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John Neumeier 1988 der Rolle des „Er“ in der Uraufführung des Balletts „Über Ionesco: Hamburger Impromptu/Die Stühle“.

Choreograph Neumeier

Mit eleganten Schritten

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Er gilt als Solitär in der deutschen Tanzlandschaft: Heute wird Choreograph John Neumeier 80 Jahre alt.

Nicht erst mit seinem 80. Geburtstag an diesem Sonntag ist John Neumeier ein Solitär in der deutschen Tanzlandschaft: In Jahrzehnten hat sich der gebürtige Amerikaner hoch im Norden so fest verankert, wie es kein anderer Choreograph an einem anderen Theater vermocht hat. Andererseits scheint auch sein künstlerisches Temperament in Hamburg bald auf dauerhafte Gegenliebe gestoßen zu sein. Kein neuer Opernintendant hätte sich einfallen lassen können, einen Ballettchef seiner Wahl nach Hamburg mitzubringen; seit 1996 ist Neumeier außerdem selbst Intendant. Dazu Direktor der von ihm ins Leben gerufenen Ballettschule. Dazu Gründer eines „Bundesjugendballetts“, einer Nachwuchscompany, wie es sie an keinem anderen Staats- oder Stadttheater Deutschlands gibt (nur noch beim Nederlands Dans Theater). Dazu Herr über ein wahrhaft stattliches Repertoire – viele der Werke werden längst als Klassiker betrachtet. Dazu Träger zahlreicher Preise.

Im Sommer 2016 dachte John Neumeier darüber nach, mit 80 aufzuhören, er hatte, wie er damals im Gespräch mit der Kritikerin sagte, schon einen Nachfolger im Auge und der Stadt vorgeschlagen. Dann hat er doch wieder bis 2023 verlängert. Und warum auch nicht. Noch immer kann er seine riesigen, aber eben stets mit Bedacht gesetzten Fußstapfen am besten selbst füllen.

John Neumeier, geboren 1939 in Milwaukee, Wisconsin, wurde zu Zeiten von John Cranko als Tänzer zum Stuttgarter Ballett geholt, wo er auch zu choreographieren begann. So wie übrigens der rund zehn Jahre jüngere William Forsythe und der acht Jahre jüngere Tscheche Jirí Kylián, zwei andere den Tanz im 20. Jahrhundert prägende Choreographen. Von 1969 bis 1973 war Neumeier Ballettdirektor in Frankfurt, dann holte ihn August Everding nach Hamburg – wo er also offenbar die 50 Jahre nun doch noch vollmachen will.

John Neumeier bei einer Probe im Ballettzentrum in Hamburg.

Neumeier ist einer der wenigen Choreographen – einer der letzten? –, die sich noch auf die hohe, auch dramaturgisch anspruchsvolle Kunst des Handlungsballetts verstehen, wie es vom Publikum geliebt wird und die großen Häuser füllt. Darum auch werden Neumeier-Stücke wie „Romeo und Julia“ (1971), „Ein Sommernachtstraum“ (1977), die durch die seelenvolle Marcia Haydée geradezu legendäre „Kameliendame“ (1978) oder der „Don Quichotte“ (1979) auch anderswo nachgefragt und im Repertoire gehalten, nicht zuletzt in Stuttgart. Wo man im Foyer auch mal beobachten kann, wie Ballettbesucher eine Dankeskarte an John Neumeier unterschreiben: „Danke, dass wir hier Werke von Ihnen sehen dürfen.“

Es wäre undenkbar, dass etwa Unterschriften gesammelt würden, um sie Bill Forsythe zukommen zu lassen. Neumeier aber ist ein Grandseigneur, ein Chef alter Schule und ein Mann, der schon auch gewürdigt werden will. Einerseits ist er in der Tradition des klassischen Balletts verankert, zu der strenge Hierarchien, aber auch die tiefe Kenntnis der Tanzgeschichte gehören. Andererseits schreitet er dann doch immer wieder voran, entwickelt die Kunstform weiter, überholt sich gleichsam selbst – wenn auch in Maßen und im Alter verständlicherweise abnehmend. Im Zweifel entscheidet er sich lieber für bewährte Eleganz als für das moderne Wagnis. Grobe, harsche Bewegungen waren noch nie seine Sache.

Doch vor allem die Sorgsamkeit und Gepflegtheit in allen Details kennzeichnen die Choreographien Neumeiers aus. Seine Handlungsballette sind von klaren Linien durchzogen, seine abstrakten Werke wissen die Energie eines Ensembles, besonders die spezifische Energie eines synchron auftanzenden Ensembles, präzise einzusetzen. Das macht es einem schwer, den Stücken eine gewisse Süße oder auch neoklassische Konventionalität ernsthaft übelzunehmen. Denn mit dieser gelegentlichen Süße und Konventionalität zeichnet er doch auch Figuren, gibt ihnen Charakter, wiedererkennbare Eigenschaften – ein unbestreitbarer Vorteil.

Neumeier ist aber auch stets ein Choreograph gewesen, der von der Tänzerin, dem Tänzer ausgeht, die und den er sich in einer bestimmten Rolle vorstellen kann. Nie, so jedenfalls der Eindruck, arbeitet er gegen seine Tänzer. Er versteht sie zu fordern, er versteht dadurch auch das Beste aus ihnen herauszuholen. Er gibt ihnen damit auch die Möglichkeit, vom Publikum ins Herz geschlossen zu werden.

Wenn man davon spricht, dass ein Künstler einer Stadt seinen Stempel aufgedrückt hat, hier, bei Neumeier und Hamburg, stimmt es einmal. Er hat die Stadt zudem nicht nur um sein Werk bereichert, es gibt auch eine Stiftung John Neumeier, die Material – Kunstwerke, Fotografien, Programmhefte – zu den Ballets Russes und dem Impresario Serge Diaghilew sowie zu Vaslaw Nijinsky umfasst. Es gibt eine Tanzbibliothek, und es gab bereits zahlreiche Ausstellungen, etwa in den Deichtorhallen, aber auch im Wiener Belvedere. Und die intensive Beschäftigung mit der Geschichte inspirierte Neumeier zur „Hommage aux Ballets Russes“, einer großartigen Würdigung – wie man sie eben andernorts nicht zu sehen bekommt, weil das Bewusstsein, aber auch die Mittel fehlen.

Mit der Gala „The World of John Neumeier“ wird der Choreograph am Sonntag in der Hamburgischen Staatsoper geehrt – eine Welt ist allemal angemessen. Neumeier hat, selbstbewusst, nie einen Anlass gesehen, die Tanzkunst als eine „dritte“, nachrangige Bühnensparte zu betrachten. Er hat ihre Bedeutung aber nicht nur behauptet, sondern belegt sie auch bis heute.

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