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Arbeitslose stehen im Oktober 1929 Schlange.

Weltwirtschaftskrise

Kein später Sieg des Sozialismus

Um die Wirtschaftskrise zu bewältigen, müssen die Banken umstrukturiert werden. Von Niall Ferguson

Von NIALL FERGUSON

Es sollte die "Große Repression" heißen. Die westliche Welt verschließt krampfhaft die Augen vor ihrem gigantischen Schuldenberg. Viele Regierungen und noch mehr Unternehmen sind maßlos verschuldet, und vor allem Privathaushalte ächzen unter einer unvorhergesehenen Schuldenlast. Am schlimmsten betroffen sind die Banken. Ein eindeutiges Zeichen für unseren repressiven Umgang mit den Tatsachen besteht in der landläufigen Meinung, die Krise sei dadurch in den Griff zu bekommen, dass man noch mehr Schulden macht.

Die USA laufen dieses Jahr Gefahr, ein Haushaltsdefizit von zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes verzeichnen zu müssen - hierbei wurden die Kosten für das Konjunkturpaket auf die optimistische Vorhersage des Kongresses von 8,3 Prozent aufgeschlagen. Die wiedergeborenen Keynesianer scheinen zu vergessen, dass der Ansatz einer kreditfinanzierten Steuerentlastung für einen mehr oder weniger geschlossenen Wirtschaftskreislauf konzipiert war. Wir leben aber inzwischen in einer globalisierten Welt, in der die Geldverschwendung einer Regierung eher zu starken Schwankungen auf den internationalen Aktien- und Devisenmärkten führt, als dass sie die nationale Wirtschaft ankurbelt.

Ein besserer Ansatz ginge genau in die entgegengesetzte Richtung. Schulden müssten abgebaut, nicht noch weiter angehäuft werden. Zwei Schritte sind vonnöten. Zunächst müssen Banken, die de facto insolvent sind, umstrukturiert werden - ein Wort, das dem altmodischen Begriff der "Verstaatlichung" vorzuziehen ist. Aktionäre werden sich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass ihr Geld verloren ist. Schlimm zwar, aber sie hätten die Leute, die sie mit der Geschäftsführung ihrer Banken betraut haben, besser im Auge behalten sollen. Die Regierung übernimmt die Kontrolle im Austausch mit einer kräftigen Kapitalspritze, nachdem die Verluste angemessen abgeschrieben wurden. Obligationen werden entweder durch einen Debt-Equity-Swap in Beteiligungen umgewandelt oder nehmen Abschläge von 20 Prozent hin - sicher ein herber Schlag, aber nicht zu vergleichen mit den Verlusten, die durch den Konkurs von Lehman Brothers entstanden sind.

Es wäre nicht das erste Mal, dass solche drastischen Maßnahmen ergriffen werden - man denke an die schwedische Bankenkrise der frühen 1990er Jahre. Wichtig ist vor allem, den Albtraum eines staatlich kontrollierten Finanzsektors zu vermeiden. Das Letzte, was Amerika jetzt gebrauchen kann, ist ein Management seiner Banken im Stil der Eisenbahngesellschaft Amtrak oder, noch schlimmer, der Bundessteuerbehörde. Die staatliche Hilfe für im Sterben liegende Bankenriesen ist eine Notlösung, die den totalen Zusammenbruch des Bankensystems verhindern soll, und kein verspäteter Sieg des Sozialismus. Sie soll auf keinen Fall die Gründung neuer Institute auf dem privaten Sektor beeinträchtigen oder gar verhindern.

Die Sanierung muss also eine einmalige Maßnahme bleiben und darf keine andauernden staatlichen Garantien oder Förderungen nach sich ziehen. Außerdem sollte es einen klaren Zeitplan geben für eine Reprivatisierung innerhalb von etwa zehn Jahren.

Der zweite Schritt besteht in einer allgemeinen Umstellung der amerikanischen Hypotheken auf niedrigere Zinssätze und längere Laufzeiten. Die Vorstellung, Hypotheken-Verträge zu modifizieren, wirkt auf Rechtspuristen natürlich abschreckend. Aber wie im Falle der Enteignung gibt es Situationen, wo im öffentlichen Interesse ein Vertragsbruch rechtens ist. Im 19. Jahrhundert kam es immer wieder vor, dass staatliche Wertpapiere offiziell konvertiert wurden. Eine Obligation mit einem Zinsschein von fünf Prozent wurde einfach gegen eine Obligation mit einem Zinsschein von drei Prozent eingetauscht, um den fallenden Zinssätzen und Preisen des Marktes Rechnung zu tragen. Ein solches Vorgehen traf selten auf Ablehnung oder Widerstand. Wir brauchen heute ein ebenso geregeltes Konversionssystem, das mit modifizierbaren Kreditverträgen den einschneidenden Veränderungen auf dem Finanzsektor Rechnung trägt.

Ein weiterer Einwand gegen diesen Vorschlag wäre, dass es den Leichtsinn belohnen würde. Aber ein moralisches Risiko ist nur dann wirklich ein Risiko, wenn es wahrscheinlich ist, dass die gleichen Verfehlungen wiederholt werden. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass irgendjemand in nächster oder auch fernerer Zukunft um einen Option-ARM-Kredit ersucht oder einen angeboten bekommt. Eine Lösung bestünde darin, dass die staatlich kontrollierten Hypothekengeber Fannie Mae und Freddie Mac allen Kreditnehmern - auch denen mit festen Zinssätzen - das gleiche Angebot machen. Dauerhaft niedrigere Monatsraten für die Mehrheit der amerikanischen Haushalte würden mit sehr großer Wahrscheinlichkeit den Verbraucherkonsum effektiver ankurbeln als all die Maßnahmen des Konjunkturpaketes, einschließlich der Steuersenkungen.

Zweifelsohne werden diejenigen, die von einer solchen Maßnahme Verluste zu erwarten haben, sich lautstark Gehör verschaffen. Aber die Vorteile einer gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung werden sicherlich die Kosten aufwiegen, die Bank-Aktionäre, Bank-Obligationsinhaber und die Besitzer von hypothekarisch besicherten Anleihen zu tragen haben werden.

Nur eine große Umstrukturierung kann die große Repression beenden. Und sie sollte möglichst bald geschehen.

Übersetzung: Andrian Widmann

Niall Ferguson schreibt für die Financial Times. Von ihm erscheint demnächst auf Deutsch "Der Aufstieg des Geldes - die harte Währung der Geschichte".

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