Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das Käthchenhaus auf dem Heilbronner Marktplatz. "Das Käthchen von Heilbronn" von Heinrich von Kleist (1777-1811) feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Jubiläum.
+
Das Käthchenhaus auf dem Heilbronner Marktplatz. "Das Käthchen von Heilbronn" von Heinrich von Kleist (1777-1811) feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Jubiläum.

Neue Literatur zu Kleist

Käthchen als Kolportage-Roman

  • VonPeter Michalzik
    schließen

Ein Penthesilea-Comic, Neues über die Verbreitung von Kleists Werken, eine unspekulative Biographie und eine mit spektakulärem Bildteil: Das Interesse an Kleist ist schon in seinem 199. Todesjahr enorm. Von Peter Michalzik

Gedenkjahre sind meist Pflichttermine. Bei Heinrich von Kleists 200. Todestag im nächsten Jahr wird das anders sein. Das Interesse an Kleist ist schon jetzt enorm und wächst ständig. Seit Jahren erscheint eine Kleist-Biografie nach der anderen, weitere werden dazukommen. Es sind nicht nur mehrere Konferenzen, Ausstellungen und Symposien geplant, schon jetzt beginnen die Ruhrfestspiele mit einem Kleist-Zyklus, nächstes Jahr werden weitere folgen. Der Selbstmörder Kleist ist lebendig, er berührt, ähnlich wie Schiller bei seinem 200. Todestag vor fünf Jahren, unser Empfinden.

Wer sich schon jetzt ansehen will, was es mit Kleist auf sich hat, wendet sich am besten nach Heilbronn, der Stadt, aus der (angeblich) Kleists Käthchen kommt. Dort gibt es das Kleist-Archiv Sembdner, wo seit Jahren in schneller Folge verschiedenste preiswerte Bücher zu Kleist erscheinen. Niemand hätte gedacht, dass man noch so viel Sinnvolles zu Kleist veröffentlichen kann. Das Kleist-Archiv ist ein Ein-Mann-Betrieb, der Mann ist Günther Emig, ein höchst umtriebiger Bibliothekar, ein ruheloser, reger Geist und Kleist-Liebhaber. Ein geistreicher Popularisierer.

Einmal im Jahr erscheinen die Heilbronner Kleist-Blätter, eine einigermaßen absurde Situation, da die Kleist-Gesellschaft jedes Jahr das wissenschaftlich bedeutsame Kleist-Jahrbuch herausgibt und das Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder ebenfalls jedes Jahr die Beiträge zur Kleist-Forschung. Trotzdem erscheinen in Heilbronn immer wieder überraschende Aufsätze.

In den letzten Kleist-Blättern (Nr. 21) etwa gibt es einen langen Beitrag von Doris Fouquet-Plümacher über die sogenannten Leseausgaben, für die sich bisher - außer den Lesern - niemand interessiert hat. Dabei zeigen doch genau diese Ausgaben, wie verbreitet ein Dichter wirklich war und ist. Die Autorin zeigt, dass es viel mehr dieser Ausgaben gibt, als man annimmt: "Die Zahl der tatsächlich erschienen Ausgaben ist etwa um das Dreißigfache höher als bekannt." Kleist war (und ist) enorm weit verbreitet.

Es gibt Nachdrucke von wenig bekannten oder auch unbekannten Büchern, die im Umfeld Kleists von Interesse sind. Zum Beispiel ein Käthchen-Kolportage-Roman in fünf Bänden mit Harry-Potter-Ausmaßen. Oder ein Würzburg-Reiseführer von Carl Gottfried Scharold aus dem Jahr 1805: Scharold zeichnet ein vollkommen anderes Bild der Stadt als Kleist, der 1800 hier war, auf einer berühmten Reise, die bis heute geheimnisvoll ist, die aber für seine Entwicklung zum Dichter eine entscheidende Rolle spielt.

Über die Bibliothek, laut Scharon "reich an kostbaren und seltenen Werken" macht Kleist sich lustig: Es gebe nicht einmal einen Schiller oder Goethe. Auch Vergnügungen gebe es in Würzburg keine, als Beleg führt er den "elenden" Huttenschen Garten an. Scharold berichtet vom Hofgarten, Alleen, Mainufer, Mainfahrt, Mainbrücke in der Stadt, und außerhalb neben Weinbergen, Mühlen, einem Klöstern, Lustschloß mit Anlage usw. unter anderem über den Huttenschen Garten: "... welcher eine schöne Anlage hat, und Gelegenheit zum Billiardspielen und Tanzen darbietet..."

