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Julian Lennon: „Dad applaudiert mir im Himmel, ganz sicher“

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„Ich war immer John, der andere John. Aber ich wollte ich sein! Jetzt heiße ich nur noch Julian.“
„Ich war immer John, der andere John. Aber ich wollte ich sein! Jetzt heiße ich nur noch Julian.“ © imago images/ZUMA Wire

Julian Lennon, ältester Sohn von Beatles-Legende John Lennon, bringt nach langer Zeit ein Album heraus – der Titel „Jude“ ist aus gutem Grund gewählt. Ein Gespräch über Vergebung und die Angst davor, zu sich selbst zu finden. Von Katja Schwemmers

Elf Jahre hat Julian Lennon kein Album mehr herausgebracht. Der Schatten seines berühmten Vaters war einfach zu groß: Julian ist der älteste Sohn von Beatles-Star John Lennon und dessen erster Ehefrau Cynthia Powell. Nun erscheint mit „Jude“ seine siebte Platte, bei der Paul McCartney seine Finger mit im Spiel hatte. Für Julian, der seine Kreativität lange Zeit in der Fotografie auslebte, war die Arbeit an den neuen Songs wie eine Traumatherapie.

Mr. Lennon, wo erwische ich Sie heute?

In meinen vier Wänden in Monaco, dort lebe ich seit 25 Jahren. Es ist nicht der schlechteste Ort. Ich reise viel. Derzeit bin ich in Sachen Musik unterwegs, sonst ist es die Fotografie oder meine gemeinnützige Stiftung. Es ist einfach, von hier aus überall in die Welt zu kommen.

Auf dem Cover Ihres neuen Albums sieht man Sie als kleinen Jungen. Was hat es damit auf sich?

Jeder Song, den ich in meinem Leben geschrieben habe, ist wie ein Blick in den Spiegel für mich. Viele Lieder dieser Platte nahmen schon vor 30 Jahren ihren Anfang. So albern das klingt, aber dies ist meine Coming-of-Age-Platte.

Sie sind 59!

Klar. Aber als Covid vor zweieinhalb Jahren einschlug und wir alle getrennt wurden von unseren Freunden und Liebsten, verbrachte ich den Großteil des Lockdowns allein in Monaco. Für mich war es die Zeit, um in mich zu gehen, zu reflektieren und mir die wichtigen Fragen zu stellen: Wo stehe ich in meinem Leben? Was ist meine Bestimmung? Bin ich glücklich? Wenn ich nicht glücklich bin, wie ändere ich diesen Zustand? Was muss ich im Leben tun, um Liebe zu finden? Und wie erlange ich noch mehr Fokus und Balance? Ich wollte Antworten finden. Ich erinnerte mich an Textstellen, die Paul McCartney in „Hey Jude“ über mich geschrieben hatte, in denen es darum ging, dass das Gewicht der Welt auf meinen Schultern lastete. Diese Schwere habe ich gefühlt, während ich mich durch den ganzen Seelenmüll arbeitete. Deshalb war der Name Jude so präsent in meinem Kopf.

Das hymnische „Hey Jude“ hat Paul McCartney im Jahr 1968 geschrieben, um Sie nach der Trennung Ihrer Eltern zu trösten und aufzumuntern. Hat das funktioniert?

Ich war fünf Jahre alt! In dem Alter begreifst du das noch nicht. Aber ich habe als Kind ganz sicher gemerkt, dass da eine Veränderung ist. Denn Dad war plötzlich nicht mehr da. Das wiegt schwer und hat Einfluss auf die Weise, wie du aufwächst und wie du fühlst. Ich fühlte mich vernachlässigt. Aber es ging mir eher darum, mich um meine Mutter zu kümmern und sicherzugehen, dass sie okay war. Klar, ich war das Kind, das seinen Vater vermisste, aber meine Mum war diejenige, die sich in ihn verliebt hatte, ein Kind von ihm bekam und dann verlassen wurde.

Zur Person

Julian Charles John Lennon, geboren am 8. April 1963 in Liverpool, ist der Sohn von John Lennon und dessen erster Ehefrau Cynthia Powell. Seinen Vater sieht er selten; John Lennon ist mit den Beatles ständig auf Tour oder im Studio. Die Ehe hält bis zum Sommer 1968. Dann lernt John die japanische Künstlerin Yoko Ono kennen und trennt sich von seiner Familie. Julians Kindheit ist fortan geprägt von wechselnden Partnerschaften seiner Mutter und Enttäuschungen durch seinen Vater.

