Festival in Moers

Was Jazz darf und ist

Bei aller Euphorie über eine erstarkende europäische Szene hat man hierzulande den amerikanischen Jazz nahezu aus den Augen verloren. Das Festival in Moers heizt den transatlantischen Diskurs aber wieder an. Von Wolf Kampmann

Von WOLF KAMPMANN

Das Moers-Festival hat sich seit mehr als drei Jahrzehnten der Jazz-Innovation verschrieben. Das einzuhalten, ist nicht immer leicht gefallen, auch 2009 nicht. Dabei liegen die Ursachen für die Probleme des zeitgenössischen Jazz und seiner Präsentation in Deutschland nicht einmal in dem Umstand, dass zwischen Innovation und Tradition kaum noch Demarkationslinien auszumachen sind. Bei aller Euphorie über eine erstarkende europäische Szene hat man hierzulande den amerikanischen Jazz nahezu aus den Augen verloren.

Das hat verschiedene Gründe. Freilich trocknete der ebenso konstante wie verlässliche kreative Strom aus dem Mutterland des Jazz nach dem 11. September 2001 abrupt aus. Ökonomische Zwänge hatten zudem Eurozentrismus in der Programmauswahl hiesiger Jazz-Festivals zur Folge.

Die amerikanische Szene reagierte mit tiefgreifender Umstrukturierung. Man gründete neue, unabhängige Labels, zog sich ins Internet zurück und beschränkte sich auf Touren in der Heimat. Die bewährten Kanäle, auf denen amerikanische Jazzplatten über europäische Vertriebe an die lokalen und nationalen Medien und somit an die Hörer der Alten Welt gelangten, versandeten. Zum ersten Mal seit 50 Jahren war Europa vom amerikanischen Jazz abgeschnitten. Wenn Größen wie Dave Douglas, Greg Osby, Charlie Hunter oder Jim Hall hier nicht mehr veröffentlicht werden, ist das tragisch genug, aber dass neue Trends des US-Jazz an Europa vorbeigehen, ist nicht hinzunehmen.

Alternative Klangsuche

Das sagte sich auch Reiner Michalke bei der Programmierung. Der Triumph des Peter Evans Quartets vor einem Jahr legte eine intensivere Auseinandersetzung mit der jungen New Yorker Szene nahe. So war es zwischen den Alt-Avantgardisten Wayne Horvitz und Marc Ribot ein halbes Dutzend Unbekannter, das Michalkes Radical-Global-Culture-Mix dominierte, und diese jungen New Yorker entfachten erneut die Diskussion, was Jazz ist und sein darf.

Das Quartett Mostly Other People Do The Killing feierte ein Heimspiel in Moers. Zwei seiner Mitglieder - Trompeter Peter Evans und Schlagzeuger Kevin Shea - waren vor einem Jahr schon mit dem Peter Evans Quartet hier. Positionierten sie sich damals noch zwischen freier Improvisation und alternativer Klangsuche, so hebelten sie diesmal alle Scharniere zwischen Konvention und Nonkonformismus aus. Mit kindlicher Spielfreude und diebischer Lust am Tabubruch ließen sie Art Blakey auf Ornette Coleman und Lester Bowie prallen, rissen den Hardbop aus seinem tradierten Kontext und fanden eine schlüssige Antwort des 21. Jahrhunderts auf die Postmoderne der achtziger und neunziger Jahre.

Der Set wirkte wie eine wahnwitzige Parodie auf die Jazzgeschichte. Doch das Quartett stieß nicht auf einhelligen Beifall. Wo sich die Einen über den tolldreisten Rundumschlag freuten, vermissten Andere hinter der virtuosen Performance Individualität und Wärme.

Noch mehr polarisierte die Band Extra Life um den Sänger und Gitarristen Charlie Looker. Mit Gitarre, Geige, Keyboards, Bass und Schlagzeug erinnerte die Band äußerlich an das Mahavishnu Orchestra, doch Lookers schrille Stimme, seine radikalen Brüche in Sound und Dramaturgie, unvermittelte Noise-Attacken und die atemberaubende Präzision der Inszenierung legten eher Vergleiche mit den Talking Heads oder Arto Lindsays Ambitious Lovers nahe. Das war Neo-Art Jazz im bester Tradition des No Wave, dessen Perspektiven man aus heutiger Sicht noch nicht einmal ahnen kann.

Eine vielversprechende neue Stimme ließ Basssaxofon-Solist Colin Stetson hören. Er begeisterte das Publikum nicht nur mit Zirkularatmung und Mehrstimmigkeit, sondern mit einer verblüffenden Beweglichkeit auf seinem schwerfälligeren Instrument. In den USA als Vorprogramm alternativer Rockbands bejubelt, beschreitet er ganz neue Wege, wobei er keinen Zweifel lässt, dass er noch am Anfang steht. Er hat seinen Sound und seine Technik gefunden, ihm stehen alle Tore offen, aber niemand weiß, welche Wege er künftig beschreiten wird.

Ähnliche Eindrücke drängten sich auch bei anderen kontrovers diskutierten Programmpunkten wie der japanischen Girlgroup Nisennenmondai, dem deutschen Tim Isfort Tentett, dem Big-Band-Leader Darcy James Argue, dem New Yorker Power-Trio Zs oder der norwegischen Progjazz-Band Elephant9 auf. Die meisten dieser Musiker und Gruppen waren noch nie vor einem derart großen Auditorium aufgetreten, und die Aufregung war ihnen anzumerken.

Reiner Michalke ist das Risiko eingegangen, eine sich neu formierende Musiklandschaft - nennen wir sie Jazz oder nicht - in einem relativ frühen Entwicklungsstadium zu präsentieren. Er gewährte uns einen Blick ins Schlangenei, um Zeugen einer beginnenden Metamorphose zu werden. Moers war in diesem Jahr ein Bekenntnis zur Transformation. Ob es in dieser Hinsicht ein guter Jahrgang war, werden wir frühestens in zwei bis drei Jahren wissen. Auf jeden Fall ist es dem künstlerischen Leiter von Moers gelungen, den eingeschlafenen Jazz-Diskurs wieder anzuheizen.

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