„Die einen wollen ungestört sein, und die anderen finden Gesellschaft und die dazugehörigen Geräusche angenehm.“

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Kein Büro für alle

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Über Großraumbüros wird viel geschimpft. Anscheinend ist es im Homeoffice aber auch nicht viel besser.

Am Arbeitsplatz ist es nicht schön. Man ist umgeben von viel zu vielen Menschen, die die ganze Zeit reden wollen und telefonieren und stören. Das Neonlicht ist hässlich, die Gebäudetechnik unkontrollierbar, die Arbeitszeitregelung unflexibel, die Vorgesetzten sind zu überwachungsfreudig, die Luft ist schlecht. Ungezählte Zeitungsartikel, Blogbeiträge und Tweets wurden in den vergangenen Jahren über den Trend zum Großraumbüro verfasst. Wohlwollend waren sie selten, außer wenn ich sie selbst geschrieben habe.

Seit letzter Woche ist es am Arbeitsplatz auch wieder nicht schön. Die Kolleginnen und Kollegen fehlen, die Gespräche an der Kaffeemaschine, die gemeinsamen Mittagspausen, der kurze Dienstweg, der praktisch gegliederte Tag. Neue Zeitungsartikel, Blogbeiträge und Tweets werden über die Unzulänglichkeiten des Homeoffice verfasst. Irgendwas stimmt da nicht: Müsste sich nicht allgemeine Erleichterung breitmachen?

Zu einem mittelgroßen Teil ist das Ausbleiben der Begeisterung sicherlich der Tatsache geschuldet, dass man als Neuling derzeit nicht so viel über normale Verhältnisse am Heimarbeitsplatz herausfinden kann: Akute Existenzangst, Ansteckungssorgen, Kinderbetreuungspflichten und Ausgehbeschränkungen würden die Freude an der Arbeit selbst dann beeinträchtigen, wenn diese Arbeit an einem Schreibtisch aus massiver Schokolade in einem Streichelzoo mit Meerblick geleistet würde.

Außerdem ist Veränderung insgesamt unbeliebt, ganz egal in welche Richtung. Insbesondere wenn man sich diese Veränderung nicht selbst ausgesucht hat, sondern sie von der Firma, von der Politik, durch alberne Großstadttrends oder von einem dahergelaufenen Virus vorgeschrieben bekommt, sind viele aus Prinzip erst mal dagegen.

Möglich wäre auch, dass es gar keine Diskrepanz gibt: Die Abneigung gegen das Großraumbüro und die Abneigung gegen den Heimarbeitsplatz wird vielleicht von ganz verschiedenen Menschen geäußert. Die einen wollen ungestört sein, und die anderen finden Gesellschaft und die dazugehörigen Geräusche angenehm. Wahrscheinlich gibt es dazwischen sogar noch eine dritte Gruppe, deren Angehörige manchmal ungestört und manchmal unter Menschen sein wollen. Und alle möchten die Entscheidung darüber selbst in der Hand haben.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Immerhin hört und liest man derzeit von verhaltenem Interesse, was die Rolle der Heimarbeit in einer weniger infektiösen Zukunft angeht: Das Büro zu Hause könnte sich vorübergehend „für Menschen mit bestimmten Bedürfnissen“ eignen, zum Beispiel wenn die Kinder krank seien und es keine anderen Betreuungsmöglichkeiten gebe. Aus solchen Notfallszenarien spricht immer noch der Unwille sich vorzustellen, dass es einfach unterschiedliche Vorlieben geben könnte, wie der Arbeitsplatz aussehen soll.

Derzeit wird immer noch über Arbeitsplätze geredet und geschrieben, als wollten selbstverständlich alle dasselbe: ein möglichst großes Büro mit mehreren Fenstern, das man mit niemandem teilen muss. Aber es wollen gar nicht alle dasselbe. Insbesondere seit dem Aufkommen der Arbeit im Café oder im Co-Working-Space wird das immer unübersehbarer. Manche finden Großraumbüros gut – schon weil es in jedem Gebäude nur eine begrenzte Menge schöner Räume gibt. Teilt man diese Büros den Vorgesetzten zu, profitieren wenige und womöglich ausgerechnet die, die sowieso viel unterwegs sind. Richtet man am selben Ort ein Großraumbüro ein, profitieren viele, die sich sonst zu dritt eine fensterlose Besenkammer teilen müssten.

Wenn es keine dauerhaft festgelegten Plätze gibt, kann man sich aussuchen, wo man am liebsten sitzen möchte, und meine Erfahrung aus Cafés und Co-Working-Spaces zeigt, dass die Wünsche da durchaus unterschiedlich sind. Die einen mögen Musik und Hintergrundgeräusche, die anderen Stille. Manche sind durch nichts zu stören und blicken allenfalls kurz von der Arbeit auf, wenn die Feuerwehr das Gebäude stürmt, andere verzweifeln an den Kaffeeumrührgeräuschen anderer Menschen. Manche sitzen am liebsten mit dem Rücken zur Wand, andere mit dem Rücken zum Raum. Die Ansichten über schöne und bequeme Inneneinrichtung sind so verschieden wie zu Hause auch.

Ich glaube nicht, dass die Phase der unfreiwilligen Heimarbeit zu einer neuen Wertschätzung des Großraumbüros führen wird. Aber ich hoffe, sie bringt uns zumindest der Einsicht näher, dass es unterschiedliche Arbeitsplatzvorlieben gibt und technisch schon länger nichts mehr dagegenspricht, diesen Vorlieben entgegenzukommen. Man könnte das einfach so tun, ganz ohne Notfallszenario.

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