Seine eigene Musikkarriere verläuft wechselhaft. 1984 veröffentlicht er das hochgelobte Album „Valotte“. Die Singleauskopplung „Too Late for Goodbyes“ erreicht Platz sechs der britischen Singlecharts und Platz fünf in den USA, das Album verkauft sich weltweit mehrere Millionen Mal. Die folgenden Alben können jedoch nicht an den Erfolg anknüpfen. Seine Fotografien aber sind renommiert und werden international ausgestellt, etwa in New York.

Das Album „Jude“ erscheint am 9. September 2022 – benannt nach dem berühmten Beatles-Song von Paul McCartney.

Sie fühlten sich als Kind verantwortlich für Ihre Mutter?

Ja. Auch in meiner Arbeit ging es immer darum, sie stolz zu machen. Ich wollte sie ehren und sie spüren lassen, dass ich immer für sie da sein würde. Sie war durch so viel Mist gegangen. Und sie meisterte es mit Würde, Anmut und Integrität. Ich denke, ich bin auch nach ihrem Tod dieser Linie treu geblieben und habe selbst große Integrität bewahrt in all den Jahren. Alles Mögliche hätte passieren können. Es hätte schlecht ausgehen können mit mir. Aber ich bin immer noch hier, ich bin immer noch am Leben. Ich bin immer noch kreativ. Es ist alles gut. (Lacht.)

Wie kommt das von McCartney handgeschriebene „Jude“ auf Ihr Albumcover?

Ich besitze die Originalnotenblätter der Orchesterarrangements von „Hey Jude“. Die Unterschrift istPauls Handschrift aus diesen Notizen. Es passte einfach.

Haben Sie ihn um Erlaubnis gefragt?

Oh ja, ich habe es von ihm absegnen lassen. Erst meinte er: „Die Noten gehören eh dir, du kannst damit tun und lassen, was du willst.“ Und ich erwiderte: „Das ist nicht das, was ich hören wollte: Findest du es okay, wenn ich deine Handschrift benutze?“. Es war völlig okay für ihn. Ich hatte sogar das Gefühl, er war angenehm überrascht, dass ich das Album „Jude“ nennen würde. Es gab dafür allerdings noch einen weiteren Grund.

Welchen?

Mit meinem Halbbruder Sean (Sohn von John Lennon aus seiner zweiten Ehe mit Yoko Ono, Anm. d. Red.) habe ich mir im letzten Jahr Peter Jacksons Dokumentation „The Beatles: Get Back“ angesehen. Der Film transportierte eine herzerwärmende und erstaunliche Botschaft für mich. Noch mehr als Sean erinnerten mich die alten Aufnahmen daran, wie Dad als Mensch war, wenn er dann mal anwesend war. Wie albern er sein konnte, wie klug, zynisch, vergnügt und verrückt. Dass er talentiert war, ist nichts Neues, aber der Film führte mir noch mal seinen Humor und die Intelligenz dahinter vor Augen. Erinnerungen an die besonderen Tage mit ihm wurden wach, das transportierte mich an einen schönen Ort. Und es brachte mich dazu, mich wieder in ihn zu verlieben.

Das klingt wundervoll ...

Ja, oder? Es ist nicht so, dass ich ihm davor nicht schon vergeben hätte, doch als ich aus der Filmvorführung kam, konnte ich mit Überzeugung sagen: „Mein Dad und ich hatten eine wunderschöne Beziehung. Wenn wir uns mal sahen, war es fantastisch“. Es war nur leider so, dass sich Dinge in den Weg stellten. Aber so ist das Leben. Mit „Hey Jude“ und der Idee hinter Pauls Song aufzuwachsen und heute endlich sagen zu können, sich selbst gefunden zu haben, ist wie ein Happy End. Dass das nun auch Teil des Konzepts dieser Platte ist, hat sich nach und nach einfach so ergeben.

Ich bin heute zufriedener als ich es jemals war in meinem Leben.

Julian Lennon

Und weil Sie sich nun selbst gefunden haben, änderten Sie jüngst Ihren Namen?

