Jedes Bild scheint etwas anderes zu erzählen, dabei ist es bloß ein Augenblick im Leben des US-Präsidenten am 30. März 2017.
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Jedes Bild scheint etwas anderes zu erzählen, dabei ist es bloß ein Augenblick im Leben des US-Präsidenten am 30. März 2017.

Bildersprache

Jedes Bild hat eine tiefe Bedeutung

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Verrat ist das Programm: Zur Bildstrategie im digitalen Zeitalter gehören Tempo und Suggestion auf Teufel komm raus. Bestes Beispiel ist Donald Trump.

Am Anfang war es kaum mehr als ein Familienfoto. 1975 war es, als der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon seine Ehefrau Bebe und ihre drei Schwestern ablichtete. Es zeigte junge, selbstbewusste Frauen, die teils suchend, teils entschlossen signalisierten, etwas in ihrem Leben erreichen zu wollen. Oder war das eine bereits in das Bild hineininterpretierte Lesart? Wahrscheinlich war es das.

Aber es blieb nicht bei diesem einen Bild. Jahr für Jahr wurde das Familienfoto erneuert, 36 Jahre lang versammelte Nicholas Nixon seine Frau und ihre Schwestern vor seiner Kamera. Das daraus hervorgegangene Buch „The Brown Sisters“ verdichtet sich zu einer amerikanischen Bildgeschichte des 20. Jahrhunderts, an dem sich die Zukunftserwartungen von den vier weiblichen Mitgliedern einer Familie ebenso ablesen lassen, wie spätere Enttäuschungen, Schicksalsschläge, Krankheiten und Alterungsprozesse. Was die Bildserie und die auf ihnen abgebildeten Schwestern zusammenhält, ist deren Bekenntnis zueinander, das allein dadurch sichtbar wird, dass sie sich über vier Jahrzehnte hinweg der Tradition stellen, sich als Schwesternensemble zusammenzufinden. Die einzelnen Bilder und deren Zusammenstellung erzählen ohne Worte eine Geschichte über Gemeinsames und Trennendes, das Glück des Augenblicks und das Vergehen von Zeit.

Nixons Serie „The Brown Sisters“ ist eine beredte Dokumentation über die erzählerische Kraft einer Bildsprache, die weitgehend ohne Legende auskommt (siehe den Katalog zur Ausstellung der Münchener Pinakothek, 2015) Sie zeigt, was das Leben aus Menschen macht. Aber sie zeigt auch Menschen, die trotz der unerbittlich fortschreitenden Wandlungsprozesse ihres Äußeren, ihre Einzigartigkeit nicht preisgeben. „The Brown Sisters“ gewährt Einblicke in eine Familiengeschichte, aber die Serie erzählt zugleich auch eine universelle Geschichte, an der man mit Interesse teilhaben kann, ohne je einem der Familienmitglieder zu begegnen.

Und sie erzählt eine Geschichte über die Möglichkeiten der Fotografie, die nicht auf das bloße Abbilden beschränkt ist. Im politischen Feld hat das vor einigen Jahren die Fotografin Herlinde Koelbl durchbuchstabiert, indem sie „Die Spuren der Macht“ in den Gesichtern von als mächtig angesehenen Menschen dokumentiert hat. Gerhard Schröder, Angela Merkel, Joschka Fischer, der 2014 verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und andere hat Koebl immer wieder vor ihre Kamera gebeten und an ihnen gezeigt, dass nicht nur das Vergehen der Zeit die Menschen verändert, sondern auch die Last und die Bürde des Amtes. Koelbls Bildserien sind Klassiker der zeitgenössischen Fotografie, elegant wandernd auf der Grenze zwischen Journalismus und Kunst.

Zeitenwende durch Digitalisierung

Auch diese Arbeiten stammen noch aus dem analogen Zeitalter. Seither haben sich vor allem die Bildstrategien der digitalen Medien rasant beschleunigt. Kaum etwas lädt hier noch zum Verweilen ein, online gezeigte Bilder sollen hineinziehen, mitnehmen, aufregen, faszinieren, irritieren. Das digitale Bild hat fast immer appellativen Charakter. Und ganz nebenbei huschen die ins Bild gesetzten Datensätze vorbei als beschleunigte Form der Suggestion.

Am Anschaulichsten lässt sich die manipulierende Energie anhand der Bilder beschreiben, die in unerschöpflichen Mengen den US-Präsidenten Donald Trump zeigen, in allen nur erdenklichen Gemütsverfassungen. Meist illustrieren sie aktuelle Nachrichten, die der unruhige Präsident im Twittertakt produziert.

Wir sehen den wütenden Trump, wenn es im begleitenden Nachrichtentext darum geht, dass er mal wieder einen Bundesrichter oder einen FBI-Vertreter kritisiert. Wir sehen den drohenden Trump, der seine Partei mit der Beibehaltung von Obamacare zu erpressen versucht. Und manchmal sehen wir auch den melancholischen Trump, wenn die zugehörige Nachricht davon handelt, dass seine Ehefrau Melania ihm noch immer nicht an den Dienstsitz im Weißen Haus folgen mag. Trump, der große Manipulierer ist auch ein unerschöpflicher Gegenstand freischwebender manipulativer Energien.

Je spekulativer, desto besser

Das Prinzip greift natürlich auch bei profaneren Gegenständen. Die Nachrichtenseite n-tv.de berichtete unlängst über eine mögliche Verletzung eines Spielers vom FC Bayern (Douglas Costa) und zeigt den Spieler gemeinsam im Bild mit dem polnischen Stürmerstar Robert Lewandowski. Der aber war gar nicht verletzt. Der derart affizierte Fußball-Fan sollte sich nur ein wenig erschrecken und neugierig der Nachricht folgen, die die Bildbotschaft gezielt zweideutig suggerierte. Bilder generieren Klicks, je spekulativer, desto besser. Verrat ist das Programm.

Es ist natürlich naiv, in Zeiten rasender Bildzirkulation auf die aufklärerische Kraft des stillgestellten Fotodokuments zu pochen. Die ikonische Wende hat stattgefunden, und es gibt längst Wahrnehmungsformen, um den suggestiven Bildstrategien zu begegnen. Und es gibt sie noch, die Bilder, die in der Lage sind narrative Strukturen, wie die über die Brown Sisters, zu entfalten. Und für den umherflirrenden Rest gilt, sich die Freiheit zu bewahren, den Spuren der Macht, die der Bildertrash streut, nicht willfährig zu folgen.

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