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Reiner Zufall, dass Queen Victoria vor 200 Jahren zur Welt kam.

Jahrestage

Was kann diese Zahl?

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Der Kalender als Fetisch oder demokratisches Ordnungsprinzip der Erinnerungskultur.

Ob der Leser grollt, weil wir in aller Ruhe ein paar Tage haben ins Land ziehen lassen, bevor wir ins inzwischen gar nicht mehr so knackfrische Gedenkjahr 2019 blicken? Das ist Absicht. Wir wollten uns hier, in der Redaktion Ihres Vertrauens, für diesmal von jeglichem Datumsfetischismus freimachen und unser Thema nicht von dem mit stumpfer Unerbittlichkeit dahinschreitenden Algorithmus der Zeit vorschreiben lassen.

Streng genommen ist es auch kein Ausblick ins Gedenkjahr. Um einer Produktenttäuschung vorzubeugen, sei gleich gesagt, dass wir uns hier mit dem Gedenken nur auf der Metaebene befassen. Wir wollen nicht schon drauflos gedenken, sondern uns Gedanken über das Gedenken selbst machen.

Die Höhepunkte des laufenden Jahres listen wir allein zu Illustrationszwecken auf und lehnen jede Vorabgewichtung ab. Also hier: Leonardo da Vinci: vor 500 Jahren gestorben, Alexander von Humboldt: vor 250 Jahren geboren, Theodor Fontane und Jacques Offenbach: vor 200 Jahren geboren. In diesen Tagen: Heiner Müller würde 90, Einar Schleef 75 Jahre alt werden. Vor 200 Jahren wurde das Prado-Museum gegründet, vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Die Liste ließe sich ins Unendliche fortsetzen. Man bräuchte nur eine Zeitung aus dem Jahr 1919 aufzuschlagen und hätte lauter Ereignisse vor sich, die vielleicht nicht unermesslich wichtig sind, aber allein dadurch Beachtlichkeit simulieren dürfen, weil sie vor glatt hundert Jahren stattfanden.

Die Grundfrage lautet: Ist es nicht schnuppe, ob ein Künstler zufällig vor 87 oder 24 oder zum Beispiel genau vor 100 Jahren geboren wurde oder starb, ob ein Ereignis ein Jahr früher oder später historisch wurde? Muss man solcherlei ausgerechnet dann in Erinnerung bringen, wenn ein bestimmter Tag auf dem Kalender erreicht wurde, oder muss nicht die Bedeutung im Anlass selbst liegen? Solche in Redaktionen mit umstürzlerischem Schwung vorgebrachten Argumente kommen meist dann, wenn Konkurrenten Jubiläen oder Gedenktage zum Anlass für schön illustrierte Schwerpunktausgaben genommen haben. Einfach nicht mitmachen? Nicht nervös werden, nur weil andere jedem mehr oder weniger runden Datum vorausjagen und Content abgewinnen?

Nein. Die Vergangenheit verwildert, wenn man keine Ordnungsprinzipien anwendet und mögen sie noch so stur und formal sein wie der Gang der Zeit. Das Gedächtnis hat eine kollektive Dimension; und damit sich nicht alle gleichzeitig und jeweils allein an etwas anderes erinnern, ist eine gewisse Synchronisierung unablässig und praktisch. Das unideologische, strukturelle Zeitkorsett ist eine gute, demokratische Gegenkraft wider die willkürliche Umdeutung, Ausbeutung und Hierarchisierung der Vergangenheit. Natürlich ist das Datum bei der Themensetzung nur ein Kriterium von vielen.

Aber kein unwichtiges, wie der Leser merken wird, wenn er den eigenen Hochzeitstag vergisst.

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