Jane Austen auf einem der Bilder, die sich die Nachwelt von ihr machte.
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Jane Austen auf einem der Bilder, die sich die Nachwelt von ihr machte.

Autorin von "Stolz und Vorurteil"

Jane Austen, die Anti-Romantikerin

Vor genau 200 Jahren starb die englische Schriftstellerin und knallharte Realistin Jane Austen, deren Bücher immer noch einige für romantisch halten.

Jane Austens Bücher beziehen ihre Spannkraft aus ihrem heute als flirrend empfundenen Balanceakt zwischen drastischer Zeitgebundenheit und ewiger Modernität. Das eine betrifft die eiskalt konservative Handlung, das andere den klugen, spöttischen, halbwegs unabhängigen Blick der Autorin und ihrer Lieblingsheldinnen darauf. Ihre Leserinnen und Leser nach 1811 waren vor allem davon hingerissen, dass die hier beschriebene Welt ihnen bis ins Mark – und sozusagen auf den Pfennig – vertraut war.

Wer in einer Phase seines Lebens ein Faible für Mr. Darcy unter besonderer Berücksichtigung seiner Darstellung durch Matthew Macfadyen kultiviert hat, sollte nicht aus dem Blick verlieren, dass Jane Austen für die englische Literatur die Erfinderin des realistischen Romans ist. Und selbst der Ansicht war, ihr bis heute berühmtester Roman „Stolz und Vorurteil“ sei ihr etwas zu „hell“ geraten.

Das Ende von „Verstand und Gefühl“ lag ihr weit mehr: Zeitgenossen, aber erst recht die Nachgeborenen stießen und stoßen sich an den untragischen und wirklich uninteressanten Eheschließungen der sympathischen Schwestern Dashwood. Ist das resignativ? Es ist realistisch. Damals wie heute wäre dem Publikum ein Schuss mehr Romantik angenehm gewesen. Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, dröselt Austen akkurat die Vermögensverhältnisse auf, die sich zwischen Elinor Dashwood und ihrem Edward ergeben werden, und auch diese sind ernüchternd.

„Verstand und Gefühl“ erscheint sechs Jahre vor ihrem Tod

1811: Jane Austen hatte noch sechs Jahre zu leben, als erstmals ein Roman von ihr erschien. „Verstand und Gefühl“ (auch als „Vernunft und Gefühl“ ins Deutsche übersetzt) war etliche Jahre zuvor entstanden. „By a Lady“ stand auf dem Deckblatt, das übliche Vorgehen bei unbekannten Schriftstellerinnen. Der Erfolg war groß genug, um Jane Austen noch das Gefühl kennenlernen zu lassen, wie es war, eine keineswegs mehr unbekannte Schriftstellerin zu sein.

Und etwa mit lästigen Vorschlägen konfrontiert zu werden, worüber sie schreiben könnte. Schön zu lesen, wie sie einen aufdringlichen Geistlichen abwimmelte, der sich die Geschichte eines Geistlichen wünschte, der ihm reichlich ähnlich war. Sie sei zu ungebildet, um das erforderliche Geistesniveau zu bieten, sei vermutlich überhaupt die dümmste Schriftstellerin Englands, übertrieb Austen vergnügt und unerbittlich. Auch war das Programm: Keinen Zentimeter von den Dingen, Orten und Menschen abzuweichen, die sie kannte. Einer romanschreibenden Nichte empfahl sie, sie solle „England besser nicht verlassen. Lass die Portmans nach Irland fahren, weil du aber nicht von den dortigen Sitten weißt, solltest du lieber nicht mitfahren“.

Dinge, Orte, Menschen: Die Dinge waren die Dinge im Leben einer Frau um 1800. Wird sie heiraten? Wird sie nämlich einen Antrag bekommen, den sie emotional und finanziell akzeptieren kann? Wird sie sich dadurch gesellschaftlich verbessern, wird sie zufrieden sein? Die Begeisterung der entschlossensten Romantiker hat auf Dauer nicht verdecken können, dass die Welt von Austens Romanen ein Heiratsmarkt ist.

Ebenso wenig konnten unschüchterne Schauspielerinnen wie Keira Knightley oder Gwyneth Paltrow verdecken, dass die Frauen in Austens Büchern zu einem üblen Abwarten und einem bloß millimetergroßen eigenen Handlungsspielraum verurteilt sind. Vor lediglich 200 Jahren. Die Hoffnungen moderner Frauen wiederum haben nicht verdecken können, dass Austen nicht die Vorkämpferin einer harschen Kritik an solchen Verhältnissen ist. Sie ist Realistin, wie gesagt.

Die Orte waren Südengland und Bath, Bath und Südengland. „Lass die Portmans nach Irland fahren, aber du solltest lieber nicht mitfahren.“

Die Menschen waren die Frauen der Gentry, einer nicht zu hundert Prozent ausdefinierten Bevölkerungsgruppe, in der sich untitulierte Grundbesitzer, Kleinadel und auch Landklerus tummelten – Austen wurde 1775 als siebtes von acht Kindern in einen gutsituierten und gebildeten Pfarrerhaushalt in Hampshire hineingeboren. Auch wegen der verschwimmenden Grenzen barg eine Heirat Aufstiegschancen und Abstiegsgefahren in erheblicher Spannweite, wie Austens Geschichten knallhart lehren und auch vorrechnen, wenn der Leser noch auf Liebe hofft.

