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Still aus der Videoarbeit "Twenty Two Letters" von Victoria Hanna.

Jüdisches Museum

Jews we can

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Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin gibt Einblicke in die vielfältige deutsch-jüdische Gegenwart.

Neunzehn Cent kostet der Schokoladenpudding mit dem Sahnehäubchen in einem Berliner Supermarkt, der in Israel eine hiztige Debatte auslöste. Ein in Berlin lebender Israeli hatte ein Bild davon 2014 auf Facebook gepostet. „Wir sehen uns in Berlin“, schrieb er. Kommt her, hier kann man günstig leben, sollte das heißen. Holocaust-Überlebende reagierten entsetzt, Israels Finanzminister nannte den Mann einen „Antizionisten“. 

Mehr als eine Million Mal wurde seine Botschaft geklickt. Ein Screenshot der Facebook-Seite ist seit dieser Woche im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. „A wie Jüdisch“ ist der Titel der Ausstellung, die mit Hilfe der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets auf die Gegenwart blickt, auf jüdische Identitäten und Lebenswirklichkeiten in Deutschland heute.

Das mit der Gegenwart hat die Kuratorin Miriam Goldmann ernst genommen. Zu sehen sind etwa Fotos einer jüdischen Hochzeit, die erst im September stattgefunden hat. Getraut wurden der Musiker Daniel Kahn und Eva Lapsker, beide Repräsentanten einer Szene, die Berlin, und dort ausgerechnet den arabisch geprägten Norden Neuköllns, zu ihrem kulturellen Kontext gemacht hat, wovon nun wieder nicht die Rede ist. Die 22 Stationen werfen jeweils nur ein flüchtiges, aber dennoch inspirierendes Schlaglicht auf diese jüdische Gegenwart. Und so vielfältig wie diese sind auch die Repräsentationsmittel: Kunst, Tonaufnahmen, Fotos, Text, reale Objekte.

Wie viele Juden in Deutschland leben, ist gar nicht so einfach zu ermitteln. Rund 100.000 Mitglieder zählen die jüdischen Gemeinden, schätzungsweise noch einmal so viele nehmen nicht am religiösen Leben teil. Man kann also von etwa 200.000 in Deutschland lebenden Juden ausgehen, das ist gerade einmal ein Bevölkerungsanteil von 0,2 Prozent. In Berlin ist der Anteil etwas höher. Und die hier lebenden Juden sind jünger als die im übrigen Deutschland. Fast die Hälfte der Mitglieder jüdischer Gemeinden sind älter als 61. Von den 20.000 Israelis, die in Berlin leben, sind 80 Prozent nach 1974 geboren. Eines hat Berlin mit den Gemeinden im übrigen Deutschland gemein: 80 Prozent der Mitglieder sind Juden, die zwischen 1991 und 2004 als jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen. 

Ein Foto zeigt drei von ihnen vor einem Panzer im Tiergarten, Teil eines sowjetischen Ehrenmals, das die Rote Armee 1945 errichtete. Die alten Männer sind im Sonntagsstaat und haben sich zahlreiche Orden an die Brust geheftet. Diese Kriegsveteranen haben Bewegung in die deutsch-jüdische Erinnerungskultur gebracht. Sie haben die Deutschen besiegt und feiern diesen Sieg am 9. Mai, während zuvor die Verheerungen des 9. Novembers, der Pogromnacht, im Mittelpunkt des Erinnerns standen. 

Schin wie Schabbat: In Mönchengladbach kann man sich am Freitagabend mit einer Schabbat@Home Box beliefern lassen, durch die das Prinzip der wöchentlichen Gemüsekiste auf diesen Feiertag angewandt wird. Die weiß gestrichene Holzbox enthält alles, was man an diesem Abend als religiöser Jude braucht: Kerzenleuchter, koscheren Wein, den Siddur, also das Gebetbuch, und eine Kippa, auf der es heißt: Jews we can. 

Auch traditionelle Aspekte des jüdischen Lebens werden gezeigt. Fotos etwa von der Bat Mizwa-Feier der Tochter eines Hamburger Rabbiners und von der Ordination der drei orthodoxen Rabbiner im Oktober in Berlin, strahlende junge Männer, es war 80 Jahre nach dem Holocaust die erste. Um Migration aus Israel geht es in einem Werk aus der „Berliner“-Serie der Künstlerin Dorit Bialer, die aus Playmobil-Figuren typische Berliner bastelt. Ihr israelischer Immigrant sitzt auf einem Kamel, die Satteldecke ziert ein deutscher Adler. 

Daneben steht eine gläserne Box, gefüllt mit Pfeffersprays und Taschenmessern. Sie wurden Besuchern an der Sicherheitsschleuse in das Museum abgenommen und sie haben vergessen, sie wieder abzuholen. Der martialische Anblick ist die geeignete Illustration für die Information, dass jüdische Schulen, Museen, Synagogen und Kindergärten auch im Jahr 2018 noch an den draußen angebrachten Überwachungskameras und den davor patrouillierenden Polizisten zu erkennen sind. Auch das ist deutsch-jüdische Gegenwart, genau wie die jüdischen Mitglieder in der AfD. Das jüdische Leben in Deutschland ist äußerst komplex, und es ist ein Verdienst der kleinen Ausstellung, es in Ausschnitten zu erhellen. 

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