1. Startseite
  2. Kultur

Jürgen Holtz öffnet eine Kugel

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Jürgen Holtz: Spielkünstler.
Jürgen Holtz: Spielkünstler. © dpa/Hannibal

Anlässlich des Theatertreffens wurde Jürgen Holtz vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit der mit 20000 Euro dotierte Theaterpreis Berlin übergeben. Holtz nutzte die Gelegenheit für eine herrliche Generalabrechnung mit Kunst, Gesellschaft und Gegenwart.

Von Ulrich Seidler

Neben seinen vielen Begabungen, die alle Ehren wert sind, konnte Jürgen Holtz am Sonntagmittag beweisen, dass er auch für das Geehrtwerden sehr begabt ist. Er schleicht sich in den gut gefüllten großen Saal des Festspielhauses, wo ihm der Theaterpreis Berlin überreicht werden soll, vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit selbstverständlich.

Er schleicht sich also rein, aber auf eine Weise, dass der Saal auf ihn aufmerksam wird. Als die Leute zu klatschen beginnen und sich zu Standing Ovations hochschaukeln, nickt er huldvoll, aber glücklich und nimmt Platz in der ersten Reihe des Parketts. Alle, die etwas beizutragen haben ? Angela Winkler singt Schubert („Im wunderschönen Monat Mai“), Corinna Harfouch liest sein Lieblingsmärchen vor (Andersens „Des Kaisers neue Kleider“), Hermann Beil, Robert Wilson und Klaus Maria Brandauer halten Laudationen ? alle müssen sie, wenn sie Holtz die Hand schütteln wollen, zur Rampe kommen und sich zu ihm hinabbeugen, wenn nicht auf die Knie gehen. Sie machen es gern.

Er lässt sich bei der Preisvergabe auch von Wowereit, der Festspielleitung und von Walter Rasch, dem Vorsitzenden der preisvergebenden Stiftung Preußische Seehandlung, umarmen. Aus seiner DDR-Zeit fand sich offenbar kein glamouröser Gratulant.

Dann aber ist Schluss mit der Wohlfühlwürde, dann setzt Holtz die Brille auf für seine Rede, an der er, wie er sagt, Wochen gefeilt hat und die sich zu einer herrlichen Generalabrechnung auswächst. Er schlägt einen Bogen von seiner Biografie, die ihn an drei Gesellschaftsformen leiden ließ und nicht nur voller großartiger Begegnungen, sondern auch reich an Verletzungen ist, zur Kritik an Kunst und Gesellschaft der Gegenwart.

Der Glaube an die Kunst sei verloren gegangen, und wir hätten Gefallen gefunden am Unglauben, wir seien verseucht von angstvollem Desinteresse für das, was es zu tradieren und zu pflegen gälte. Wir hätten die Wirklichkeit den Massenmedien überlassen, denen sie nacheifert. Die Theater würden sich bald, wie Funk und Fernsehen, zu bloßen Agenturen mausern. „Die Imitation unterwirft sich das Schöne“, donnert Holtz und schließt mit einem Witz: Ein Mann schlägt einem Zirkusdirektor eine Nummer vor: Er solle ein Riesenkugel mit Scheiße in die Manege hängen und dann öffnen. Dann würden doch alle bespritzt!, sagt der Direktor. Und der Mann: „Ja. Und dann komme ich. Ganz in Weiß“.

Auch interessant

Kommentare