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Oliver Kahn (l.) und Oliver Welke.

Fußball-WM

Kahn und Welke berichten nicht aus Russland

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Das ZDF-Gespann Oliver Kahn und Oliver Welke wird nicht aus Russland von der WM berichten, sondern aus einem Studio in Baden-Baden.

Bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich, ein gutes Jahr ist es her, machte sich Oliver Kahn mal wieder um die deutsche Sprache verdient. Da fabulierte der frühere Nationaltorwart – schon zu Profizeiten ein steter Lieferant geflügelter Sinnsprüche wie „Eier, wir brauchen Eier“ oder „Weiter, immer weiter“ – vom „Überadrenalinabbauschlaf“. Er berichtete also, wie er am Vortag nach der Arbeit ins Hotel kam, aber so aufgekratzt war von den Spielen, dem Fluidum des Turniers, dem ganzen Spektakel, dass er noch stundenlang aus dem Fenster sehen musste, um runterzukommen und schließlich gegen sechs Uhr morgens einzuschlummern.

Ob derlei vergnügtes Geplauder allzu viel mit Fußball zu tun hat – darüber kann man gewiss streiten. Seit bald zehn Jahren ist es, zumal wenn Kahn im Doppel mit dem nebenamtlichen „heute-show“-Moderator Oliver Welke auftritt, ein fester Bestandteil der Übertragungen des ZDF. Dort hat man nun allerdings entschieden: Bei der Weltmeisterschaft in Russland im nächsten Jahr wird keiner der beiden das Fluidum des Turniers spüren, und der nächtliche Blick aus dem Fenster wird bestenfalls den Himmel über dem Westschwarzwald eröffnen. Oliver Kahn und Oliver Welke sollen die Spiele statt aus Moskau, Sotschi oder Sankt Petersburg von einem Studio in Baden-Baden aus begleiten. 

Confed-Cup war Probelauf

„Schon beim Confed Cup in Russland sendeten ZDF und ARD aus einem gemeinsamen Studio in Baden-Baden – das war gewissermaßen der WM-Probelauf auch für die übertragenden Sender“, begründet ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau die Entscheidung des Senders. „Die Erfahrungen waren sehr positiv, und das Konzept, das eine noch engere und kostensparendere Zusammenarbeit von ARD und ZDF ermöglicht, wird nun auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 realisiert.“

Tatsächlich waren die gebührenfinanzierten Sender wegen ihres Aufwands bei Fußball-Großereignissen zuletzt heftig in die Kritik geraten. Bei der EM 2016 etwa leisteten sich ARD und ZDF einen Privatjet, um durchs Land zu reisen, von 14 000 Euro allein für den Trip zum Gruppenspiel Deutschland gegen Nordirland war die Rede; und da war man in Frankreich. Im Riesenreich Russland sind die Entfernungen zwischen den Spielorten um ein Vielfaches höher. „Und dann müsste man überall noch teure Räume anmieten“, sagt ZDF-Sprecher Thomas Stange. „Da sind wir gehalten, zu sparen.“

Zumal vor dem Hintergrund noch einmal gestiegener Preise für die Übertragungsrechte: Laut der Bild-Zeitung sollen ARD und ZDF mehr als 200 Millionen Euro für die Übertragung der Spiele bezahlt haben, das sind 20 Millionen mehr als bei der EM 2016 in Frankreich – und damit ziemlich genau um so viel mehr wie die kompletten Produktionskosten der beiden Sender betrugen. „Uns bläst der Wind ins Gesicht“, sagt Stange. 

Deshalb wird auch vor Ort der Rotstift angesetzt. Es sollen deutlich kleinere Teams im Einsatz sein. Statt ausschließlich mit teuren Übertragungswagen soll das Bild- und Tonmaterial auch mit sogenannten „LiveU“-Einheiten nach Deutschland geschickt werden, das sind Rucksäcke voll mit moderner Mobilfunktechnologie. Geschnitten werden die Nach- und Vorberichte von den Reportern vor Ort oder in Baden-Baden.

Die Zuschauer zu Hause sollen von alldem gar nichts merken. Und ob Oliver Kahn zur Inspiration für seine Fußball-Flüstereien „unbedingt russische Luft schnappen muss, sei dahingestellt“, so Stange. Nach Angaben von ZDF-Sportchef Fuhrmann waren Kahn und sein Stichwortgeber Welke „in den Entscheidungsprozess eingebunden und freuen sich nun genauso wie wir auf eine qualitativ mindestens gleichwertige Analyse wie in der Vergangenheit.“ 

Von den beiden selber war nach Bekanntwerden der Pläne bislang keine Stellungnahme zu bekommen. 

Zumindest Oliver Kahns Adrenalinhaushalt wird das Ganze guttun. Sein früherer Teamgefährte, der Schweizer Ciriaco Sforza, der während der Europameisterschaft in Frankreich ebenfalls als Fernseh-Experte im Einsatz war, berichtete: „Wenn es drei Gruppenspiele gab, dann war Kahn von morgens bis Mitternacht auf Achse. Das ist ein knochenharter Job mit allem Drum und Dran.“ 

Das sieht in Baden-Baden natürlich anders aus. ZDF-Sprecher Stange: „Jetzt sitzt er eben von morgens bis abends vor der Glotze.“ Mit allem Drum und Dran. 

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