlich-rechtlichen System und nicht in den klassischen Genres statt. Die neuen Fernsehgesichter, die die Gottschalks, Schmidts und Kerners verdrängen, heißen Dieter Bohlen, Christian Rach, Peter Zwegat, Tine Wittler und Sükrü Pehlivan. Sie unterhalten ihr Publikum mit diversen Hybridformaten, sie machen sich bemerkbar mit einer provokanten Mischung aus Seichtem und Halbdokumentarischem. So zetteln sie Debatten über Selbsteinschätzung, Arbeitsdisziplin und Privatverschuldung an und stellen nebenbei auch noch dreist den Wert des Authentischen in der Mediengesellschaft infrage.

Debatten über das Fernsehen bewegen sich oft gefährlich nah an der Publikumsbeschimpfung. Die einen zeigen mit dem Finger auf die alten, und damit innovationsfeindlichen Zuschauerkohorten der Öffentlich-Rechtlichen, die anderen rümpfen die Nase über den unreflektierten Unterhaltungsslalom des Privat-TV-Publikums. Im Niemandsland zwischen den beiden Lagern, die ihre Argumente mit verblüffend schmaler Programmkenntnis unterfüttern, siedelt sich mit den DVD-Boxen oder via Youtube ein neuer Mediengebrauch an, der aufregender oder kurzweiliger ist als das Regelfernsehen, das sich längst zum Restzeitverwertungsmedium entwickelt hat. Die Glotze wird oft nur noch absichtslos eingeschaltet, wenn die Energie für andere Freizeitaktivitäten erschöpft ist. Wer so schaut, braucht aber keine anspruchsvollen Programme, sondern bemerkenswerte. Oder eben solche, die nicht weiter stören.

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