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In Johann Kresniks Stücken musste es lodern, nicht nur im übertragenen Sinn. Hier eine Szene aus „Felix Nussbaum“, 2010.

Nachruf

Johann Kresnik ist tot

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Zum Tod des österreichischen Tanztheater-Berserkers Johann Kresnik.

Selbstverständlich war Johann Kresnik unter den 40 Unterzeichnern, die 2013 in der Zeitschrift „Theater der Zeit“ nach einer „neuen Radikalität“, nach „Aufruhr“ riefen, um Viktor Orbáns ungarischem „Rechtsregime“ etwas entgegensetzen zu können. Nicht Stellung zu beziehen, nicht offensiv und auf der Bühne ganz offensichtlich politisch zu sein, das kam für den Tänzer, Choreografen, Regisseur Kresnik nicht in Frage. Er bezeichnete sich als „das einzige Arschloch“, es war ihm sichtlich ein Vergnügen; und mit einem Blitzen in den Augen beschimpfte er, ebenfalls vor der Fernsehkamera, „diese Dilettanten von Intendanten und Regisseuren“, die er als lau empfand, die nicht das in seinen Augen einzig richtige Theater machten, in dem „gekämpft und gekrampft“ (ja: gekrampft) wird. Das waren, so sah er es, alle außer ihm.

Wo Kresnik war, da musste es lodern, knallen, scheppern, provozieren. Da wurde es zuverlässig laut, nackt, blutig. Er war der Hermann Nitsch des Tanztheaters, der ewige Moralist und Erzieher, der sich nur aus dem Grellen und Plakativen eine Wirkung auf den Zuschauer versprach. Er inszenierte stets und mit voller Absicht nach dem Motto: Viel hilft viel. Auf einen groben Klotz muss ein grober Keil. Diese Keile setzte er später umso voraussehbarer, könnte man meinen, als er sich von allen anderen, von diesen „Dilettanten“ verlassen fühlte.

Johann Kresnik, 1939 in Kärnten geboren, wird in Aufsätzen zur Entstehung des Tanztheaters zwar als „Pionier“ und in einem Atemzug mit Pina Bausch genannt – doch dann folgen in aller Regel zehn Zeilen zu Kresnik und zehn Seiten zu Bausch. Der junge Kresnik muss ein so guter Tänzer gewesen sein, dass er immerhin Gast sein durfte bei Balanchine. Doch kam das klassische Ballett für ihn bald nicht mehr in Frage, war er außerdem der Überzeugung, dass im Tanz „alles schon einmal da war“. (Unzählige Choreografen haben ihn seitdem widerlegt, nicht zuletzt auch Pina Bausch, aber das nur nebenbei.) Stattdessen beeindruckten ihn die Aufbruchsstimmung, die Experimente und die Zertrümmerung der Form im Theater der sechziger Jahre. Mittel, die er sich anverwandelte und als Chef der jeweiligen Tanzsparte nach Bremen, Heidelberg, Bonn, 1994 unter Frank Castorf auch an die Berliner Volksbühne trug.

Johann Kresnik, Choreograf und Regisseur, ist im Alter von 79 Jahren in Klagenfurt gestorben.

Von seinen allerersten Stücken an – , „O sela pei“ 1967 nach Gedichten von Schizophrenen, „Paradies?“ 1968 über das Attentat auf Rudi Dutschke – suchte er sich Themen geschichtlicher und seelischer Verbrechen und Verheerung, die typisch für ihn wurden. Die Nazi-Vergangenheit gehörte für ihn bearbeitet, abgearbeitet, immer und immer wieder, mal anhand der Biografie Ernst Jüngers, mal der von Gustaf Gründgens. Das Scheitern eines Gesprächs mit den Eltern führt in „Familiendialog“ den Sohn geradewegs in den Wahnsinn und dann in den Selbstmord. Überhaupt musste in der Regel, wessen Schicksal Kresniks Interesse wecken sollte, entweder wahnsinnig werden, ermordet werden oder Selbstmord begehen: Ulrike Meinhof, Rosa Luxemburg, Frida Kahlo, Hannelore Kohl, Sylvia Plath sind die Frauen, denen er eigene Abende widmete.

Seine Sylvia Plath läuft, mit dickem Bauch und einen Kinderwagen schiebend, an einer Kette im Kreis wie ein Hofhund. Seine Hannelore zieht als kleines Mädchen dem Vater eine Hakenkreuz-Fahne aus der Hose. Ehemann Kohl kippt später „Wolfgang“ brutal aus dem Rollstuhl. Als „Hannelore Kohl“ 2004 in Bonn Uraufführung hatte, wollte die dortige Junge Union protestieren, ließ es dann aber. Ebenfalls 2004 war eine Kresnik’sche „Die Zehn Gebote“-Aufführung in einer Bremer Kirche zwar umstritten, doch stellte sich heraus, dass ein damit in Zusammenhang gebrachter Brandanschlag auf eine Pastorenfamilie von einem psychisch Kranken wohl im Streit um Kinderlärm begangen wurde.

Johann Kresniks groteske Zuspitzungen, drastisch vermittelte Botschaften, seine unmittelbar einleuchtenden, aber eben auch ohne Geheimnis auskommenden Bilder haben gewiss in den Anfangsjahren seines Tanztheaters manches angestoßen, Augen geöffnet. Sich aber durch ihren exzessiven Gebrauch auch abgenützt. Man braucht sich nur auf Youtube die (wenigen) Stück-Ausschnitte anzusehen: Hier fliegen und scheppern Getränkedosen in rauen Mengen, dort sind es Blechnäpfe, da kreischen Spikes auf Metallbrettern. Das provokativ gemeinte Prinzip ist immer das gleiche.

Kresnik nannte es, „da hingreifen, wo es wehtut“. Aber es tat irgendwann nicht mehr in seinem Sinne weh, in eines seiner Stücke zu gehen, eher gingen die Zeit und der Geschmack über sie hinweg. Doch wird der am 27. Juli im österreichischen Klagenfurt Gestorbene als einer in Erinnerung bleiben, der seine Wut und sein Herzblut verströmte, der jedenfalls für seine Sache brannte und etwas wollte auf der Bühne.

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