Literatur

Er kann über den Tod des Bruders nicht hinweggehen

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Sorj Chalandon schreibt in „Am Tag davor“ von einem Grubenunglück mit vielen Folgen.

Der Erzähler zieht den Leser von Anfang an auf seine Seite. Er lässt sein 16-jähriges Ich wiederauferstehen, im Dezember 1974 in Liévin-Lens in Nordostfrankreich. Dieser Michel Flavant ist voller Bewunderung für seinen großen Bruder Joseph. Der kann den Gesang der Fördertürme des alten Steinkohlebergwerks am Ort imitieren so wie andere Leute Vogelstimmen.

Als er erkennt, dass er seinen Traum, Rennfahrer zu werden, nicht wahr machen kann, wird er nicht Bauer wie der Vater, sondern geht stattdessen in die Kohle. Dort ereignet sich am 27. Dezember 1974 ein schweres Unglück, das zu verhindern gewesen wäre. Nach den Weihnachtsfeiertagen war die Grube weder entlüftet noch befeuchtet worden. Michel hört die Analyse im Radio: „Und der Name des Mörders: schlagende Wetter.“

Das Grubenunglück, das den Roman „Am Tag zuvor“ von Sorj Chalandon bestimmt, hat es wirklich gegeben. Der Autor widmet seinen Roman den 42 Bergleuten, die damals ums Leben gekommen sind, nennt am Ende alle ihre Namen. Mit Joseph Flavant hat er ihnen noch einen Bergmann zur Seite gestellt. Man erfährt viel über die Bedingungen in der Grube, von den Möglichkeiten, den Ertrag zu steigern, indem man die Sicherheitsanforderungen herunterschraubt.

Auf den ersten Seiten des Buches entsteht anschaulich das Städtchen, das vom Bergwerk lebt und unter dessen Bewohnern ein besonderes Gemeinschaftsgefühl und sogar Stolz herrscht. Man liest von der harten Arbeit in einem Gewerk, dessen Ende auch schon in den siebziger Jahren absehbar war.

Michel Flavent erzählt hier als Erwachsener zu einer Zeit, da seine Ehefrau gerade an Krebs gestorben ist, er seine Stelle als Kraftfahrer und die Wohnung in Paris verlassen hat. Er geht zurück in den Ort seiner Kindheit, um sich zu rächen. Der Autor hat bis dahin alles getan, um den Leser mit Michel fühlen zu lassen. „Ich war an Josephs Tod verwelkt“, schrieb er für ihn, und weiter: „Meine Jugend war alt geworden.“ Er hat geschildert, wie es bei ihm zu Hause nach dem Tod des Bruders, bald auch des Vaters, aussah, mit seiner Mutter in der „Minderheit der Lebenden“. Das kann kein Leserherz kaltlassen. Sorj Chalandon fordert starke Gefühle.

Doch man hätte es vielleicht ahnen können, dass da noch etwas anderes kommt. Der Autor ist in Frankreich seit einigen Jahren mit Romanen erfolgreich, die persönliche Dramen vor historischen Hintergründen behandeln. Und so gut recherchiert er vom Arbeitsleben schreibt, so deutlich er politische Positionen einbaut („Schicksal gibt’s nicht. Die Chefs nennen es Profit.“), hält er noch eine Wendung bereit, die das emotionale Band zwischen der Erzählerfigur und dem Leser zum Zerreißen spannt. Es wäre fahrlässig, das künftigen Lesern schon zu verraten. Die Fallhöhe überzeugt nur deshalb, weil der Autor selbst sie vorher so aufgebaut hat.

Sorj Chalandon, 1952 in Tunis geboren, war als Reporter der Zeitung „Libération“ jahrelang für Krisenstaaten wie Libanon, Iran, Irak, Somalia und Afghanistan zuständig. Er hat dabei das genaue Schreiben trainiert und weiß als Schriftsteller die Vorstellungen der Leser zu steuern. „Die Kälte packte mich im Nacken wie einen Welpen“, beschreibt der Ich-Erzähler seinen Eindruck von der Nacht zum 27. Dezember. Dieser führt über Jahre Notizhefte, in denen er alles über die Grube und das Unglück zusammenträgt. Schon im ersten treffen widersprüchliche Formulierungen aufeinander, Michel hatte sie in Zeitungen gefunden und im Radio gehört: „Geopfert für das Vaterland“ und „Rendite über alles“, „Held der Arbeit“ und „Arbeit sollte nicht tödlich sein.“ Er nennt sich später selbst „vergiftet“, so besessen ist er von den Gedanken an seinen Bruder.

Beim ersten Lesen erscheint es einem noch zu dick aufgetragen, wenn Michel bei seiner sterbenden Frau sitzt und er an die Kohleader denken muss, in der Joseph schürfte, während der Arzt nach der Vene tastet. Dieses extreme und extrem verengte Denken ist Teil seines Programms.

Der Autor dreht an den Verhältnissen, um am Ende alles eine Ebene höher zu heben. Michel Flavant hat „sein persönliches Drama ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben“, wird es dann heißen, das kann so auch für den Roman stehen. „Das Land teilte unsere Trauer nicht. Als es von der Kohle Abschied nahm, vergaß es, Abschied von seinen Bergleuten zu nehmen“, schreibt er anlässlich einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2014, zu der auch der damalige Premierminister Manuel Valls kommt. Sorj Chalandon erzählt von einer fiktiven Familie, verknüpft ihre Geschichte aber so eng mit Politik und Wirtschaft jener Jahre, dass sein Buch auch ein Denkmal für eine vergessene Arbeitswelt ist.

Sorj Chalandon: Am Tag davor. Roman. A. d. Franz. von Brigitte Große. dtv, München 2019. 320 S., 23 Euro.

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