Und was damals die raunende Wiedergabe von düsteren Orakelsprüchen war oder von Gerüchten über Brunnenvergiftungen durch die feindlichen Peloponnesier, das sind heute die Verschwörungsmythen.
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„Und was damals die raunende Wiedergabe von düsteren Orakelsprüchen war oder von Gerüchten über Brunnenvergiftungen durch die feindlichen Peloponnesier, das sind heute die Verschwörungsmythen.“

Interview

„Jeder Athener hat seine Theorie“

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
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Der Infektiologe Oliver Cornely über die Aktualität von Thukydides’ Pest-Beschreibung.

Herr Professor Cornely, in Ihrem Büro liegt neben medizinischer Literatur eine Ausgabe des „Peloponnesischen Kriegs“ des griechischen Geschichtsschreibers Thukydides. Wie hat sich dieses Buch dahin verirrt?

Nicht verirrt, sondern eigens dort hingelegt. Die Lektüre ist mindestens so spannend wie die neuesten Fachaufsätze zur Corona-Pandemie. Zum allerersten Mal beschreibt Thukydides die typischen Abläufe einer Epidemie. Die Parallelen sind frappierend, und vieles liest sich so, dass man nicht so genau weiß, ob die Geschehnisse wirklich vor 2450 Jahren spielen oder nicht doch 2020.

Können Sie einige Textstellen nennen?

Er berichtet zum Beispiel, dass die Mediziner nicht helfen können, weil sie nicht genau wissen, wo die Krankheit herkommt, was sie auslöst. Zudem gibt es kein wirksames Medikament oder Gegenmittel. Kommt uns bekannt vor, oder? Weiter beschreibt er die Gefahren der Ansteckung für Ärzte und Pflegepersonal. Auch heute sprechen wir vom erhöhten Infektionsrisiko der „First responders“, also derer, die mit der Versorgung der Covid-19-Patienten betraut sind. Besonders gefesselt hat mich auch eine beiläufige Bemerkung fast am Schluss, dass die Gegenden mit der größten Bevölkerungsdichte am schlimmsten betroffen gewesen seien. Wieder: Das entspricht exakt unseren epidemiologischen Befunden heute und zeigt, welch ein präziser Beobachter dieser Chronist vor 2500 Jahren war.

Zur Person

Oliver Cornely, 1967 in Köln geboren, ist Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie, internistische Onkologie und Infektiologie. An der Kölner Universitätsklinik leitet er das Zentrum für Klinische Studien.

Sie ähneln sich auffallend. Auf der Suche nach Erklärungen für die Epidemie hat jeder Athener seine Theorie. Jeder ist – im übertragenen Sinn – Epidemiologe. Und was damals die raunende Wiedergabe von düsteren Orakelsprüchen war oder von Gerüchten über Brunnenvergiftungen durch die feindlichen Peloponnesier, das sind heute die Verschwörungsmythen. Sodann erinnert mich ein von Thukydides beschriebener Fatalismus der Athener, die sich irgendwann in ihr Schicksal fügen in der Annahme, die Dinge nicht ändern zu können, nicht wenig an den Weg der Schweden im Umgang mit der Pandemie oder auch an die Haltung mancher Staatenlenker in Nord- und Südamerika.

Aber die Beschreibungen des Massensterbens auf den Straßen und des verzweifelten Überlebenskampfs aller gegen alle wirken dann doch sehr weit weg.

Die Schilderungen sind extrem. Wir sind heute in unseren Breiten nun mal nicht mehr in der Situation eines Dauerkriegszustands, der nur vom widrigen Wetter in den Wintermonaten unterbrochen wurde. Aber in Ansätzen erleben wir Phänomene wie Entsolidarisierung und Polarisierung in der Gesellschaft doch auch heute. Die Drastik und zugleich die Nüchternheit, mit der Thukydides all das beschreibt, ist auf bedrückende Weise fantastisch. Zwei Dinge unterscheiden uns aber tatsächlich. Das ist erstens der gewaltige Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis, der uns die Chance gibt, die Pandemie mit geeigneten Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Und zweitens die Solidarität und Hilfsbereitschaft, die zwischen den Ländern besteht.

Interview: Joachim Frank

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