Mit „Jebel Irhoud“ & „Der Neandertaler“ laufen gleich zwei Dokumentationen über die Ursprünge des modernen Menschen auf Arte.
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Mit „Jebel Irhoud“ & „Der Neandertaler“ laufen gleich zwei Dokumentationen über die Ursprünge des modernen Menschen auf Arte.

Die Klugheit der Archäologen

„Jebel Irhoud“ & „Der Neandertaler“ auf Arte: Über die Ursprünge des Menschen

  • vonHans-Jürgen Linke
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Arte zeigt zwei Dokumentationen über die Ursprünge des modernen Menschen.

„Homo sapiens“, der kluge Mensch. So wurde unsere Gattung von einem ihrer Vertreter benannt. Das war wohl eine apotropäische Namensgebung, also etwa die gleiche Idee wie die, einem Meer, das mit Stürmen und Tsunamis immer für riesige Katastrophen gut ist, den besänftigenden Namen eines „pazifischen“, also friedlichen Ozeans zu geben. Vielleicht war es auch ein einfacher Irrtum. Oder eine gezielte propagandistische Lüge.

Wenigstens sind einige Exemplare der Gattung mit der Gabe der Selbstreflexion ausgestattet. Das befähigt sie nicht nur dazu, sich mit Hilfe technischer Accessoires ständig selbst zu optimieren, sondern auch dazu, nach den eigenen Ursprüngen zu forschen. In dieser Hinsicht hat die Archäologie, eine selbstreflexiven Errungenschaft des Homo sapiens, vor über einem halben Jahrhundert einen großen Schritt getan, den sie erst vor einem halben Jahrzehnt zu verstehen begonnen hat. Sie hat in Nordafrika in einer Karsthöhle Homo-sapiens-Fossilien gefunden, die auf ein Alter von über 300.000 Jahren datiert wurden und damit die bisher gültigen Versionen der Gattungsgeschichte umwarfen.

Die Ursprünge des Homo Sapiens

Bisher war die Anthropologie davon ausgegangen, Homo sapiens habe sich in Ostafrika entwickelt und von dort über die Welt verbreitet. Nach den Funden von Jebel Irhoud sieht die Sache eher so aus, als sei Homo sapiens auf dem afrikanischen Kontinent schon mehr als tausend Jahrhunderte lang verbreitet gewesen, bevor er sich in die restliche Welt aufmachte. Das revidierte Afrika-Szenario geht inzwischen von klimatischen Veränderungen der Sahara-Region aus, in der über längere Perioden ganz andere Lebensbedingungen herrschten.

Es waren offenbar vor allem Homo-sapiens-typische Beschränkungen – Vergesslichkeit, Faulheit, Borniertheit –, die die Ostafrika-Hypothese so lange plausibel hielten. Zum Beispiel waren es Franzosen, die in Nordafrika, in ihrem Hoheitsgebiet Algerien, im vergangenen Jahrhundert gruben und forschten und ihre Ergebnisse dokumentierten. Die Lingua franca der Archäologie aber ist Englisch, so dass die Forschungsergebnisse der Franzosen keine weite Verbreitung fanden und vergessen wurden. So simpel sind manchmal die Hindernisse des Fortschritts.

Koexistenz zwischen Homo Sapiens und Neandertaler

Die Funde sind also nicht neu, sie wurden nur mit moderneren Methoden neu eingeordnet. Nicht neu gefundene Tatsachen, sondern Arten ihrer Interpretation haben entscheidende Fortschritte beschert. So dass die geduldige Dokumentation, die Olivier Julien den Funden von Jebel Irhoud gewidmet hat, eher ein Film über die Findigkeit und Denk-Abenteuerlust der archäologischen Forschung geworden ist als ein spekulatives, Speere schwingendes und Flintsteine klopfendes Vorzeit-Drama. Wissenschaft liefert heute die wahren Abenteuer, wir müssen nur lernen, das zu verstehen. Aber dafür sind wir schließlich Homo sapiens.

Dokumentationen

Jebel Irhoud. Vom wahren Ursprung des Menschen, Der Neandertaler. Auf den Spuren unserer Vorfahren Arte, 10. Oktober, 20:15 und 21:40 Uhr oder in der Arte-Mediathek.

An die Dokumentation über Jebel Irhoud schließt sich ein kleiner Film über die mystisch umflorten Neandertaler an und die alte Frage, warum es sie nicht mehr gibt. Nach dem neueren Forschungsstand haben sie eine lange Zeit gemeinsam mit Homo sapiens auf diesem Planeten verbracht, bis sie verdrängt wurden. Aber wovon? Von unseren Leuten? Von klimatischen Veränderungen?

Wo und wie und warum das geschah, darüber stellt dieser Film einige Spekulationen an, die die Neandertaler in einem neuen Licht erscheinen lassen. Die Anzahl der Individuen einer Gattung spielt dabei eine große Rolle: Während eine wachsende Zahl von Homo sapiens-Vertretern in Afrika unterwegs war, jagte und nomadisierte weiter nördlich eine viel geringere Zahl von Neandertalern und traf sich vielleicht einmal im Jahr – falls Neandertaler so etwas wie „Jahre“ kannte – dort, wo heute die Insel Jersey vor der französischen Küste liegt. Das war eine viel friedlichere Geschichte, zumindest, bis Homo sapiens in die Gegend kam.

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