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Karikaturistin Marie Marcks: „Keine welkt so schön wie Du!“

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Von: Bascha Mika

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Karikatur Atlas mit Weltkugel
karikaturen5Kopie_142020.jpg © Kunstmann

Böse zwar, aber eher subtil, und immer deftig: Die Karikaturistin Marie Marcks war eine herausragende Künstlerin. Und eine Frau mit Durchblick. Eine Würdigung zum 100. Geburtstag.

Ach, die Männer. Da tragen sie unendlich schwer an der Last der Welt, fast werden sie von ihr erdrückt. Inspiriert vom Titanengott Atlas hat Marie Marcks einen Mann gezeichnet, dem die riesige, blauschimmernde Erdkugel den Nacken beugt und die Knie einknicken lässt. Doch vor ihm auf der bunten Wiese steht eine Frau, stützt die Hände in die Hüften und meint munter: „Roll doch das Ding, Blödmann!“

Eine Frau mit Durchblick, diese Marie Marcks. Eine Künstlerin, die sich das Leben angeschaut hat, um es im Bild festzuhalten. Fast fünfzig Jahre lang hat M.M. Karikaturen geschaffen, das politische und gesellschaftliche Geschehen der Bundesrepublik mit ihren Zeichnungen kommentiert. Umweltkatastrophe und Familienwahnsinn, Rechtsradikalismus und patriarchales Gehabe, Obrigkeitsstaat und Muttersorgen. Großartig, wie ihr Kollege F.W. Bernstein sie charakterisiert: Als „Großmeisterin, die – auf dem Papier - Detektivin, Anwältin, Richterin und Strafvollzugsbeamte in einer Person ist“. Karikaturen, so Bernstein, sind „grafische Schnelljustiz“. Doch die Scharfrichterin Marcks kommt eher subtil daher, böse zwar, doch eher komisch, ironisch als laut und deftig in Wort und Strich.

Eine außergewöhnliche Frau, diese Marie Marcks. In einer absolut männerdominierten Zeitungswelt war sie über Jahrzehnte als Zeichnerin „einsam auf weiter Flur“ (O-Ton M.M.). Doch dabei überaus erfolgreich. Zwanzig Jahre politische Karikaturen für die „Süddeutsche Zeitung“, dann für die „Zeit“, den „Spiegel“, den „Stern“, die „Brigitte“ und weitere mehr. Gelernt hat sie ihren Beruf keineswegs von der Pike auf, sie hat sich ausprobiert, ihr Talent hat gesiegt. Allerdings ist sie in einem Umfeld aufgewachsen, das ihr hervorragende Voraussetzungen bot. Bereits ihre Mutter, noch im 19. Jahrhundert geboren, war eine für ihre Generation ungewöhnliche Frau: studierte Kunst, gründete und leitete dann eine Kunstschule. Der Onkel, Gerhard Marcks, war ein bedeutender Bildhauer und Zeichner. Maries Apfel fiel nicht weit vom Stamm.

Marie Marcks nannte sich selbst eine „Privatfeministin“

Eine selbstbestimmte Frau, diese Marie Marcks. „Privatfeministin“, nannte sie sich, ließ sich von der Frauenbewegung bewusst nicht vereinnahmen und wurde dennoch zu deren Ikone. Wer sich die zwanzig kleinen Zeichnungen anschaut, mit denen M.M. ein typisch weibliches Leben von der Geburt bis zum einsam bitteren Tod illustriert, versteht sofort, warum. „Fast nichts verrät der schöne Schein, vom Risiko, ne Frau zu sein“, so der spöttische Titel dieser Bildergeschichte. M.M. machte das Private politisch, das Persönliche zum Allgemeinen. „Ich hatte einen ganz anderen Blick auf das Weltgeschehen“, so Marie Marcks. „Ich hatte fünf Kinder, und wenn es etwa um Kriegsgefahr und Wiederbewaffnung ging, waren die natürlich beim Zeichnen immer in meinem Hinterkopf.“

M.M. wollte die Welt verändern, das war für sie „ganz klar“. Am 25. August wäre sie 100 Jahre alt geworden. Mit einer zweibändigen, wunderbar gestalteten Werkausgabe, die an diesem Mittwoch in den Handel kommt, erinnert der Verlag Antje Kunstmann an diese grandiose Frau.

„Keine welkt so schön wie Du!“, lässt M.M. einen dieser Blödmänner zu seiner Frau sagen. Wie cool, dass dies auf ihr Werk nicht im Geringsten zutrifft.

Auf der Suche nach Inspiration? Die Künstlerin bei der Lektüre.
Auf der Suche nach Inspiration? Die Künstlerin bei der Lektüre. © Tai Lüdicke
Kunstmann Werkausgabe Marie Marcks
MAG_Marie_Marcks-B_142312.jpg © Kunstmann

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