Das gehörte dazu. Mein Leben lang stand in meinem Pass der Name John Charles Julian Lennon. Ich war immer John, der andere John! Aber ich wollte ich sein! 2020 entschied ich, den Namen in Julian Charles John Lennon ändern zu lassen. Julian zu werden, war eine große, wichtige Sache für mich. Es nahm die Last von meinen Schultern. Endlich konnte ich ich sein! Die meisten Leute nennen mich eh Jules – auch Pauls Song sollte ja ursprünglich „Hey Jules“ heißen und wurde nur geändert, weil „Jude“ sich besser singen ließ. Zum ersten Mal offiziell ich zu sein, ermöglichte mir, die Geschichte anzuerkennen und die Vergangenheit zu umarmen. An der inneren Balance gearbeitet zu haben, tat das Übrige.

Würden Sie es als Heilungsprozess bezeichnen?

Absolut. Das Album, die Namensänderung, die innere Suche – das alles trug zu mehr Verständnis und ein bisschen mehr Weisheit bei. Ich bin heute zufriedener, als ich es jemals war in meinem Leben. Und so hart die Zeit allein im Lockdown auch war: Ich nutzte es als meine Chance, in meinem Innern aufzuräumen und mich am Ende im Ganzen besser zu fühlen. Ich fing mit Powerwalking an, ernährte mich besser und meditierte.

Können Sie gut loslassen und entspannen?

Ehrlich gesagt: nein. Ich habe einige Apps ausprobiert, aber es fällt mir schwer runterzukommen. Normalerweise drehe ich schon durch, wenn ich mal länger als 20 Minuten an einem Strand sitzen muss. Gib mir einen Jetski oder ein Boot – Hauptsache, ich habe was zu tun. Ich bin immer aktiv und arbeite auch am Wochenende. Es hat Seltenheitswert, wenn ich nichts tue. Und ich hasse es, das sagen zu müssen, aber Meditation gibt mir immer das Gefühl, Zeit zu verschwenden. Ich muss mich zur Meditation wirklich zwingen. Und trotzdem ist sie wichtig.

Inwiefern?

Ich musste über die Jahre immer mal wieder mit starken Angststörungen klarkommen. Die Atemübungen helfen mir, damit umzugehen. Teilweise bin ich auch agoraphobisch. Es macht mir Probleme, rauszugehen und vor Leute zu treten. Das wurde mit der Zeit immer schlimmer. Vieles war für mich schwieriger, als die Leute annahmen. Heute gehen Menschen offener mit dem Thema psychische Gesundheit um.

Gab es ein bestimmtes Ereignis, dass die Angststörung auslöste?

Ich war immer schon ein schüchterner, ängstlicher Mensch. Ich muss mich überwinden, um mich in Gesellschaft wohlzufühlen. Ich habe gelernt, wie man das macht. Ich bin heutzutage besser darin, viel besser. Aber es gibt immer noch Tage, an denen ich mich nicht danach fühle. Dann will ich einfach nur Stille und mit mir alleine sein. Und wenn ich Verpflichtungen habe und über meinen Schatten springen muss, atme ich mich heute da durch. Das bringt mich ins Hier und Jetzt und blendet den Rest der Welt aus. Ich denke an die Menschen, die ich liebe, und wie glücklich ich sein kann, da zu sein, wo ich bin, und die Arbeit zu tun, die ich liebe und die anderen Menschen hilft, die weniger Glück haben.

Sie sprechen von Ihrer gemeinnützigen Stiftung „The White Feather Foundation“, mit der Sie sich für Umwelt, indigene Völker und Bildung starkmachen.

Das ist die Arbeit, die mich am glücklichsten macht. Musik kann zwar sehr heilsam sein. Ich liebe Musik und werde vermutlich nie damit aufhören – auch wenn es sein könnte, dass dies das letzte Album sein wird, das ich herausbringe. Für mich ist es jedoch heilsamer rauszugehen, Fotos zu machen, Dokumentationen zu drehen und etwas für die Stiftung zu tun. Ich bin froh, auch diesen Träumen nachgegangen zu sein. Ich möchte noch viel mehr Dokumentationen machen, da ist einiges in der Pipeline. Ich will mehr Fotoprojekte umsetzen und Gutes auf den Weg bringen. Ich überlege auch, ob ich meine Memoiren schreiben soll. Mir gefällt, wie das „Lyrics“-Buch von Paul McCartney zusammengestellt wurde. Es enthält die Informationen, die es braucht, aber auch viel Visuelles. In meiner Welt erzählen Bilder genauso viele Geschichten wie geschriebene Worte.

Im April haben Sie erstmalig „Imagine“, den vielleicht wichtigsten Song Ihres Vaters, zugunsten der Ukraine-Hilfe von „Global Citizen“ gesungen. Was hat Ihnen das bedeutet?

Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich diesen Song nie singen müsste. Ich war auch nicht unbedingt scharf darauf. Ich sah eh nie die Notwendigkeit, Beatles- oder Dad-Songs zu singen. Denn warum etwas covern, was schon im Original perfekt gemacht wurde? Außerdem habe ich mein eigenes Leben und meine eigene Arbeit. Warum sollte ich das also tun? Dann sah ich die Bilder aus der Ukraine: Den Horror und den Herzschmerz des Kriegs empfand ich als unerträglich. Wir hatten schon andere Krisen in der Welt mit Flüchtlingen, und natürlich war auch das schlimm. Aber dieser Krieg, nach all dem, was wir mit Covid durchgemacht haben, offenbart einmal mehr, wie viel Verlust an Leben, an Menschlichkeit und an Liebe auf so vielen Ebenen in der Welt herrscht. Als mich „Global Citizen“ fragte, ob es da etwas gäbe, was ich für die Veranstaltung aus dem Ärmel schütteln könnte, wusste ich sofort, dass es nun an der Zeit wäre, „Imagine“ zu singen. Ich sagte mir: „Okay, tue, was du tun musst.“ Es war das Richtige zur richtigen Zeit und mit der richtigen Absicht.

„Give Peace A Chance“ wäre ja auch noch eine Option gewesen.

„Imagine“ erscheint mir passender. Für mich sowieso, denn egal, ob ich an Songs oder anderen Sachen gearbeitet habe – die Vorstellung, dass da Hoffnung auf eine bessere Welt ist, war immer Teil davon. Kaum hatte ich zugesagt, schnellte mein Angstlevel in extreme Höhen. Ich dachte: Wie schaffe ich das nur? Wie bringe ich den Song rüber auf eine Art, die pur, wahrhaftig und ehrlich klingt? Mir war schnell klar, dass „Imagine“ in meiner Version nicht auf dem Piano gespielt werden kann, dann sonst würde es bei mir genauso klingen wie bei Dad. Ich griff zur Akustikgitarre, die den Vibe und das Gefühl des Songs veränderte. Wir verzichteten auf jegliche Produktion. Wir probten den Song vier Mal. Als wir ihn aufzeichneten, hatte ich Tränen in den Augen. Es war ein so unverfälschter Moment. Es war eine einmalige Sache für mich.

Was hätte Ihr Vater dazu gesagt?

Dad hat mir aus dem Himmel applaudiert. Ganz sicher sogar. Menschen aus der ganzen Welt erwiesen mir Respekt – das habe ich vorher noch nie so gefühlt. Damit war auch vorher nicht zu rechnen.

Sie sollen eine beträchtliche Beatles- Memorabilia-Sammlung besitzen, die Sie über die Jahre auf Auktionen ersteigert haben. Was haben Sie damit vor?

So viel ist es gar nicht. Angefangen hatte es mit persönlichen Stücken meines Dads; Dinge, die er getragen hat, die er spielte oder die eine Verbindung zwischen uns darstellten. Und dann begann ich, Beatles-Sachen zu sammeln. Die Sammlung aufzubauen, schien mir zu der Zeit eine nette Idee und ein schöner Traum zu sein. Wir haben die Stücke mal in Liverpool ausgestellt. Es hat mir Freude bereitet, die Sammlung zu teilen. Aber man muss sich viel darum kümmern, es bedarf Organisation und Versicherung. Und immer ist die Sorge da, dass sie kaputtgehen oder gestohlen werden könnten. Ich vermute, da draußen gibt es ernsthafte Sammler, die einiges davon mehr zu schätzen wissen als ich. Ich werde die Sammlung wohl abgeben, um mein Leben zu vereinfachen.

Alles?

Nein, die persönlichen Gegenstände werde ich behalten. Was ich garantiert nie weggeben werde, sind die Gitarren, die mir Dad gab. Außerdem besitze ich eines von zwei handschriftlichen Textblättern von „Imagine“. Das wird für immer bei mir bleiben. Ich hoffe, ich kann das eines Tages vererben. Das ist der Grund, warum ich das Zeug überhaupt in meinem Besitz habe, weil ich es weitergeben will an meine Familie der Zukunft. Ich beabsichtige immer noch, eine Familie zu haben. Ich muss nur die richtige Partnerin finden.

Es ist nie zu spät, oder?

Nie! Ich fühle mich besser als je zuvor, gesünder in jeder Beziehung. Das ist eine gute Basis, den richtigen Menschen zu finden.

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