Dass Jane Austen nur 41 Jahre alt wurde, nicht viel, fast nichts sah von der Welt, keine Familie gründete und nicht den Eindruck machte, unglücklich zu sein, war merkwürdigerweise eine Quelle für Mythen und Geheimniskrämerei. Die Realistin wurde die Romantiker um sich herum nicht los. Ja, auch Jane Austen war offenbar in mindestens einen, noch dazu markanten Mann verliebt. Der älteren Schwester Cassandra schreibt sie, sie habe fast Angst, ihr zu erzählen, „wie mein irischer Freund und ich uns (auf einem „überaus guten Ball“) aufgeführt haben. Stelle dir das liederlichste und schockierendste Benehmen vor, wenn es um die Art geht, miteinander zu tanzen und zusammenzusitzen. … Ich versichere dir, er ist ein echter Gentleman, gutaussehend und angenehm … er hat nur einen Fehler, den die Zeit, darauf vertraue ich, vollständig beseitigen wird – sein Gehrock ist entschieden zu hell.“

Denn wer Belege dafür sucht, dass Jane Austen wahrhaftig aus dem Leben erzählte, findet in ihren Briefen allenthalben Stellen wie aus einem ihrer Romane. „Ich war gezwungen, Mrs. Warren für eine sehr gepflegte junge Dame zu halten, was ich entschieden bedauerte. Sie sieht nicht mehr so schwanger aus wie früher, tanzte flottweg mit großer Energie und wirkte durchaus nicht sehr rundlich. Ihr Mann ist ziemlich hässlich ..., aber er sieht nicht so furchtbar alt aus.“ Kein „Emma“-Zitat, sondern ebenfalls aus einem Brief.

Jane Austen war also verliebt, bekam später auch – von einem anderen Mann – einen Heiratsantrag, den sie erst angenommen, dann abgelehnt haben soll. Dies anscheinend in der Reihenfolge Verstand und Gefühl, denn er war vermögend genug, sie aber nicht verliebt genug.

Ob sie geplant hat, nicht zu heiraten, lässt sich nicht rekonstruieren und vermischt sich mit Projektionen und Wünschen der Interpretinnen und Interpreten. Sie habe Angst davor gehabt, Kinder zu bekommen, heißt es immer wieder, und diese Angst war angesichts der Kindbettsterblichkeit in ihrer Umgebung nicht abwegig. Sie hätte als verheiratete Frau zudem nicht in der Weise, wie sie es tat, als Schriftstellerin arbeiten können, das gilt als sicher, auch wenn man auf andere Gedanken kommen kann, wenn man den Witz von einem Beistelltischlein sieht, an dem sie arbeitete. Sie benutzte kleine Papierblätter, die sie, sobald Personal (durch eine eigens am Knarzen gehaltene Tür) den Raum betrat, jederzeit verbergen konnte. Vielleicht muss man da nicht zu kompliziert denken. Nicht jeder schreibende Mensch lässt sich bei der Arbeit gerne auf den Bildschirm schauen.

Jane Austen starb in Winchester

Finanziell war sie von Haus aus verhältnismäßig unabhängig, dazu eine Frühstarterin, die von vornherein wusste, was sie lesen und schreiben wollte. Die Teenagerin probierte sich an lupenreiner Satire, Briefroman-Fragmenten etwa, die die Briefromanform durch überdeutlichen Mangel an Inhalt verhohnepiepeln und in denen sich Freundinnen gute Ratschläge geben, beispielsweise mit Blick auf die Gesundheitsgefahren durch häufige Ohnmachtsanfälle. Wahnsinnig zu werden sei viel weniger gefährlich. „Werde wahnsinnig, so oft du willst, aber falle nicht in Ohnmacht.“

1816 wurde Jane Austen krank, am 18. Juli 1817 starb sie in Winchester, wo sie sich am Ende niedergelassen hatte, um ihren Ärzten näher zu sein. Es ist nicht ganz klar, woran sie litt, Experten haben herausgefunden, dass die Symptome für eine Nebennierenrindeninsuffizienz sprechen. Der Text auf der Grabplatte in der Kathedrale von Winchester – einer der Brüder konnte das arrangieren, weil man den Bischof kannte – lobt ihre geistigen Fähigkeiten. Das Wort „Schriftstellerin“ fällt nicht. Die Familie, scheint es, unterschätzte den Nachruhm, frisierte übrigens nach Möglichkeiten auch hier und da ein wenig – so war Jane Austen in der Erinnerung der Brüder und Neffen so tugendhaft wie fromm. Aber sechs fertige Romane liegen ja vor, dazu inzwischen auch das Beiläufige und Unfertige, sofern es die Verwandten überlebte, die nur das Beste wollten.

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