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Interesse an Information oder PR-Bedarf? Annegret Kramp-Karrenbauer vor der Kamera.

Medien

Journalismus in der Defensive

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Das Verhalten von Politik oder Sport gegenüber dem Journalismus deutet auf eine Erosion von Öffentlichkeit hin.

„Herr Grindel, Herr Grindel“, ruft der Mann, flehentlich fast, sieben-, achtmal. Doch Herr Grindel reagiert nicht. Er verlässt den Raum, und der Reporter verliert sein Interview. Herr Grindel mochte die Fragen des Journalisten nicht, sie seien „nicht vernünftig“, denn Florian Bauer von der Deutschen Welle hatte nach einem Investorenangebot von 25 Milliarden US-Dollar für eine geplante Welt-Nations-League gefragt. Fragen nach Geld hört Herr Grindel nicht gern, seit der DFB, dem er vorsitzt, eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro vor der Fußball-WM 2006 in Deutschland nicht erklären kann.

Ohne weiteres hätte Reinhard Grindel dem Fragesteller auch ganz höflich antworten können. Stattdessen forderte er gebieterisch „drei Fragen zu Katar“ und hielt Bauer vor, er wolle ihm „etwas in die Schuhe schieben“ (#fragGrindel bei Twitter). Der Auftritt des DFB-Chefs zeugt vor allem von einem: Mangel an Respekt gegenüber dem Journalisten. Und damit ist der Fußball-Boss nicht allein. Denn die Haltung des Publikums gegenüber den Medien hat sich verändert.

Sie könne inzwischen als „gestört“ beschrieben werden, formuliert Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung, im Vorwort zu einer Studie des Kollegen Fritz Wolf mit dem Titel „Wir sind das Publikum! – Autoritätsverlust der Medien und Zwang zum Dialog“. Das ist eine Folge der gewandelten Form von Kommunikation, die das Internet ermöglicht hat. Dort erlaubt die Anonymität die fast ungefilterte Äußerung von Meinungen und Emotionen, von „niedrigschwelligen Werkzeugen“ ist bei Fritz Wolf die Rede: die Debatten über „hate-speech“ bei Facebook und anderswo geben beredtes Zeugnis davon.

Wo jedermann seine Ansichten zu allem und jedem verbreiten kann, weiß mancher es auch besser als der Journalist. Der hat seine Rolle als „gate-keeper“, der die Informations-Spreu vom -Weizen sondert, fast verloren – und damit an Ansehen eingebüßt.

Wenn Politiker wie der slowakische Ex-Premier Robert Fico journalistische Kritiker seiner Regierung als „dreckige anti-slowakische Huren“ beschimpft, und der irrlichternde Präsident der Vereinigten Staaten sich lobend über einen Angriff auf einen Journalisten äußert, wundert es nicht, dass Journalisten als Freiwild betrachtet werden. Donald Trumps Haltung, die Presse einzuteilen in die ihm Gewogene und die andere, die angeblich „Fake News“ verbreitende, ist zum Vorbild für wachsende Teile des Publikums geworden. Das gilt vor allem für die erstarkten Rechtsextremen, die ja den Begriff „Lügenpresse“ populär machen konnten. So stürmte jüngst eine Frau beim ZDF-Morgenmagazin ins Studio, bedrängte Moderatorin Dunja Hayali und stammelte „Lügenpresse, Lügenfresse“.

Gravierende Veränderung von Öffentlichkeit

Die Haltung „Wer nicht meiner Meinung ist, lügt“ deutet auf eine gravierende Veränderung von Öffentlichkeit. Die Diversifikation der Gesellschaft, die viel beschworene Globalisierung werden als bedrohlich empfunden, der neuen Unübersichtlichkeit steht der Wunsch nach Klarheit und einfachen Lösungen entgegen. Die gibt es nicht, und in der differenzierenden Art, mit der die seriösen Medien Probleme oder politische Prozesse darstellen, werden sie zu Repräsentanten von Herrschaftswissen und damit von Macht. Weil sie (zu Recht) in den renommierten Medien kritisch betrachtet wird, kam die rechtsradikale AfD auf eine Idee, deren Etikett sie pikanterweise vom aktuellen Journalismus geklaut hatte: den „Newsroom“.

Damit will die Partei in einer Social-Media-Einheit selbst Nachrichten produzieren, ungestört von kritischen Fragestellern der seriösen Medien. Zu denen hat die AfD ein schizophrenes Verhältnis, weil sie einerseits als „Lügenpresse“ verhöhnt, aber andererseits zur medialen Verbreitung der rechten Inhalte nur allzu gern benutzt werden.

Nun wäre das AfD-Hobby, in ihrer Echokammer Selbstbestätigung zu pflegen, nicht viel Aufhebens wert, wenn die Partei nicht Nachahmer gefunden hätte, ebenfalls auf der konservativen Seite. Denn die neue CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer ließ jüngst in einem „Interview“ mit der Jungen Union verlauten, dass „wir gerade ein Newsroom-Konzept erarbeiten“. Das Ziel sei, „auch eigene Nachrichten zu setzen“. So habe man beim Auftaktgespräch zum Werkstattgespräch keine Presse zugelassen, sondern „einen Live-Stream angeboten, den jeder verfolgen konnte, aber es war kein Journalist vor Ort“. Damit sei man „Herr über die Bilder“ gewesen, habe die Nachrichten selbst produziert. Das sei die Richtung, das sei „moderne politische Kommunikation“. Keine Journalisten zulassen, keine kritischen Fragen zulassen, Medienvertretern, wie vor kurzem bei VW geschehen, das Mitschreiben verbieten und die Vorlage des Textes vor Drucklegung verlangen: So wird der Journalismus auch von denen in die Defensive gedrängt, die eigentlich ein Interesse an der grundgesetzlich verankerten freien Presse haben müssten.

Reaktionen bleiben nicht aus. Der von der Relotius-Affäre gebeutelte „Spiegel“ meinte jüngst, sich erklären zu müssen. Da hatte ein ehemaliger „Spiegel“-Redakteur zur Geburtstagsfeier geladen, der inzwischen soweit nach rechts abgedriftet ist, dass dort auch einschlägig bekannte Rechtsaußen mitfeierten. Der „Spiegel“ schrieb: „Die Einladung zur Geburtstagsfeier von Matthias Matussek an einzelne Kollegen war privater Natur und der Chefredaktion deshalb nicht bekannt.“ Vielleicht waren die Verantwortlichen des „Spiegel“ aber auch nur Fritz Wolf gefolgt, der in seiner Studie zum Ergebnis kommt, dass mehr Transparenz und Dialog mit dem Publikum dem Journalismus helfen könnte, seine Krise zu bewältigen. Schön wär’s.

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