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Jonas Mekas, 2016.

Jonas Mekas

Archivar der Augenblicke

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Zum Tod des Filmkünstlers Jonas Mekas.

Es hat wohl wenige Künstler von solcher Bedeutung gegeben, die ihrem Publikum derart auf Augenhöhe begegneten wie Jonas Mekas. Wer den großen Filmkünstler und Dichter, den Archivar und Chronisten auf einem Festival oder in einem Filmmuseum erlebte, sah ihn nicht nur, sondern lernte ihn meist auch wirklich kennen. Je später der Abend, desto leichter kam man mit ihm ins Gespräch. 

Noch mit Mitte 90 war er geblieben, was er immer gewesen war: der große Filmnomade und Kosmopolit. Seine filmischen Tagebücher, die er seit den fünfziger Jahren mit der Bolex-16mm-Kamera und später auf Video führte, sind Schatzkammern der Augenblicke. Die Kamera war für ihn ein Instrument der Improvisation, das er wie ein Jazzmusiker beherrschte. Die kleinen Lichtblitze, die beim Ein- und Ausschalten entstanden, waren für ihn so charakteristisch wie der spezielle Lippenansatz mit dem vielleicht ein Trompeter seine Phrasierungen beginnt. So sah man das 20. Jahrhundert, dessen Höhen und Tiefen er wie kaum ein zweiter durchlebt und durchlitten hatte, mit seinen Augen. Und nicht selten erschien es, als lernte man dabei ein zweites Mal zu sehen.

1922 geboren im heutigen Biržai, Litauen, wurde er 1944 von den Nazis inhaftiert. Auf einer Schreibmaschine, die man im Stall der Familie fand, hatte er Texte für eine Anti-Nazi-Zeitung getippt. Acht Monate verbrachte er in einem Arbeitslager in Elmshorn, die sowjetische Besatzung verhinderte eine Rückkehr nach Litauen. Als „Displaced Person“, als Heimatloser, verbrachte er die erste Nachkriegszeit in Lagern in Wiesbaden und Kassel. Von 1946 bis 1948 studierte er in Mainz Philosophie, Ende 1949 emigrierte er mit seinem Bruder Adolfas – später selbst ein einflussreicher Filmemacher – in die USA.

Einige von Mekas frühen Handschriften waren 2009 in einer Ausstellung im Kölner Museum Ludwig zu sehen. Der Erwerb einer 16mm-Kamera kurz nach seiner Ankunft in den USA war für Mekas wie eine zweite Geburt. Er besuchte eine Klasse des deutschen Avantgardepioniers Hans Richter und entdeckte das unabhängige künstlerische Kino durch den großen Filmkurator Amos Vogel. Mekas wurde Filmkritiker der „Village Voice“ und begründete 1955 die führende Filmkunstzeitschrift „Film Culture“. Und filmte jeden Tag. Mit der Schauspieltruppe des Living Theatre inszenierte er 1964 seinen bekanntesten Spielfilm „The Brig“, ein hoch intensives Kammerspiel aus einem Gefängniskäfig der US Marines. 

Die Nähe zu vielen wichtigsten Künstlern seiner Zeit durchzieht ein Oeuvre von wohl mehreren hundert Stunden. Andere hätten diesen Schatz wohl in wahre Münze verwandelt. Etwa „Happy Birthday to John“, eine Kompilation mehrerer Begegnungen mit John Lennon. Da befindet sich Mekas’ bewegte, die Bildräume unablässig durchstreifende Bolex-Kamera inmitten einer spontanen Geburtstagsfeier des Musikers. Anlässlich einer Fluxus-Ausstellung in Syrakus fand man sich 1972 zu einer Reihe improvisierter Lieder zusammen, die man auf keinem Bootleg hören kann, perkussiv begleitet von Ringo Starr auf einem umgekehrten Plastikeimer. 

Wunder am Schneidetisch

So fragmentarisch auch Mekas’ filmische Fluxusbilder anmuten, so unverrückbar ist doch ihre Organisation im Schnitt, der schon in der Kamera stattgefunden hat – auch wenn Mekas später am Schneidetisch weitere Wunder vollbrachte. Etwa beim leichtfüßigen Gang durch die magischen Augenblicke seines Lebens im Vierstünder „As I Was Moving Ahead, Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty“.

Haben wir da Fluxus gesagt? Jede Kategorisierung war Jonas Mekas zu viel. Als ich ihn einmal vor Publikum als einen der größten Vertreter des Avantgardefilms vorstellte, fiel er mir sofort ins Wort. Noch mehr verabscheute er das Wort „Experimentalfilm“. Das fand er herabwürdigend, und er hatte Recht: Würde man denn die Werke moderner Maler als bloße Experimente titulieren?

Mekas bevorzugte den Begriff des Nicht-industriellen Kinos. Dem widmete er seine zweite große Lebensleistung, unablässig sammelte er Mittel für das New Yorker Anthology Film Archive. Auch wenn er zuletzt selbst digital filmte, warnte er bis zuletzt vor dem ästhetischen und archivarischen Verlust bei der Digitalisierung alter Filme. Auch seine späte Entdeckung durch die Museumswelt sah er mit gesunder Skepsis: „Wenn man dort Filme zeigt, wirft man sie meist einfach an die Wand. Dabei gehört zum Kino immer eine Leinwand“, empörte er sich dann. 

Mit 96 Jahren ist Jonas Mekas am 23. Januar friedlich in seiner New Yorker Wohnung gestorben. Das nicht kommerzielle Kino hat mit ihm nicht nur einen großen Künstler verloren, sondern auch einen unnachgiebigen Bewahrer.

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