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An Ahornbäumen kann man künftig nicht mehr achtlos vorbeigehen.
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An Ahornbäumen kann man künftig nicht mehr achtlos vorbeigehen.

Zeit und Kunst

Jan Schmidt: „Time Flies“ – Kreiselnde Samen, versteinerte Schnecken

  • VonSandra Danicke
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Ein Werk, das gerade gut in die Zeit passt: Jan Schmidts Installation „Time Flies“.

Wir sitzen da und warten. Das geht schon eine ganze Weile so. Wir warten darauf, dass etwas passiert. Das Dumme ist: Wir wissen nicht, wann das sein wird. Es könnte jeden Moment soweit sein. Womöglich passiert aber heute auch gar nichts mehr, weil es bereits passiert ist, ohne dass jemand dabei war. Man muss unendlich geduldig sein und gleichzeitig aufmerksam.

Wir sitzen also da, im Institutsgebäude für Maschinenbau und Energietechnik der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen. Unter der hohen Glasdecke ist ein länglicher Edelstahlkasten montiert. Er ist so programmiert, dass er innerhalb eines Jahres 2400 mit der Hand durchnummerierte Ahornsamen abwirft. Der zeitliche Abstand ist zufallsgesteuert. Dabei handelt es sich um ein Kunst-am-Bau-Projekt des Frankfurter Künstlers Jan Schmidt. Es ist auf zwanzig Jahre angelegt. Jedes Jahr kommen neue Samen hinein. Ende 2041 werden 48 000 Samen gefallen sein. Täglich werden sie weggefegt und entsorgt.

Am Anfang legen wir den Kopf noch andauernd in den Nacken. Aber irgendwann tut der Nacken weh, und man kommt sich auch ein bisschen blöd vor, wenn man immer nach oben starrt. Die Ungeduld gewöhnt man sich irgendwann ab.

Was man sähe, wenn man im rechten Augenblick schaute, wäre also das, was man auch im Freien unter oder neben einem Ahornbaum sehen könnte: das Kreiseln und Trudeln eines von der Natur perfekt geformten Plättchens. Wunderschön wäre das. Momentan sind aber nur bereits abgeworfene Samen auf dem Fußboden zu sehen. Die Nummern sind noch niedrig. 56, 53, 48. Ein Mitarbeiter läuft vorbei und erzählt, dass er bereits einige davon mit nach Hause genommen hat. Was man denn tun müsse, um sie zum Keimen zu bringen, fragt er den Künstler. Eine Weile in den Kühlschrank legen, antwortet der.

Wir sitzen weiterhin da. Stundenlang, nichts passiert. Wobei: das stimmt so nicht, wir unterhalten uns ja, trinken Kaffee. Immer mal wieder kommt jemand vorbei und hat etwas über das Kunstwerk zu sagen. Man bräuchte einen Ventilator, meint einer, dann sei die Installation noch näher an der Natur.

„Time Flies“ lautet der Titel des Werks, er steht an der 13 Meter hohen Wand, vor der sich das Naturschauspiel abspielt (wenn es sich abspielt), und so ist es ja auch. Die Zeit verfliegt, mal schnell, mal quälend langsam. Wie sich das anfühlt, das Warten, weiß man auf der ganzen Welt momentan nur zu gut. Wie es ist, wenn man nichts tun kann, um das, was man sich wünscht, zu beschleunigen. Aber das ist natürlich Zufall, dass das Werk gerade so gut in die Zeit passt.

Jan Schmidt ist ein Künstler, dem das Warten nichts ausmacht. Gerade hat er ein Buch mit dem Titel „Zeitschnecken“ herausgebracht, das von einer Arbeit handelt, die er im vergangenen Jahr absolviert hat. Da hat er einen riesigen Findling, der von Bauarbeiten des Frankfurter Riederwald-Tunnels unter einer Autobahnbrücke liegengeblieben war, monatelang mit Hammer und Meißel bearbeitet – bis der Steinbrocken irgendwann nicht mehr da war. Die Skulptur wurde jeden Tag weniger. Etwas anderes wurde hingegen mehr: Im Findling fand Schmidt mehrere Hundert Schnecken, versteinert, zehn Millionen Jahre alt. Man kann sie sich in dem Buch anschauen. Spektakulär ist das und unspektakulär zugleich, je nachdem. Gedanklich reist man unfassbar weit in die Vergangenheit. Dann wieder – sind es ja bloß alte Schneckenhäuser.

Für einen Künstler wie Schmidt ist das Warten ein kreativer Prozess. Er hinterfragt es nicht, ist nicht ungeduldig, er erlebt Dauer als Bereicherung, das Dazwischen zählt soviel wie das Ergebnis.

Wir sitzen noch eine Weile da unter dem Stahlkasten, und das, was nicht passiert, wird in der Vorstellung zu einer kleinen Sensation. An Ahornbäumen mit ihren so clever geformten Samen kann man künftig nicht mehr achtlos vorbei gehen. Man bleibt stehen oder setzt sich und wartet. Darauf, dass etwas passiert. Was währenddessen geschieht, ist das Leben.

„Zeitschnecken“ ist im Verlag Walther und Franz König erschienen.

Info zum Besuch: www.thm.de

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