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„Manches lässt sich technisch lösen und manches nicht.“

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Apps und das Internet können soziale Probleme lösen. Aber ganz darauf verlassen sollte man sich nicht.

Etwa von meinem fünfundzwanzigsten bis zum vierzigsten Lebensjahr habe ich bei jeder Gelegenheit behauptet: „Es gibt für jedes soziale Problem eine technische Lösung.“ Biografisch ist das leicht erklärbar, denn ein Großteil meiner eigenen sozialen Probleme war durch das Auftauchen des Internets gelöst worden: Plötzlich war es ganz einfach, Leute kennenzulernen, sogar welche mit denselben Interessen. Eventuell funktioniert das sogar, wenn man auf dem Land wohnt, aber das habe ich nicht mehr herausgefunden, dazu kam das Netz für mich zu spät. Man konnte auch schneller als bisher etwas über gelingende und misslingende Kommunikation dazulernen – entweder indem man alle Fehler selber machte, oder indem man anderen dabei zusah.

Danach glaubte ich ein paar Jahre lang das Gegenteil, nämlich: „Es gibt für kein einziges soziales Problem eine technische Lösung.“ Schließlich ist im Netz an vielen Stellen zu sehen, dass technische Lösungen für Zank und Streit oft nicht einmal die Probleme lösen, die sie lösen sollten, auf jeden Fall aber neue Probleme mit sich bringen. Aus Unternehmen hört man Ähnliches über den Versuch, Kommunikations- oder Organisationsprobleme durch die Einführung von noch mehr Software zu lösen. Diese zweite Meinung ist – zumindest an den von mir frequentierten Orten im Netz – so verbreitet, dass sie in der Regel begründungslos vorgebracht wird: Weiß doch jeder, dass es sich so verhält!

In letzter Zeit bin ich zu einer dritten Meinung gelangt, einer langweiligeren und für steile Vortragshonorare ungeeigneten: „Manches lässt sich technisch lösen und manches nicht.“ Einige hartnäckige Probleme in meinem Leben, die ich für die Folge eines schlecht organisierten Charakters hielt, sind durch Technik gelöst worden: Wenn ich heute die Steuererklärung oder eine Fahrtkostenabrechnung machen soll, muss ich nicht mehr die ganze Wohnung auf den Kopf stellen auf der Suche nach einem unersetzlichen Stück Papier. Ich bekomme die meisten Rechnungen und Belege digital und finde fast alles per Volltextsuche.

Zeitlebens hatte ich nur einen sehr vagen Überblick über meine Geldangelegenheiten. Wie sich jetzt herausstellt, lag das nicht (oder jedenfalls nicht nur) an mir, sondern vor allem am langen Abstand zwischen Buchungsvorgang und Betrachtung der Buchungen. Was auf meinem Konto vor sich gegangen war, merkte ich manchmal erst Jahre später beim Vorbereiten der Steuererklärung. Seit ich bei einer Bank bin, die alles über eine Handy-App abwickelt und mich über jeden Buchungsvorgang benachrichtigt, weiß ich genau, wie hoch meine Nebenkosten sind und wann das Finanzamt welche Steuern abbucht. Ich sehe gleich nach dem Geldabheben, ob die Bank, die den Automaten betreibt, mir dafür Gebühren berechnet hat. Wenn jemand unberechtigt Geld von meinem Konto abbuchen würde, bekäme ich wenige Sekunden später eine Nachricht und könnte Gegenmaßnahmen einleiten. Ich bin ein finanziell organisierter Mensch geworden, ohne einen Funken Selbstdisziplin, nur durch Eröffnung eines neuen Kontos.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Technik hat auch das soziale Problem gelöst, dass man früher nach einem Umzug nur schwer mit Familie und Freunden in Kontakt bleiben konnte. Vor der Erfindung von Schrift und Postkutsche ging es fast gar nicht, mit Telefon und E-Mail schon etwas besser, und durch Social Media, Messenger und Videotelefonie ist es so leicht geworden, dass inzwischen sogar Grundschulkinder den Kontakt zu weggezogenen Freunden aufrechterhalten können.

Doodle, ein Kalenderwerkzeug aus der Schweiz, löst seit 2007 das Problem der komplizierten Terminabstimmung in größeren Gruppen: Alle tragen ein, wann sie Zeit haben und wann nicht. Der Termin, an dem die meisten können, wird genommen – ohne tagelanges Mailen, Anrufen, Nachfragen und Wieder-von-vorn-Anfangen. Meine Mutter sorgt sich während längerer Autofahrten ihrer Kinder weniger, seit sie mit Hilfe diverser Tools zur Übermittlung von Standortdaten verfolgen kann, wo sich das Auto gerade befindet. (Es hilft außerdem bei der Planung, zu sehen, dass man sich mit dem Essen noch Zeit lassen kann, weil der Besuch sowieso im Stau steht.)

Wahrscheinlich denken Sie beim Lesen dieser Beispiele: „Ja, aber um welchen Preis! Der Verlust der Privatsphäre und so weiter!“ Dass man Probleme nie lösen, sondern nur anderswohin verschieben kann, hat John Gall schon in den 1970er Jahren in seinem schönen Buch „Systemantics“ über die Widerspenstigkeit von Systemen beschrieben. Das ist aber bei den sozialen Lösungen für soziale Probleme nicht anders.

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