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Karriere einer Kindertrompete

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Opernsängerin Anja Silja, hier in der Rolle der Emilia Marty, wird 70 Jahre alt.
Opernsängerin Anja Silja, hier in der Rolle der Emilia Marty, wird 70 Jahre alt. © Getty Images

Sie bleibt ein Phänomen. Mittlerweile 50 Jahre währt Anja Siljas Bühnenkarriere, und noch immer zählt sie zu den faszinierendsten Sängerinnen unserer Zeit. Diesen Samstag ist sie 70 Jahre alt geworden. Von Kirsten Liese

Von Kirsten Liese

Sie bleibt ein Phänomen. Mittlerweile 50 Jahre währt Anja Siljas Bühnenkarriere, und noch immer zählt sie zu den faszinierendsten Sängerinnen unserer Zeit. Mit Anfang 20 schon begann die gebürtige Berlinerin, sich eine große Partie nach der nächsten zu erarbeiten, Isolde, Brünnhilde, Salome, Elektra. Wenn Sänger derart hoch einsteigen, lassen stimmliche Probleme oft nicht lange auf sich warten. Aber um Wunderkind Anja haben sich die Kritiker lange unnötig gesorgt: Am Samstag, 17. April, wird sie 70.

So sehr sie selbst früher die warnenden Rufe ihrer Kritiker genervt haben - zur Nachahmung empfiehlt Anja Silja die Parforce-Ritte ihrer jungen Jahre nicht. Vielleicht hätte sie ihre Ausnahmekarriere ohne den Mann, der der wichtigste in ihrem Leben war, nicht so gemacht: Wieland Wagner, Regie-Neuerer auf dem Grünen Hügel in den fünfziger Jahren und auch an anderen europäischen Bühnen aktiv, besetzte sie in nur fünfeinhalb Jahren in 36 Inszenierungen. "Das ist eigentlich unvorstellbar, das wird es auf der ganzen Welt nicht wieder geben", bilanziert sie heute.

Stellten private Krisen die Beziehung zwischen Mentor und Muse auch immer wieder auf harte Proben - ihre Liebe machte die junge Frau stark für alle Herausforderungen. Für die "Stromlinie der Schallplatte" allerdings war "die Kindertrompete", wie Wieland Wagner seine Geliebte ihres enormen stimmlichen Materials wegen einmal scherzhaft nannte, weniger geschaffen.

Der Name Anja Silja stand nicht für Perfektion in musikalischer Sicht, die Faszination ging von ihrer Darstellungskraft aus. Sie löste Generationen schon älterer, korpulenter Heroinen ab, verkörperte endlich den Typ der schönen, jungen Maid, wie sie Wagner vorgeschwebt haben mag. Obendrein verstand sie es, als Salome im bauchnabelfreiem Zweiteiler oder männermordende Lulu im Minirock ihre Reize auszuspielen, was ihr den frivolen Ruf einer Lolita eintrug.

Dass heute die hochdramatischen Soprane wieder an Leibesfülle zunehmen, stimmt sie eher traurig: "Es ist, als hätte Wieland nie gelebt." So nimmt sie trotz ihrer Freundschaft mit Eva Wagner-Pasquier keinen Anteil am Generationswechsel in Bayreuth.

Reserve in der Spitze

Bei aller Bühnenpräsenz und Schauspielkunst sollte man Anja Siljas musikalische Leistungen nicht unterschätzen. Man muss nur den 1965 in Rom aufgezeichneten "Tristan" hören und staunen, welche Reserven der jungen Sängerin für ihre Spitzentöne zur Verfügung standen, die sie nicht ansatzweise forcierte.

Vielseitig war sie, hatte ein Faible auch für die leichte Muse. So überraschte sie an der Frankfurter Oper 1972 als "Lustige Witwe", ihrer ersten Operette, flankiert von politischen Unruhen, dirigiert von Christoph von Dohnányi, den sie acht Jahre später heiratete und mit dem sie drei Kinder hat.

Seit den 90er Jahren sind es vorrangig die Musikdramen Janáceks, in denen sich Anja Silja - nunmehr in Mezzorollen - profiliert: als menschliche Kindsmörderin in "Jenufa", als Kabanicha in "Katja Kabanowa" und als Emilia Marty in "Die Sache Makropoulos", ihre Lebensrolle. Zuletzt debütierte sie 2009 als Gräfin in "Pique Dame" an der Komischen Oper Berlin. Und sie steuert noch manches Rollendebüt an: An der Berliner Lindenoper will sie sich im Juni 2011 in Bernsteins "Candide" als "Old Lady" den lang gehegten Traum einer "Musical"-Rolle erfüllen. Und die Mumie in Aribert Reimanns "Gespenstersonate" ist ebenfalls eine Option. Auch wenn der Titel eigentlich abschreckt: "Da kommt man sich schon fast schon begraben vor."

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