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Keine Angst vor Größenwahn

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Von: Christian Schlüter

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Steven Wilson, der Klangmagier
Steven Wilson, der Klangmagier © votos/Roland Owsnitzki

Monumentalklangkünstler Steven Wilson stellte im Huxleys sein neues Album „The Raven That Refused to Sing“ vor.

Steven Wilson ist ein Wunderkind. Er kann alles. Er macht alles. Musikalisch jedenfalls. Er singt, spielt Bass, Gitarre und Keyboards. Er gründete verschiedene Bands, darunter die etwas bekannteren Porcupine Tree mit ihrem leicht schwermütigen Progressive Rock, verfolgt aber auch abseitige Projekte wie die in eisig-sphärischen Klangräumen umherirrende Experimentalformation Bass Communion oder die Krautrock-Spaßkapelle Incredible Expanding Mindfuck. Zudem betätigt sich Wilson als Toningenieur und Produzent, in dieser Eigenschaft betreute er so fabulöse Bands wie Marillion, Emerson, Lake?&?Palmer sowie King Crimson.

Letztere verdienen hier besonders Erwähnung, da Wilson, wenn er unter eigenem Namen musiziert, über weite Strecken doch sehr à la King Crimson klingt, diesen Altmeistern des Progressive Rock. Und genau so ist es auch auf seinem neuen Album der Fall, es trägt den berückend, ja märchenhaft schönen Titel „The Raven That Refused to Sing (And Other Stories)“ und darf gewiss zu den aufregendsten Alben in diesem Jahr gezählt werden. Produziert wurde das Werk von keinem Geringeren als – nein, nicht nur Wilson selbst – Alan Parsons, dem britischen Klangzauberer, einige erinnern vielleicht noch an das legendäre Alan Parsons Project.

Der Rabe also, der nicht singen will. Wie der wohl klingt? Klare Antwort: grandios auf dem Album und ebenso grandios auf der Bühne. Das lässt sich nach dem Konzert am Donnerstag im Huxleys ohne Einschränkung sagen. Steven Wilson stand eine nur erlesen zu nennenden Band zur Seite – der sagenhafte Saitenflitzer Guthrie Govan mit Marco Minnemann, ein feinmotorisch überaus begabter Schlagzeuger, der vielseitige, extrem elegante Nick Beggs am Bass und am Chapman Stick, Theo Travis an Querflöte und Saxofon sowie Adam Holzman an den Keyboards. Diese Herren klingen einfach perfekt.

Wilson hat sich für die Tournee eine Supergruppe zusammengecastet, auf der Bühne freut er sich wie ein kleines Kind, ja, scheint manchmal ungläubig darüber zu staunen, mit wem er da eigentlich zusammen spielen darf. Los geht es mit dem Eröffnungssong des Albums, „Luminol“, einem rasanten Ritt durch die musikalischen Zeitalter, kreuz und quer mäandernd durch den Fusion der Siebziger und Achtzigerjahre, psychedelisch verhallenden Flötenwirbeln, punkrockistischen Geräuschwänden und balladesken Gesangseinlagen. Wilson spielt mit dem Musikarchiv wie sonst nur Kinder mit Bauklötzen. Dabei hat er keine Angst vor Größe, vor dem großen Gefühl, dem Größenwahn.

Und so errichtet das Wunderkind von einem Song zum nächsten, von „Drive Home“ über „The Holy Drinker“ bis zu „The Watchmaker“ eine imposante Klangarchitektur; sie ragt himmelhoch empor und greift also weit in jenseitige, mythische wie religiöse Gefilde aus; sie durchziehen unzählige, rhythmisch vielfach gefaltete und gebogene Schichten. Ein großartiger Bau, orchestral und ornamental, in dem von der Romantik bis in die schnöde Gegenwart alles seinen Platz findet. Und für wenige, glückliche Momente will es so scheinen, als wäre in diesem kunstvoll angerichteten Potpourri alles in bester, vor allem harmonischer Ordnung.

Aus diesem Grund hängt Wilsons Monumentalkunst allerdings immer auch etwas von erpresster Versöhnung an: Seine ausgelassene Spielfreude zwingt die verschiedensten Musikstile zusammen und lässt keine Risse mehr erkennen. Er betreibt eine Universalmaschine des Klangs, alles, was die Archive hergeben, verleibt sie sich ein. Doch vielleicht bedarf es dieses Zwangs, um den großen Ausbruch umso wirkungsvoller inszenieren zu können. Im letzten Lied des Konzerts, vor der Zugabe, wird endlich der Titelsong des neuen Albums gespielt, „The Raven That Refused to Sing“ – eine Geschichte von Tod und Angst. Und ewiger Liebe.

Ein berührenderes, schöneres und traurigeres, ernsteres und zugleich fröhlicheres Lied hat es lange nicht gegeben. Und auf einmal reißt der Himmel auf. Dem Publikum im ausverkauftem Huxleys ist die Erleichterung anzumerken, lange saß es in stiller Andacht da und ließ sich von der schieren Größe des Bühnenspiels bannen. Nun aber bricht der Jubel aus. Wohl auch aus Dankbarkeit, der klangperfektionistischen Umklammerung wieder entronnen zu sein. Wilson, dieses Wunderkind, hat uns wieder losgelassen. Was für ein Konzert!

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