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Jeder in meinem Umfeld sagt: „Ich kann nicht mehr, jeden Tag neue Horrormeldungen“

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Von: Max Müller

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Aktivistinnen und Aktivisten demonstrieren gegen den Braunkohleabbau unter dem verlassenen Dorf Lützerath.
Aktivistinnen und Aktivisten demonstrieren gegen den Braunkohleabbau unter dem verlassenen Dorf Lützerath. © Ina Fassebender/AFP

Wo man hinschaut: Katastrophen. Dabei ist die Wahrnehmung das eigentliche Problem, sagt „Gute Nachrichten“-Journalist Florian Vitello. Er meidet Horrormeldungen.

Köln – Wer zum Jahreswechsel durch sozialen Medien und die diversen Rückblicke navigierte, kann nur eine Lehre gezogen haben: 2022 war ein verdammt bescheidenes Jahr. Florian Vitello sieht das im Interview anders. Der Journalist hat das „Good News Magazin“ gegründet und das Buch „Good News – Wie wir lernen, uns gegen die Flut schlechter Nachrichten zu wehren“ geschrieben. Vitello ist 30 Jahre alt und wohnt in Bonn.

Herr Vitello, seit dieser Woche wird über das Wetterphänomen„El Niño“ gesprochen. Demnach droht 2023 der nächste Rekordsommer. Wie gehen Sie mit solchen Meldungen um?

Florian Vitello: Ich lese nur noch ausgewählte Nachrichten. Bei vielen Breaking News denke ich: Das hat null Mehrwert für mich, besonders wenn immer und immer wieder negative Schlagzeilen erscheinen. Irgendwann glaubt man wirklich, dass alles immer nur den Bach runtergeht. Dabei ist das Gefühl der Dauerkrise alles andere als neu – man muss sich bloß Zeitdokumente aus den 50er, 60er- oder 70er-Jahren heraussuchen.

Der Klimawandel ist keine negative Schlagzeile wert?

Doch, natürlich! Aber erstens ist „El Niño“ ein regelmäßig auftretendes Naturphänomen. Wissenschaftlich ist nicht klar, ob es durch den Klimawandel beeinflusst wird. Zweitens ist „El Niño“ immer eine Katastrophe und damit höhere Gewalt. Was soll ich als Einzelner mit dieser Information anfangen? Es lässt mich demotiviert und ratlos zurück. Es ist nachgewiesen, dass die Angst vor dem Klimawandel wächst und Menschen lähmt.

Dann haben die „Letzte Generation“ und „Fridays for Future“ ihr Ziel doch erreicht. Trotzdem sagen Sie, dass deren Kommunikation falsch ist. Warum?

Aktivismus und NGOs leben von Dramatisierungen. Bei spendenfinanzierten Unternehmungen liegt es in der Natur der Sache, dass sie jeden Tag auf Katastrophen hinweisen. Ich kann das verstehen. Der Effekt ist aber dramatisch. Immer mehr Menschen sind komplett überfordert. Jeden Tag bekommen wir eingebläut: Wir sind hilflos.

Sind wir nicht hilflos? Den Klimawandel wird das Individuum nicht aufhalten – nicht mit recycelbaren Bechern, nicht mit Fahrrad fahren, nicht mit einer Solarzelle auf dem Dach.

Nein, hilflos sind wir nicht! Jeden Tag engagieren sich so viele wunderbare Menschen mit den kreativsten Lösungsansätzen. Jeden Tag erzielen wir Fortschritte in der Forschung. Wir sehen diese positiven Entwicklungen nur oft nicht. Mehr Menschen denn je reduzieren ihren Fleischkonsum, es wird so wenig Regenwald abgeholzt wie noch nie, die EU-Länder haben einen Solarstrom-Rekord aufgestellt.

Luisa Neubauer und Greta Thunberg würden sagen: Es reicht nicht.

Das ist ihre Aufgabe und kurzfristig ist das auch richtig. Langfristig hingegen ändert sich die Art und Weise, wie wir unsere Welt denken. Wir Menschen haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir Utopien Wirklichkeit werden lassen. Dafür müssen wir aber sofort tätig werden, alle gemeinsam. Falsche Empörung und zynische Schwarzmalerei stehen dem im Weg. In meinem Buch zitiere ich eine Studie, wonach sich über die Hälfte aller jungen Menschen weltweit ohnmächtig gegenüber der Klimakrise fühlt. Deswegen brauchen wir, brauchen besonders die vielen Ehrenamtlichen, Etappensiege, auf die wir auch stolz sein dürfen. Nur dann bleiben wir am Ball. Nur dann haben wir auch die Kraft, uns für andere starkzumachen. Eine Bilderflut brennender Regenwälder oder verhungernder Kinder verfehlt da ihren Zweck.

Florian Vitello: „Positive Nachrichten sind nachhaltiger“

Ein Erfolg der Klimaaktivisten ist doch nicht von der Hand zu weisen: Jeder Konzern muss heute höchsten ökologischen Ansprüchen genügen.

Ist das so? Im Zweifel führen Tugendprotzerei und Moralismus eher zu mehr Greenwashing (Anmerkung der Redaktion: Der Versuch, sich ein positives Image zu geben, ohne ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen). Schauen wir doch aktuell nach Lützerath. Da verstecken sich ein Riesenkonzern, der am längeren Hebel sitzt, und Teile der Politik hinter heuchlerischen Argumenten von Rechtsstaatlichkeit und Versorgungssicherheit. Dass eine Regierung mit grüner Beteiligung einen Abbaustopp nicht vermag oder nicht bereit ist zu verhandeln, ist herzzerreißend. Was ist das für ein Signal, das wir da in die Welt aussenden? Die viel wichtigere Frage ist jedoch: Wie können wir all diejenigen Menschen, die etwas tun wollen, ermutigen?