In Heilbronn werden alte bedeutende Werke der Kleistforschung nachgedruckt. Hans Joachim Kreutzers 1968 erschienene, für den damaligen Zeitgeist absolut untypische Studie "Die dichterische Entwicklung Heinrichs von Kleist" ist das möglicherweise wichtigste Buch, das je zu Kleist erschienen ist.

Vollkommen unspekulativ zeichnet Kreutzer ein Bild der schwer zu greifenden Gedankenwelt Kleists. Das ist bei Kleist fast unmöglich, seine Äußerungen sind zu fragmentarisch, widersprüchlich, verworren, subjektiv. Trotzdem gelingt es Kreutzer, der lange Präsident der Kleist-Gesellschaft war. Sein Hauptziel aber ist es, wie der Titel sagt, die Entwicklung Kleists nachzuzeichnen, eine Chronologie seiner Werke zu erarbeiten.

Die Gestalt, in der Kreutzer dabei Kleists Werke darstellt, ist bis heute nicht wirklich übertroffen worden. Dass Kreutzer so souverän mit dem komplexen Stoff umgeht, spiegelt sich wieder in einem absolut lesbaren, klaren Stil, Literaturwissenschaft im allerbesten Sinne. Nun wurde, im Kleist-Archiv, das Buch mit einem neuen Nachwort Kreutzers, noch einmal gedruckt.

Es erscheinen Comics in Heilbronn, etwa von der "Penthesilea". Der Comic ist eine durchaus plausible Art, sich diesem Stück zu nähern. An den Zeichnungen von Lutz R. Ketscher sieht man, wie leicht sich Kleist in die Nähe modernen Pop-Ästhetik bringen lässt.

Schmuckstück ist die Kleist-Biografie in Bildern von Eberhard Siebert. Gegenüber dem 1980 erschienenen Vorgänger konnte Siebert die Anzahl der Bilder mehr als verdoppeln. Wenn man weiß, wie fragmentarisch die Überlieferung zu Kleist ist, erkennt man darin die außerordentliche Leistung. Manche Stationen, etwa Dresden, wo Kleist von 1807 bis 1809 war, und Berlin, wo er ab 1810 bis zu seinem Tod gewesen ist, werden jetzt durch die Dichte des Bildmaterials als Lebens- und Imaginationsraum Kleists erfahrbar. Das gilt für sehr reale Dinge: Die Häuser, in denen Kleist gewohnt hat, die Wege, die er gegangen ist, man kann sie jetzt sehen. Die Bilder sind größtenteils nicht neu, aber in dieser Fülle waren sie noch nie zu sehen.

Das gilt noch mehr für die Gedankenräume. Legt man sich beispielsweise die Doppelseite mit Gemälden und Skulpturen vor, die im Zusammenhang mit Kleists geheimnisvollen Marionettentheater-Aufsatz stehen, hat man die Grazie und Unbewusstheit, die von diesem Aufsatz aufsteigen, unmittelbar vor Augen, zwischen einer bäuerlichen Tanzszene des flämischen Genremalers Teniers, einer Gliederpuppe, wie sie Maler verwenden, Rokoko-Figurinen, dem berühmten Dornauszieher und einer Skulptur von Bernini wird spürbar, dass Kleist etwas eingefangen hat, was in der Kultur und Kunstgeschichte anwesend gewesen ist.

Sieberts Buch bietet vieles, was dem Liebhaber Freude macht, eine Bildgeschichte des Kleistgrabs, eine Gegenüberstellung von Unterschriften Kleists aus verschiedenen Jahren, insgesamt zehn Bildnisse, von denen einmal behauptet wurde, dass sie Kleist zeigen, die aber sehr ungesichert sind, eine Liste von Personen aus Kleists Leben, zu denen noch keine Abbildung gefunden werden konnte. Das alles in hervorragender Bild-Qualität - ein wirklich schönes Buch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare