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Mord und Verwüstung 1631: Katholische Truppen unter Tilly fallen in Magdeburg ein und zerstören die Stadt.

Islam

Jeder Krieg ist anders

Sind aktuelle Konflikte innerhalb des Islams mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleichbar? Es spricht jedenfalls einiges dagegen, einen solchen Vergleich anzustellen.

Von Dirk Pilz

Es muss sich etwas tun im Islam. Das sagen viele, vor allem viele Moslems. Es muss etwas getan werden gegen religiösen Fundamentalismus, gegen Terror und Krieg im Namen Gottes. Es wird viel getan. Es gibt einen wachsenden Reformislam, es gewinnt die Einsicht an Kraft, dass es bei den innerislamischen Konflikten nicht einzig um soziale und politische, sondern auch um theologische Fragen geht. Das ist wichtig. Schriftverständnis, Menschen- und Gottesbild, darüber muss diskutiert werden. Und keiner sage, das gebe es nicht. Nur ein Beispiel: Seit 2005 existiert das Stuttgarter „Theologische Forum Christentum – Islam“, ein Ort der theologischen Debatte. Sie ist ungemein ertragreich. Zehn Sammelbände mit Aufsätzen sind inzwischen erschienen, man muss sie nur lesen.

Aber es tut sich nicht genug. Auch das sagen viele. Man schaue in die Welt. Syrien, Jemen, der Islamische Staat, Boko Haram. Überall Krieg, Gemetzel, Verbrechen, und auch sie sind nicht einzig mit Hinweisen auf soziale und politische Gründe zu erklären, auch hier spielen theologische Streitigkeiten eine entscheidende Rolle. Sunniten gegen Schiiten, das sind Konfessionskonflikte – und die derzeitigen Kriege Glaubenskämpfe, gut vergleichbar mit dem Dreißigjährigen Krieg.

Das hört man jetzt oft, von verschiedener Seite. Lassen sich die gegenwärtigen islamischen Kriege mit christlichen Kriegen vor fast 400 Jahren vergleichen? Gibt es Parallelen zwischen der heutigen Situation im Nahen Osten und der damaligen in Mitteleuropa?

Der Eindruck drängt sich schnell auf. Damals wie heute hat man es mit einem zentralen Schlachtfeld zu tun, mit politischen Mächten, die sich bestimmter Konfessionen bedienen und Konfessionen, die sich derart bedienen lassen. Dazu mit zerfallenden oder entstehenden Staaten, mit politischen Umbrüchen, deren Ausgang nicht abzusehen ist.

Das war auch im Dreißigjährigen Krieg so, und der Westfälische Frieden von 1648 kam wesentlich aus Erschöpfung zustande, als sich die Einsicht durchsetzte, weiteres Blutvergießen sei gänzlich sinnlos, als Mächte und Menschen auf allen Seiten des Kämpfens müde waren. Erleben wir dergleichen jetzt wieder? Und wo genau befinden wir uns in diesem langen Krieg? Am Anfang, in der Mitte? Bleibt uns nur die Hoffnung auf eine vergleichbare Ermattung der kriegerischen Kräfte?

Nein, der historische Vergleich führt in der Irre. Hegel hat zu historischen Vergleichen dieser Art generell gesagt, was es dazu zu sagen gibt: „Jede Zeit hat so eigentümlich Umstände, ist ein so individueller Zustand, dass in ihm aus ihm selbst entschieden werden muss und allein entschieden werden kann.“ Im Gedränge der Weltbegebenheiten helfe kein allgemeiner Grundsatz.

Aus der Geschichte lassen sich deshalb keine Lehren ableiten. Weder sind das Christentum und der Islam in dieser Weise vergleichbar, noch die historischen Umstände, allenfalls nur äußerst grobschlächtig.

Keinem Krieg das Wort reden

Vor allem aber ist entscheidend, was solche Vergleiche bezwecken, und wer sie anstellt. US-Islamwissenschaftler Reza Aslan schrieb vor zehn Jahren am Ende seiner Geschichte des Islam „Kein Gott außer Gott“, die Befreiung des Islam von „falschen Idolen“ werde kommen: „Die Zeit der islamischen Reformation hat begonnen. Wir leben mitten in ihr.“ Er wollte damit die reformatorischen Stränge des Islam stärken, nicht einem Krieg das Wort reden. Leon Panetta, von 2009 bis 2011 CIA-Direktor dann bis Februar 2013 US-Verteidigungsminister, sagte 2014, mit dem Kampf gegen den IS werde der Westen in eine Art Dreißigjährigen Krieg hineingezogen, und er meinte das ganz im Sinne einer Kriegslogik, in der es um Sieg oder Niederlage geht.

Der historische Vergleich dient dabei der Vorstellung, Geschichte habe auch in anderen Kontexten und anderen Kulturen so zu verlaufen wie die eigene. Darin sind nicht nur unausgesprochenen Annahmen über Normalität und historische Entwicklung enthalten, es wird auch die grundlegende Überlegenheit der eigenen, nicht-muslimischen Kultur behauptet.

Das wiederholte in der Tat Dynamiken, die zum Beispiel aus dem Dreißigjährigen Krieg bekannt sind. Und es produziert völlig schiefe Bilder. Denn was hieße es, einen Sieg gegen den IS mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieg zu vergleichen? Es hieße, einen Kompromiss mit dem IS zu finden, ihm territoriale und politische Rechte einzuräumen. Kann man das wollen? Sollte man es wollen?

Historische Vergleiche, die Ausflüge in längst vergangene Zeiten sind ja nicht nur Gegenstände der Deutung, sie helfen vor allem nicht, den gegenwärtigen Islam und die derzeitigen Konflikte zu begreifen. Und sie geben keine Antwort darauf, wie mit ihnen umgegangen werden soll. Man muss deshalb daran arbeiten, den heutigen Reformislam zu stärken, der terroristische Auswüchse wie jene des IS theologisch und politisch unmöglich macht.

Womöglich hat Ayaan Hirsi Ali recht. Sie schreibt in ihrem soeben erschienen Buch „Reformiert Euch! Warum der Islam sich ändern muss“, man solle besser den Vergleich zum Kalten Krieg als zu einem Kampf der Ideen wählen. Sie fordert damit eine Politik der kulturellen, nicht kriegerischen Einmischung, um die Verfechter einer echten islamischen Reformation zu fördern. So wie der Westen im Kalten Krieg im Ostblock Dissidenten unterstützt hat. Kampf der Ideen bedeutet dabei, die Attraktivität der Demokratie und des westlichen Gesellschaftsmodells zu erhöhen. Mit historischen Vergleichen kommt man dabei nicht weit – sie fallen auf den Westen selbst zurück.

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