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Kae Tempest „The Line Is a Curve“: Wie ich dich gefunden habe

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Von: Stefan Michalzik

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Kae Tempest. Foto: Wolfgang Tillmans
Kae Tempest. © Wolfgang Tillmans

„The Line Is a Curve“, ein prächtiges Album von Kae Tempest.

Die Dringlichkeit der Sprache wie der Vortragsweise ist es, die das Unverkennbare der Songs von Kae – vormals Kate – Tempest ausmacht. Tempest, in London lebend und sich seit einiger Zeit als geschlechtlich nonbinär definierend, schreibt Lieder, Lyrik, Theaterstücke und Romane. Das Album „Let Them Eat Chaos“ (von 2016) entwirft anhand von Schlaglichtern aus einem Tag einer Reihe von Figuren ein Bild von der gegenwärtigen Verfassung der kapitalistisch geprägten westlichen Welt. Das Grundmotiv auf „The Book of Traps and Lessons“ (von 2019) war die Liebe, mitsamt unguten Erscheinungen wie krankhafte Abhängigkeit oder Scheitern. „Eine intime Beziehung“, hatte Tempest seinerzeit gesagt, „stellt so etwas wie die Frontlinie des Widerstands dar“.

Die Gemeinschaft als Utopie

Viele der frühen Songs lassen sich als empathisch-zeitdiagnostische Porträts von urbanen Menschen charakterisieren, die in ihrem Leben und in der ewigen Wiederholung gefangen sind. Der scheinbaren Unentrinnbarkeit des Bestehenden gilt es etwas entgegenzusetzen, in erster Linie die Gemeinschaft als real existierende Utopie.

Das neue Album von Kae Tempest, „The Line Is a Curve“, ist nun geprägt von einem introspektiven Blick – wobei es sich bei etlichen Nummern um You-Songs handelt, sie sind an ein Gegenüber adressiert. Um Hingabe geht es, wie auch um das Loslassen. In einer großartigen Raffinesse der Simplizität gehorchen die Texte dem obersten Popgebot pointierter Griffigkeit. In dem Song „Salt Coast“ ist die Rede von „TV shows that taste like the feeling of pizza“. Das Coverfoto, das der Fotokünstler Wolfgang Tillmans aufgenommen hat, zeigt Tempest, zuvor langblond gelockt, nun als kurzgeschorene/n Kae.

Das Album:

Kae Tempest: The Line Is a Curve. Virgin/Universal.

Zu Zeiten des Debüts ließ sich Tempest dem Rap zurechnen. Die Texte haben nach wie vor einen bezwingenden Flow, der dem von gutem Rap nahekommt. Im engeren Sinne allerdings rappt Kae Tempest heute nur noch in einzelnen Fällen. Zumeist lässt sich der Vortrag mit dem charakteristischen dialektalen Akzent Süd-Londons als „Spoken Word“ klassifizieren.

Die musikalischen Texturen dieses Albums sind formbewusst, spielerisch, vielgestaltig wie nie zuvor, zwischen Synthiepop, Trip-Hop und Ambient sowie chimärenhaften Andeutungen von Techno und House. Produziert hat, nach dem fruchtbaren Gastspiel von Rick Rubin bei „The Book of Traps and Lessons“, wiederum Tempests alter Gefährte Dan Carey. Da ist mal ein prägendes Klavierloop („No Prizes“), mal wird die Stimme von akustischer Gitarre und Orgel begleitet („Grace“), dann wieder treten Streicher und Holzbläser in großartigen, beinahe schon easy-listening-artigen Arrangements in Erscheinung („These Are the Days“).

Alles geht auf

Erstmals hat Tempest Gäste hinzugezogen, wie die Soulsängerin Lianne La Havas und den US-amerikanischen-Rapper Kevin Abstract vom Brockhampton-Kollektiv sowie Grian Chatten von der irischen Post-Punk-Band Fontaines D.C.. Das geht prächtig auf. Ein jeder steuert eine eigene Note bei, ohne dass das Ganze zerfasern würde.

Am Ende steht „Grace“, ein wundervoller Lovesong. „When I stopped looking for me/I was able to find you“. Ein Übermaß an Harmonie allerdings steht bei Kae Tempest nicht zu befürchten. Den Titel des Albums erläutert Tempest dahingehend, die Linie sei eine Kurve, auf der wir herumkreisen. „Das Rätsel des Lebens zu lösen – das ist ein Dauerprozess, der viel Arbeit macht.“

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