Gegenfrage: Wenn Klimaaktivisten ab morgen nur noch positive Nachrichten verbreiten würde – würden Sie noch zuhören?

Das sollen sie ja gar nicht. Gleichzeitig ist es ein Trugschluss, dass nur negative Nachrichten interessieren. Das sehen wir zum Beispiel beim Thema Spenden. Es ist absolut üblich, verarmte Kinder würdelos auf riesige Plakate zu drucken. Natürlich schauen wir da hin, das tue ich auch. Vielleicht spenden wir sogar. Aber: Setzen wir uns langfristig mit dem Problem auseinander? Nein. Wir fühlen uns kurz besser und verdrängen ganz schnell. Positive Nachrichten und Lösungsbeispiele sind da viel nachhaltiger.

Florian Vitello sucht hauptberuflich nach guten Nachrichten.
Florian Vitello sucht hauptberuflich nach guten Nachrichten. © mondorf-fotografie

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Studie: 37 Prozent der Jüngeren versuchen, Nachrichten aus dem Weg zu gehen

Ich mache selbst Überschriften. Meine Erfahrung ist: Je dramatischer die Zeile, desto mehr Menschen klicken. Ein Flugzeug ist sicher gelandet, interessiert niemanden. Ein Flugzeug ist abgestürzt, ist eine Eilmeldung.

Oh, das ist ein sehr schönes Beispiel. Mal ganz provokativ gefragt: Inwiefern ist es denn für mich relevant, dass ein Flugzeug abgestürzt ist? Schauen wir uns die Statistik an, dann sehen wir ja: Sicherer als mit dem Flugzeug kann man gar nicht reisen.

Gerade deswegen ist es ja so interessant. Würde Sie so eine News nicht interessieren?

Früher schon. Ich war mal News-Junkie. Mir ging zum Beispiel der Absturz der Germanwings-Maschine 2015 sehr nahe. Mein Mitbewohner kannte Leute, die damals starben. Ich selbst bin ein Jahr zuvor die gleiche Strecke geflogen, von Barcelona nach Düsseldorf – gleiche Flugnummer, gleiche Airline. Die ganze Berichterstattung ist dann immer übertrieben staatstragend. Dabei stehen da einfach Reporter vor einem Acker und wissen selbst nicht, was los ist. Keiner hat eine Information, man weiß zu dem Zeitpunkt nichts. Es spricht ja überhaupt nichts dagegen, mit etwas Abstand und auf Basis von vielen Gesprächen darüber zu berichten. Aber dann wird bereits die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Was war der Mehrwert, dass ich wochenlang Updates zu Mutmaßungen bekommen habe?

Der Mehrwert ist Ihr Klick. Scheinbar hat es Sie ja doch interessiert.

Ja und nein. Klicks sind schön, sichern aber nicht meinen Lebensunterhalt. Nur wenn unsere Community in Form eines Abonnements treu bleibt, kann ich meine Redaktion ordentlich bezahlen. Das ist für mich wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Hinzu kommt: Für mich ist es aus journalistischer Sicht viel relevanter, was bei den Leserinnen und Lesern hängenbleibt. Jeder in meinem Umfeld sagt: Ich kann nicht mehr, jeden Tag neue Horrormeldungen. Zahlen unterstreichen das. Der „Reuters Institute Digital News Report 2022“ kommt zu dem Ergebnis, dass 29 Prozent der Deutschen manchmal oder sogar oft Nachrichten vermeiden. Von den jüngeren Menschen versuchen 37 Prozent zumindest manchmal, Nachrichten aus dem Weg zu gehen. Es ist eine Frage der Zeit, bis das aktuelle Modell mit immer krasseren Negativmeldungen an seine wirtschaftlichen Grenzen kommt. Seit Jahren kämpfen Medien gegen Auflagenverluste. Viele Verlage können ihre Mitarbeiter nicht mehr anständig bezahlen.

Aus der Metaperspektive mag das stimmen. Trotzdem: Kurzfristig funktioniert die Schreckensmeldung besser.

Einspruch. Das stimmt so einfach nicht – und dazu gibt es auch Belege, zum Beispiel eine Untersuchung der Deutschen Presse-Agentur. Dort konnte festgestellt werden, dass lösungsorientierte, erklärende Hintergrundstücke zu einer längeren Verweildauer der Leserinnen und Lesern führt.

Welche News machen Ihnen Hoffnung?

Wo soll ich anfangen? Mich persönlich begeistern besonders medizinische Innovationen. Lupus, eine seltene Autoimmunerkrankung, ließ sich erstmals behandeln. Es gibt jetzt Spenderorgane für alle Blutgruppen. Mehrere Patienten sind von HIV geheilt worden, zuletzt auch die erste Frau. Überhaupt nimmt die Medizin die Bedürfnisse von Frauen und nicht-weißen Menschen viel mehr in den Fokus. In der Nordsee nimmt die Schadstoffbelastung ab. Im Great Barrier Reef sind die Korallen so stark gewachsen wie seit 36 Jahren nicht mehr. Es kommen jeden Tag gute Nachrichten dazu.

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