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„Alles ist besser, solange die doofen störenden Leute nicht da sind.“ 
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„Alles ist besser, solange die doofen störenden Leute nicht da sind.“ 

Update

Katze der Zukunft

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Alles, was neu ist, hat besonderen Reiz - ob es um Tiere, Beziehungen oder Plattformen geht. Dabei drohen Irrtümer.

Keine Angst, das hier ist nicht der achtundsiebzigste Artikel über die neue App Clubhouse. Es geht eigentlich um Katzen, Menschen, Plattformen und Zynismusprävention. Clubhouse kommt nur am Rande vor. Für alle, die schon die vorangegangenen siebenundsiebzig Texte überblättert oder weggeklickt haben: Clubhouse ist eine 2020 gegründete Audio-Plattform, die vor allem in den vergangenen Wochen in Deutschland bekannter geworden ist. Man kann darin live mit anderen Menschen diskutieren, also ein bisschen wie im Radio, nur ganz anders und alle können mitmachen. Jedenfalls alle, die ein iPhone haben und von jemand anderem eingeladen worden sind. Ich habe kein iPhone und diese Erklärung der App war eine billige Paraphrase des Wikipediaeintrags. Das ist aber, wie gesagt, alles nicht so wichtig.

Der Autor Peter Wittkamp schrieb Ende Januar bei Twitter: „Ich verdanke Twitter viel und werde die Plattform auf eine Art auch immer lieben. Aber nach zwei Wochen Clubhouse habe ich noch mal mehr gemerkt, was für eine toxische Bahnhofstoilette das hier im Umgangston geworden ist.“ Die Bahnhofstoiletten, die ich in den vergangenen Jahren aufgesucht habe, waren eigentlich schöner eingerichtet und sauberer als beispielsweise meine Küche. Außerdem gibt es bei Twitter kein „das hier“, weil alle selbst entscheiden können, wem sie folgen und welche Umgangstöne sie lesen wollen. Das Hauptproblem ist aber ein anderes: Zu sagen, dass auf einer neuen Plattform der Umgangston so viel besser ist wie auf einer etablierten, ist ungefähr so, als schriebe man über eine junge Katze, sie sei klar das überlegene Modell, weil sie so viel süßer ist als eine erwachsene. In Zukunft werden alle nur noch junge Katzen haben wollen!

Ok, dieser Vergleich stimmt nicht ganz. Aus einer neuen Katze wird ein Tier, das sich von den bisher bekannten Katzen kaum unterscheidet. Neue Plattformen machen tatsächlich manche Dinge anders als alte. Die Menschen, die neue Plattformen designen, haben vorher lange über die Unzulänglichkeiten der alten nachgedacht – schon weil ihnen ja nichts anderes übrigblieb, als sie zu nutzen, so lange die neuen nicht erfunden waren. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es ihnen gelingt, mit ihrem neuen Ding einen Teil der bekannten Probleme zu lösen oder zu lindern. Die Wahrscheinlichkeit, dass auf der neuen Plattform wegen ihres überlegenen neuen Konzepts alle für immer höflich und freundlich bleiben, liegt hingegen bei null.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Peter Wittkamp reichte zu seinem eingangs zitierten Tweet kurze Zeit später eine Ergänzung nach: „Im ersten Tweet stehen ja keine Konsequenzen oder inhaltliche Ableitungen oder auch, dass ich teilgeschlossene Bubbles extrem super finde. Da steht nur, dass der Umgangston anders ist.“ Aber der Umgangston ist nicht anders, weil Clubhouse endlich etwas richtig macht, was alle anderen Plattformen bisher falsch gemacht haben. Er ist nur anders, weil die App noch neu ist und dadurch eine solche „teilgeschlossene Bubble“ bietet. Diese Phase gab es bisher noch bei jeder neuen Plattform.

Was mich an solchen Aussagen stört, ist nicht der harmlose Verliebtheitsirrtum. In dieser Art von Lob neuer Plattformen steckt das unausgesprochene Argument: „Alles ist besser, solange die doofen störenden Leute nicht da sind.“ Gelegentlich spricht es auch jemand deutlicher aus, so wie Schlecky Silberstein in seinem 2018 erschienenen Buch „Das Internet muss weg“. Darin heißt es: „Wenn ich sage ‚Das Internet muss weg‘, meine ich, wie erwähnt, eigentlich das Social-Media-Internet (...) Mit Social-Media-Internet meine ich ein Netz, in dem weite Teile der Bevölkerung und nicht ein paar wenige Nerds über ein Social-Media-Profil verfügen.“ Mir ist die menschenfreundlichere Formulierung von Wittkamp zwar sympathischer, aber letztlich meinen er und Silberstein dasselbe: Es ist einfach gemütlicher, wenn der Pöbel noch nicht eingetroffen ist.

Klar, es ist schön, irgendwo unter den Ersten zu sein. Prominente Leute sind dann auch anwesend und erzählen Dinge, über die sie anderswo nicht so bereitwillig Auskunft geben würden. Es ist wichtig, dass es solche Orte gibt, und es ist wichtig, dass sie immer wieder neu entstehen. Ich habe selbst oft genug dazu geraten, zu jedem neuen Angebot weiterzuziehen. Das macht gute Laune, hilft gegen Zynismus und man lernt Leute in tatendurstigen, optimistischen Lebensphasen kennen. „New Relationship Energy“ heißt diese positive Kraft in Diskussionen über Liebesbeziehungen. Man darf sie halt nicht für eine ganz besondere Eigenschaft des neuen Partners halten – oder der neuen Plattform. Das bringt nur Ärger und Enttäuschung.

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