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Claus von Wagner als Redner bei der Münchner Protestkundgebung „ausgehetzt“.

Claus von Wagner

„Da kann man noch jemanden ärgern!“

Fünf Jahre „Die Anstalt“: Eine Begegnung mit Claus von Wagner.

Eine Ausgabe wollten sie unbedingt machen, nur damit niemand mehr sagen könne: „Macht doch erst ‚mal selbst so eine Sendung!“ Danach, so glaubte Claus von Wagner damals, „wird man uns eh sofort wieder absägen, weil alle Urban Priol und Frank-Markus Barwasser wiederhaben wollen“. Es ist bekanntlich anders gekommen. Seit fünf Jahren betreiben Claus von Wagner und Max Uthoff „Die Anstalt“ im ZDF, der Premierensendung vom 4. Februar 2014 folgten 41 weitere, das Vorgängerformat ist längst Vergangenheit. Am heutigen Dienstag um 22.15 Uhr steht die 42. Ausgabe auf dem Programm. Zeit für eine Zwischenbilanz.

„Wir spüren den Druck“, sagt der Kabarettist beim Gespräch in einem Probenraum in direkter Nachbarschaft der Lach- und Schießgesellschaft in München-Schwabing. Doch seine Körpersprache, die Art, wie er redet und seine Gedanken immer wieder anders formuliert, wie es aus ihm heraussprudelt, zeigen, dass sich von Wagner diesem Druck gerne aussetzt, dass er versucht, aus jeder (Live-)Sendung das Beste herauszuholen.

Seit fünf Jahren gibt es „Die Anstalt“

Die Erwartungen sind hoch, denn anders als andere (Fernseh-)Kabarettisten widmen sich die „Anstalt“-Betreiber nicht der Tagespolitik, sondern setzen in jeder Ausgabe einen Schwerpunkt. Die Flüchtlingskrise war schon Thema, der Feminismus, die EU, der Ukrainekonflikt, der Rechtspopulismus oder die Deutsche Bahn. Zum Markenzeichen des Duos, das sich jedes Mal andere Mitspieler holt, ist das Whiteboard geworden, die Tafel, mit deren Hilfe komplizierte Zusammenhänge grafisch dargestellt werden. „Das ist doch witzig, dass das viel gescholtene Frontalkabarett wieder so beliebt ist und von den Leuten schon geradezu gefordert wird“, freut sich von Wagner, der brav auf Barwasser als Erfinder dieser satirischen Darstellungsform verweist.

„Die Anstalt“ also als eine Art Telekolleg? „Wir bekommen in der Tat oft Rückmeldungen von Leuten, die sagen: ,Bei Euch habe ich endlich etwas verstanden!‘“ Sogar Schulen haben sich bereits an den Sender gewandt, sie verwenden die Tafelbilder im Unterricht. „Als Einstieg in die Stunde“, präzisiert Claus von Wagner, und seine Miene changiert dabei zwischen Amüsiertheit und stillem Stolz.

Kabarettist Dieter Nuhr wurde von der „Anstalt“ angegangen

Das Niveau ist hoch, die Recherchen im Vorfeld sind entsprechend aufwendig. „Die Zuschauer sind informierter als früher“, hat der 41-Jährige festgestellt, „und durch das Internet haben sie außerdem die Möglichkeit, blitzschnell zu überprüfen, ob das stimmt, was wir da zum Gegenstand unseres Spotts machen – unter Umständen schon während der Sendung.“ Dass die Fakten stimmen, ist oberstes Gebot, die Macher liefern wie die Autoren journalistischer Formate zu jeder Folge einen mehrseitigen Faktencheck. „Mit puren Behauptungen wirst du schnell widerlegt“, sagt von Wagner, „selbst mit gut Recherchiertem wird man manchmal im Nachhinein herausgefordert, im Idealfall ergeben sich daraus tolle Gespräche.“

Die Akribie, mit der die beiden Frontmänner plus Mitautor Dietrich Krauß ihre Themen bearbeiten, hat auch Auswirkungen auf die Auftritte der jeweiligen Gäste: „Wir müssen für die Soli, die die Kollegen mitbringen, geradestehen, also bitten wir sie, den Faktencheck auch bei sich selbst zu machen und Politikerzitate zu überprüfen.“ Manche seien da schon sehr überrascht gewesen, als sie festgestellt hätten: „Oh, so wie ich das in der Nummer bringe, stimmt das ja gar nicht.“ Aber das habe oft den Hintergrund gehabt, dass diese Zitate in vielen Medien vorher verkürzt wiedergegeben worden seien.

Nicht jeder Kollege hat die Chance auf eine Einladung in die „Anstalt“, bei der Märzausgabe, in der es um „Dieselgate“ ging, fand sich – ein Novum – Kabarettist Dieter Nuhr („Nuhr im Ersten“) sogar im Kreis derer, die in der Sendung angegangen wurden. „Nicht wegen seiner Meinung“, stellt Claus von Wagner klar, „sondern, weil er sich in der Diskussion um die Schädlichkeit von Stickstoffdioxid auf Werte berufen hat, die unserer Auffassung nach nicht stimmen.“ Von einer Spaltung der Szene, von unvereinbaren Gegensätzen will der gebürtige Münchner dennoch nicht sprechen: „Ich würde das vom jeweiligen Thema abhängig machen – manchmal stimmt man überein und manchmal nicht.“ Und überhaupt: „Ich finde es vom Grundsatz her ja erst mal gut, wenn man nicht alle Kollegen sofort eindeutig politisch einordnen kann.“

Münchner Flüchtlingshelferin in der „Anstalt“

Mit Kritik an dem Format, mit Widerspruch kann Claus von Wagner, der auch solistisch unterwegs ist („Theorie der feinen Menschen“) gut leben, er schätzt die Möglichkeit, durchs Fernsehen auch die zu erreichen, die sich nicht in eine seiner Vorstellungen setzen würden: „Da erwischst du Leute, die eigentlich anderer Meinung sind. Da kann man noch jemanden ärgern! Ob man ihn dann auch noch überzeugt, ist natürlich eine ganz andere Frage.“

Auf die Frage, ob er und seine Mitstreiter im Rückblick auf die ersten fünf Jahre eine Ausgabe heute anders machen würde, muss Claus von Wagner nur kurz überlegen. Nein, ein „Riesenhauer“ sei nicht dabei gewesen, „dafür sind die Debatten, die wir führen, bis eine solche Sendung steht, zu intensiv“. Auch zu der Entscheidung, zu bestimmten Anlässen Betroffene einzuladen – etwa die KZ-Überlebende Esther Bejarano zur Sendung über Rechtsextremismus, steht er. „Diese Menschen sind freiwillig zu uns gekommen, sie wurden von uns nicht ausgestellt, sondern haben sich aktiv eingebracht.“

Noch so ein Punkt, an dem man vielleicht die Entwicklung des (Fernseh-)Kabaretts festmachen könnte. Claus von Wagner, der die ganze Zeit überschäumend erzählt hat, wird plötzlich ernst. „Es gibt Momente, da kommen wir mit dem Lachen nicht weiter, da müssen wir unser Publikum auch einmal mit dem echten Leben konfrontieren.“ So wie durch die Münchner Flüchtlingshelferin, die schon 2014, im ersten „Anstalts“-Jahr, zu Gast war: „Manchmal ist es eben notwendig, zu sagen: Wir reden nur, die tut etwas!“

„Die Anstalt“, ZDF, 22.15 Uhr.

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