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Lernen für das neue Leben: Frau im Deutschkurs.
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Lernen für das neue Leben: Frau im Deutschkurs.

Illegale Einwanderer

Kein guter Ort für Flüchtlinge

Julya Rabinowich erzählt von den Nöten einer Illegalen. Doch ihre Protagonistin ist keine einfache Identifikationsfigur - ganz im Gegenteil.

Von Astrid Kaminski

Dass immer noch der Zufall des Geburtsortes bestimmt, zu welchen Territorien der Welt ein Mensch Zugang erhält und zu welchen nicht, scheint ein seltsamer Anachronismus. Die Tatsache, dass gerade Länder wie Deutschland und Österreich Menschen den Zutritt verweigern und andere in die Illegalität verbannen, ist eine Praxis, die so sozial-darwinistisch wie kriegerisch ist.

In der US-amerikanischen Literatur gibt es für dieses Themengebiet ein vergleichsweise größeres Forum, T.C. Boyles „América“ von 1995 oder die Publikationen aus Dave Eggers Verlag McSweeney’s wären zu nennen. Inzwischen gibt es jedoch auch hier eine zarte Publikationswelle. Anfang 2011 erregte Fabrizio Gattis Selbstversuch Aufsehen. Der italienische Journalist hatte sich zusammen mit afrikanischen Migranten von Schleppern durch die Sahara bringen und als vermeintlicher Kurde vor Lampedusa anschwemmen lassen. Belletristisch sind Geschichten von Flüchtlingen in die Bücher von Michail Schischkin und Irena Bre?ná eingegangen.

Nun hat sich die Schriftstellerin und Dolmetscherin Julya Rabinowich mit ihrem dritten Roman „Die Erdfresserin“ der Thematik angenommen. Diana, die als Ich-Erzählerin auftritt, kommt aus einem nicht näher bezeichneten Gebiet Russlands. Ihren Vater hat sie in früher Kindheit unter ungeklärten Umständen verloren. Hinterlassen hat er eine Bibliothek, in der das Mädchen die liebsten Stunden der Kindheit verbringt, die aber unter der rigiden Herrschaft ihrer verhärmten Mutter nur heimlich zu betreten ist. Später studiert Diana Regie und bekommt von Unbekannt einen pflegebedürftigen Sohn, beides Gründe, die sie in die illegale Migration nach Wien treiben. Denn für den Sohn müssen teure Medikamente besorgt werden und Arbeit gibt es in der Heimat nicht. Immer wieder muss sie die Reise über die EU-Grenzen meistern, auf Brachen und in Bruchhäusern übernachten, um das Geld zum Bestimmungsort zu bringen.

Diana ist keine einfache Identifikationsfigur, deren gutem Willen einzig das für Zuwanderer repressive und rassistische System entgegen steht. Sie ist herrschsüchtig, hat sadomasochistische Züge und wählt als Einnahmequelle die Prostitution.

In den konkreten Schilderungen ist Rabinowichs lyrisch-dramatische Sprache besonders stark – ob in der Erinnerung an Klopapier-Hamsterfahrten, in der Beschreibung taktiler Qualitäten oder in Dianas unerwarteter Fürsorglichkeit den selbst gezogenen Rosen gegenüber. Ihre Persönlichkeit bleibt dagegen bruchstückhaft. Da ihre Erfahrungen als eine Art innerer Monolog vermittelt werden, ist es zwar folgerichtig, dass dem Leser keine Erklärungen der Umstände und Überlegungen geliefert werden, trotzdem aber wirkt der Figurenentwurf in manchem Detail löchrig.

Zum Beispiel gibt es Bezüge, die eine Herkunft Dianas aus einem unterdrückten Judentum andeuten könnten. Als russische Jüdin aber hätte sie in der politischen Wirklichkeit die Alternative eines legalen Lebens in Deutschland. Läge dies angesichts von Dianas großer Not nicht auf der Hand? Natürlich muss von einer Fiktion nicht die Verhandlung von Realpolitik verlangt werden, andererseits ist sie hier aber ja auch nicht von der konkreten Gegenwartsproblematik zu lösen.

Die Zeit arbeitet wie allzu oft bei solchen Schicksalen gegen die Protagonistin. Ihre Entdeckung kommt etappenweise und von schlimmen psychotischen Zuständen begleitet. Wohin das finale „Ich gehe. Gehe. Gehe.“ führt, bleibt ungewiss. Es ist zumindest kein guter Ort.

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