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Joseph Roth.

Joseph Roth

Joseph Roth: Die rote Blüte keimt

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Zum 125. Geburtstag von Joseph Roth: Sein früher Roman „Die Rebellion“ in einer Neuedition.

Drei große Romane über die Nachkriegsgesellschaft in den Weimarer Jahren hat der Schriftsteller Joseph Roth, dessen 125. Geburtstag in diesen Tagen zu feiern war, 1923 und 1924 veröffentlicht. „Das Spinnennetz“ erzählt vom neuerlichen Aufstieg der Reaktion, von ihren Fememorden und einem wieder heftig entflammten Antisemitismus. In „Hotel Savoy“ prangert er einen unbarmherzigen Industriekapitalismus an, und in „Die Rebellion“ steht der Invalide Andreas Pump im Zentrum, von dessen schicksalhaftem Untergang in Zeiten eines mitleidlosen Überlebenskampfes Roth berichtet.

Zeitromane sind es und auch Zeitungsromane, alle erscheinen zunächst als Fortsetzungsgeschichten in der Wiener „Arbeiterzeitung“, in der „Frankfurter Zeitung“ oder im sozialdemokratischen „Vorwärts“. Es sind Geschichten von Menschen, die auf der „Flucht ohne Ende“ – so der Titel eines weiteren Roth-Romans – sind, von heimatlos gewordenen Reisenden, deren gesellschaftliche Existenz und deren seelisches Gleichgewicht durch den Krieg zerstört wird.

Der „rote Joseph“

Roth, bei der Niederschrift seiner frühen Romane noch überzeugter Sozialist – er unterzeichnet in diesen Tagen seine Briefe oder auch einige seiner Artikel mit „Der rote Joseph –, schildert in seinem Frühwerk das Drama einer Gesellschaft aus der Sicht der Verworfenen und Beleidigten, der Opfer einer blinden Elite, die den nächsten Krieg schon vorbereitet.

Der im habsburgischen und nach 1920 polnischen Galizien geborene Joseph Roth, hatte vor seinem Auftritt als Romancier bereits eine beachtliche journalistische Karriere hinter sich, schrieb in Wien und dann in Berlin und Frankfurt für bedeutende Blätter seine ironischen, zeitkritischen und stilistisch brillanten Feuilletons. Nachdem er, der selbst immer ruhelose Reisende, Deutschland den Rücken gekehrt hat und zunächst als Korrespondent in Paris und dann nach 1933 als Exilant an der Seine und in Amsterdam lebt, wird er sich in konservativen Illusionen verlieren und sich als österreichischer Legitimist in einen Wiederaufstieg der Habsburger hineinträumen.

Sein dritter Roman „Die Rebellion“ ist jetzt in einer Neuausgabe erschienen, die nach dem im Marbacher Literaturarchiv lagernden, handgeschriebenen Originalmanuskript editiert worden ist. Ergänzt wird der Romantext durch 24 Feuilletons Roths aus den frühen 20er Jahren.

Dem Leser begegnen hier keine editorischen Sensationen, aber es ist verdienstvoll, dass jetzt eine Ausgabe des Romans vorliegt, in der die insgesamt wenigen, aber doch nicht zu übersehenden Abweichungen des Originals vom bislang veröffentlichten Text korrigiert worden sind. Ärgerlich dagegen sind die oberlehrerhaften Anmerkungen des Herausgebers Ralph Schock im Nachwort. Seine Polemik gegen die zwischen 1989 und 1991 erschienene sechsbändige Gesamtausgabe der Werke Roths werden dieser vieltausendseitigen und für Roth-Leser unentbehrlichen Edition in keiner Weise gerecht.

Aber es bleibt ein großes und bewegendes Leseerlebnis, das der Jahrhundert-Romancier Joseph Roth uns mit „Die Rebellion“ schenkt. Er erzählt von der Unentrinnbarkeit des Schicksals, wie wir es alle in unseren eigenen Albträumen immer wieder schweißgebadet durchleben, von unserer entfremdeten Existenz und vom Untergang des Kriegsinvaliden Andreas Pump.

Sein Glaube an die Welt, wie sie ist, an den einen mitleidsvollen, gütigen Gott im Himmel und die eine gerechte Obrigkeit auf Erden wird durch die zufällige Begegnung in einer Straßenbahn zerstört, die im Streit und mit seiner Verhaftung endet. Alles zerbricht, die Zufriedenheit mit der Welt, seine materielle Existenz, die Liebe zu einer Frau und der hochmütige Blick auf die anderen – „Waren es doch Tagediebe, Rebellen, Gottlose, sie wollten die Regierung stürzen und sie verdienten ihr Schicksal“. Nun aber „hatten die großen rollenden Räder des Staates den Bürger Andreas Pum in die Arme genommen und, ohne, dass er es noch wusste, wurde er langsam und gründlich zermahlen.“ Da „legte er seine Frömmigkeit, seine Ergebenheit, seine Demut, seinen Glauben an die Regierung ab, wie alte Kleider, denen man entwachsen war. Zaghaft, aber immer größer werdend, keimte in seiner Seele die rote Blüte der Rebellion.“

Joseph Roth, der Trinker und kokette Selbstdarsteller, der Außenseiter und realistische Träumer, bleibt auch in diesem Roman ein unbeirrbarer Dichter der Wirklichkeit.

Joseph Roth: Die Rebellion. Roman. Hrsg. v. Ralph Schock. Wallstein, Göttingen 2019. 280 Seiten, 16 Euro.

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