Jan Böhmermann, Satiriker in den Diensten des ZDF.
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Jan Böhmermann, Satiriker in den Diensten des ZDF, legt sich auf Twitter mit der FAZ an.

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Jan Böhmermann gegen die FAZ: Ein Streit in 73 Tweets

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Ein „FAS“-Interview mit Jan Böhmermann wurde offenbar nicht gedruckt. Auf Twitter legt der Satiriker die Causa dar. Was hat das mit Cancel Culture zu tun?

  • Jan Böhmermann gibt der FAS ein Interview zu seinem neuen Buch.
  • Das Interview wird kurzfristig nach Angaben des Satirikers zurückgezogen.
  • Böhmermann veröffentlicht es auf Twitter.

Kürzlich erst, im September 2020, erschien Jan Böhmermanns neues Buch „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“. Aus zirka 25.800 Tweets auf Twitter hat der Satiriker eine Auswahl der besten zusammengestellt und vor Veröffentlichung des Buches seine bisherigen Tweets gelöscht. Was aktuell auf seinem Twitter-Account zusammenkommt, dürfte für ein weiteres Buch ausreichend sein.

FAS soll Interview mit Jan Böhmermann ohne Begründung nicht gedruckt haben

Jan Böhmermann legt sich nämlich gerade mit der FAZ beziehungsweise der FAS an. Was war geschehen? Folgt man den Aussagen Böhmermanns, hat die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ ein für den 6. September angekündigtes Interview nicht gedruckt - und zwar ohne eine entsprechende Begründung. In einem von Böhmermann auf Twitter veröffentlichten Schreiben formuliert er an den FAS-Herausgeber Jürgen Kaube, dass das Interview auf persönliche Anweisung Kaubes habe „unter keinen Umständen veröffentlicht werden“ sollen. „Ich nehme an, dass es für Ihre Entscheidung ..., persönlich die Veröffentlichung eines bereits zum Druck vorbereiteten Interviews zu verhindern, einen vernünftigen Grund gibt. Welchen?“

Bislang scheint Böhmermann auf diese Frage noch keine Antwort erhalten zu haben, das Interview, das am 25. August bereits geführt wurde, ist jedoch zu lesen: auf Twitter in Gestalt von 73 Tweets. Nicht getweetet sind Photos, deren Existenz jedoch nicht bewiesen ist, auf denen er in einer Topfpflanze steht.

Was ist das brisante am Böhmermann-Interview?

Doch was ist an dem Böhmermann-Interview so brisant, dass es nicht in Druck kam? Die Leserin erfährt zunächst, dass der Satiriker das Tweetdeck benutzt, dass man bei Twitter „ein erstaunlich genaues, ganzheitliches Abbild dessen, was man ist und wie man denkt“ abgebe, und: „Natürlich lüge ich bei Twitter, aber erschreckend viel öfter nicht.“ So weit, so harmlos.

Und dann geht es um „Cancel Culture“. „Cancel Culture“ meint den systematischen Boykott von Leuten oder Organisationen, die mit diskriminierenden Aussagen oder Handlungen in der Öffentlichkeit präsent sind. Diejenigen, die von „Cancel Culture“ sprechen, lehnen einen Boykott als kulturelle Beschneidung in der Regel ab. Die Debatte wird in den sozialen Netzwerken hitzig geführt insbesondere hinsichtlich rassistisch konnotierter Redewendungen oder antisemitisch interpretierbarer Äußerungen wie beispielsweise von der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart.

Zum Thema hat Böhmermann eine klare Haltung: „Ich kann das schlecht geschauspielerte Gejammer über das Phantom Cancel Culture menschlich nachvollziehen. Es fühlt sich sicher beschissen an, wenn man hauptberuflich von der Großartigkeit seiner eigenen Position derart überzeugt ist, dass man persönlich beleidigt davon ist, dass man innerhalb von fünf Minuten von zehn anonymen Twitter-Nutzerinnen auf 280 Zeichen argumentativ ausmanövriert wird. Oder wenn Du als unfehlbarer Querdenker-Kabarettist die geniale Idee hast, deinem senilen Publikum mit antisemitischem Geraune oder regressivem Volkswitz den allertraurigsten Applaus aus den toten Händen zu saugen, und das dann jemand im Internet bemerkt und Dir laut hörbar……widerspricht. Wenn ich die Informationshefte der Bundeszentrale für politische Bildung richtig verstanden habe, geht es bei Demokratie um den Wettstreit der Ideen. Und wenn Deine Idee schlecht ist, dann schlucks runter und denk Dir was Schlaueres aus und fantasiere nicht irgendwelche Cancel Cultures herbei ...“

Böhmermann: Bei der WDR-Satire war von „Cancel Culture“ keine Rede

Weiter führt Böhmermann als Beispiel einer rechtsextrem „orchestrierten Empörungswelle“ den Aufschrei um die WDR-Satire der umweltverschmutzenden Omas an, die im Hühnerstall Motorrad fahren. WDR-Intendant Tom Buhrow habe kein argumentatives Problem, sondern vielmehr Angst gehabt. Abgesehen davon hätte seinerzeit keiner von „Cancel Culture“ gesprochen: „In der Wirklichkeit wie im Internet gilt in der Debatte: Mache deine Problem zum Problem desjenigen, den du angreifst. Das funktioniert bei Twitter am allerbesten.“

Dass Böhmermann sich auf Twitter ebenso wie in seinen Shows, seit neuem im ZDF, eindeutig gegen die AfD und anderer extremen Rechten positioniert, dürfte sicherlich nicht der Anlass für den Nichtabdruck des Interviews gewesen sein. Ob die FAS um Herausgeber Jürgen Kaube sich zur Causa positioniert? (Von Katja Thorwarth)

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