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Der Teenie-Star Justin Bieber, nun älter.

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Justin Bieber: Sein neues Album „Changes“ ist völlig egal 

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Justin Bieber, trauriger Superstar, bringt mit seinem neuen Album „Changes“ die ganze Misere der Musik auf den Punkt: Alles muss raus.

Juni 1983. Ein Musikalbum erscheint, „Speaking In Tongues“ von den Talking Heads. Der junge Fan ist seit Monaten, keine Übertreibung, seit Monaten fast täglich in den Schallplattenladen gegangen, einen von etwa zehn Schallplattenläden in der Innenstadt, und hat gefragt: Ist die Platte da? Der Veröffentlichungstermin wird verschoben und verschoben. Am Ende reicht ein Kopfschütteln des Händlers durchs Schaufenster, ganz am Ende schließlich: ein Nicken. Die Schallplatte steht noch heute im Regal des einst jungen Fans, obwohl er gar keinen Plattenspieler mehr in Betrieb hat.

Februar 2020. Ein Musikalbum erscheint, „Changes“ von Justin Bieber. Freitags wird es, wenige Stunden vor der Veröffentlichung, per E-Mail an ausgewählte Journalisten verschickt. Einige hören es auch sofort an, um es fürs Publikum zu bewerten – aber nicht vor 12.01 Uhr, „strict embargo“ des Labels. Kurz darauf ist das Album auf den Streamingportalen für alle Welt ohne Umstände, ohne zusätzliche Kosten verfügbar. In der Stadt gibt es einen oder zwei Plattenläden. Nicht nötig, dort wegen eines neuen Musikalbums hinzugehen. Jeder hat’s ja direkt im Smartphone.

Justin Bieber: Das neue Album von ist völlig egal

Das ist die Wahrheit. Das ist die verdammte Realität. Es gibt viel Schlimmeres auf der Welt, aber das ist die Katastrophe der Musik im dritten Jahrtausend: Sogar die am sehnlichsten von den Fans erwarteten Schätze werden auf der Stelle digital verramscht.

Das Album - Justin Bieber: Changes. Def Jam (Universal Music).

Wie ist das neue Album von Justin Bieber? Völlig egal. Die Kritiker, die am Freitag zu den Schnellen zählen, gehen kaum auf die Musik ein. Sie beschreiben stattdessen das Phänomen Bieber, die Gegenwart des inzwischen 25-jährigen Teenie-Idols aus Kanada, seinen erbitterten Kampf um Zuneigung, um die Krone des Pop-Prinzen, und sie haben ja Recht: Die Musik, die der Interpret als „R&Bieber“ bezeichnet, ist nicht der Rede wert.

Erstaunlicherweise ist die Musik von Justin Bieber weitgehend radiountauglich. Unsere Lieblingsmusik lief früher auch nicht in gängigen Rundfunkprogrammen. Nur war unsere Musik eben zu rebellisch fürs Radio, zu kompliziert, zu krass, die Lieder zu lang, zu speziell, zu wasweißich. Biebers Musik ist einfach nur zu langweilig fürs Radio. Als erwachsener Mensch – bitte: absolut subjektive Wahrnehmung – hat man ständig den Impuls wegzuschalten, wenn einer seiner Songs läuft. Diese Musik wirkt, ja, beliebig, strukturlos, profillos, gleichförmig und unfassbar weinerlich. 99 Prozent der Produktion stammen hörbar aus dem Computer. Der Gesang ist o.k., Bieber singt nicht falsch, aber verglichen mit anderen jungen Stimmen der Gegenwart, mit King Princess, Billie Eilish, Ed Sheeran, ist das 08/15. Wenn nicht 08/14.

Dann schaust du dir ein Video an, zur Single-Auskopplung „Intentions“, und gleich ist alles anders. Musikvideos, aus dem Fernsehen ins Internet gerauscht, populärste Kunstform. Der Clip zeigt Bieber als Gast im Alexandria House, L.A., einer Zuflucht für Frauen und Mädchen. Es kommen ausschließlich schwarze Menschen und der weißhäutige Sänger in dem Musikvideo vor. Der Sänger, wie er alle glücklich macht, wie er viele in den Arm nimmt. Der Sänger, der, wie man liest, 200 000 Dollar gespendet hat für die Arbeit der Einrichtung. Nichts dagegen zu sagen.

Justin Bieber: Gut, dass er noch lebt

Justin Bieber als Projektionsfläche für Mädchenträume und als Einnahmequelle für Heldenvermarkter nahm mit zwölf, spätestens dreizehn Jahren den Betrieb auf. Da sang er bei Wettbewerben, wurde auf Youtube berühmt, spielte sogar großartig Schlagzeug, verbreitete seine Frisur auf die Köpfe von Millionen Jungen, die sein wollten wie er. Seine Fans nannten sich bald „Beliebers“, Gläubige, und zu glauben galt es nicht an den Herrn, sondern an den Knaben. Bei Bühnenauftritten wurde der Heranwachsende mitunter im Käfig inszeniert. Gewollt oder nicht, da war einer als Kind in etwas hineingeraten, aus dem er als Mann nicht mehr herauskam. Drogen, Depression, vor vier Jahren saß er weinend auf den Tourneebühnen, jetzt im Dezember weinend vorm Tonstudio, zwischendurch auch mal im Knast, doch Leitthemen der 17 Tracks auf „Changes“ sind Liebe und Glück. Seit 2018 ist er mit dem US-Model Hailey Baldwin verheiratet, darum geht’s auf dem Album. Das ist alles.

Gut, dass Justin Bieber noch lebt. Zu erwarten war das nicht unbedingt. Das Publikum steht derweil ratlos vor dem Showgeschäft und grübelt: Wie sollen wir uns dazu verhalten, wenn es nicht infrage kommt, blind und taub vor Begeisterung in etwas Magischem zu versinken, weil es eben nicht magisch ist? Die Musikindustrie baut zum hundertsten Mal einen Popanz auf, ein vermeintliches Wunderwerk, über das keine Sekunde zu früh (aber bitte auch nicht zu spät) berichtet werden darf – und wenn man es auspackt, entweicht, nicht einmal zischend, die laue Luft.

Pardon, nicht jeder erkennt die Faszination der Stilrichtung R&Bieber, aber seit dem Wochenende gibt es das Album für alle Streaming-Abonnenten, die zehn Euro im Monat bezahlen, umsonst. 30 Millionen weitere Songs inklusive. Das ist die Tragödie der Kunstform Lied.

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