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März 1969: John Lennon und Yoko Ono beim „Bed-In“ für den Weltfrieden, hier im Amsterdamer Hilton.

Erinnerungen

Das Jahr 1969 – Besser scheitern

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Woodstock, die Manson-Morde, die Mondlandung – alles 1969. In diesem Jahr wurde auch das Internet geboren und die Schwulenbewegung, das Proletariat wurde wiederentdeckt und der Terrorismus.

Das Jahr 1968 steht in der Mythologie meiner Erinnerung für die Idee der Utopie, für die Vorstellung, den Zyklus von Gewalt und Gegengewalt mit einem Male abbrechen zu können. Endlich werde man die Weltgeschichte neu starten. Ein kurzer Traum. Nicht einmal das. Es war mehr ein Gedanke, der mich immer mal wieder durchwehte.

1969 dagegen ist das Jahr, in dem dieser Traum zerstob, ein Jahr, das einen solchen Gedanken nicht mehr zuließ. Die amerikanische Wikipedia verbindet 1969 sehr markant mit drei Ereignissen: Menschen betreten am 20. Juli zum ersten Mal den Mond; am 29. Oktober entsteht das Internet und in New York City, in der Christopher Street, nimmt am 28. Juni die LGBT-(Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender-)Bewegung ihren Anfang.

Gute Musik? Von wegen!

In der Bundesrepublik wurde in den Septemberstreiks das Proletariat wiederentdeckt. Ein Dutzend kommunistischer Parteien, die meist von Mitgliedern der studentischen Protestbewegung gegründet worden waren, bekämpften einander in den folgenden zehn Jahren. In Italien wurde der „Massenarbeiter“ entdeckt, der junge, ungelernte Süditaliener, der die Fabriken des Nordens ins Laufen brachte, der aber 1969 in zahllosen Streiks auch entscheidende Verbesserungen der Arbeitsbedingungen durchsetzte. „Potere Operaio“ und „Lotta Continua“ wurden gegründet. Die „proletarische Wende“ beschäftigte etwa einhunderttausend der heute 70-Jährigen mehrere Jahre lang. Einige gingen in die Fabriken, andere verteilten davor Flugblätter, lasen in kleinen Gruppen „Lohnarbeit und Kapital“ und waren damit beschäftigt, den abhängig Beschäftigten zum richtigen „Klassenbewusstsein“ zu verhelfen.

Es ist Teil der Lebensgeschichte einer ganzen Generation, die heute gerne so tut, als habe sie in all den Jahren nur Musik gehört. Und zwar die richtige: „Abbey Road“ von den Beatles erschien, „Let it Bleed“ von den Rolling Stones, „Hot Rats“ von Frank Zappa. Ein Blick auf die Charts von 1969 belehrt uns eines Besseren: Vom 15. Juni 1968 bis zum 14. Februar 1969 führte ein Heintje-Album mit „Heidschi-Bum-Beidschi“ die deutsche Hitliste an. Bis zum 14. April folgten tatsächlich die Beatles mit ihrem „White Album“, danach allerdings einen Monat lang Karel Gott, dann wieder einen Monat lang Heintje. Danach zwei Monate lang „Non Stop Dancing“ von James Last. Vom 15. August bis zum 15. September stand Udo Jürgens mit seinem Album „Udo Live“ an der Spitze der bundesrepublikanischen Charts. Danach war einen Monat lang „Hair“ dran, dann wieder Heintje.

Und was hörte der italienische Massenarbeiter? Moustaki: „Lo straniero“; Celentano: „Storia d’amore“; Mina: „Non credere“; Massimo Ranieri: „Rose rosse“; Gianni Morandi: „Belinda“. In San Remo gewannen Iva Zanicchi und Bobby Solo mit „Zingara“. Dario Fo und Franca Rame veranstalteten vor Ort ein Gegenfestival.

Die Grammys des Jahres gingen unter anderem an: „Mrs. Robinson“ von Simon & Garfunkel, „Light My Fire“ von José Feliciano, an Aretha Franklin, an „Hair“ und Johnny Cash, an Duke Ellington, Thelonious Monk und Pierre Boulez für seine Debussy-Einspielung. Der Sound der Epoche klang ein wenig anders, als wir ihn uns im Nachhinein zurechtschneiden. Auch dieser Artikel ist ein sehr subjektiver Ausschnitt, aus dem, was 1969 die Welt bewegte.

Leben an der Nadel zwischen Dealer und Rockmusik

Im September 1968 hatten sich Frauen im SDS gegen die Vorherrschaft der Männer gewehrt. In den USA war der Feminismus ein wenig weiter. Gloria Steinem schrieb 1969: „After Black Power, Women’s Liberation“. Die jungen Männer, die 1969 ins Kino rannten, um jungen Männern beim Motorradfahren zuzusehen, saßen längst nicht mehr vorne. Für die Easy Riders hieß „Born To Be Wild“ auch eine Welt ohne Frauen. Denen aber würde die Zukunft gehören. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahrzehnten gegen diesen Trend angekämpft. Immer wieder vergebens. Am Ende wird auch Donald Trump an ihnen scheitern.

Kein Wort ist möglich über diese Zeit, wenn man nicht spricht über die Rolle der einsamen Männer und ihr Leben an der Nadel zwischen Dealer und Rockmusik. Sie sind allgegenwärtig. Dennis Hopper ist einer von ihnen, Jean-Paul Belmondo ein anderer. Kleinganoven, die sich weniger gegen die Gesellschaft stellen, als sich vielmehr selbst im Wege stehen. Sie sind die Helden der Lieder, der Filme jener Jahre. Nachrufe zu Lebzeiten.

Der Terrorismus der Linken wurde gespeist von solchen Bildern. Andreas Baader ist eine Alain-Delon-Kopie. Welche Rolle welches Rauschgift in welchem linken Terrorismus spielte, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass die Berliner „Haschrebellen“ mit der Idee des „frei sein, high sein“ spielten, während die RAF, als Rote-Armee-Fraktion einer zu gründenden marxistisch-leninistischen Partei, die disziplinierten Kader spielte. Wer Großeltern hat, der frage sie, wo sie 1969 standen. Ob sie wirklich nur Lehramt studierten oder ihre Ausbildung bei Siemens beendeten, oder ob sie nicht doch auch mit Drogen und Gewalt liebäugelten?

Nur kurz ein Blick auf die DDR im Jahre 1969: Am 1. Januar begann der Bau von Wachtürmen an der deutsch-deutschen Grenze. Ende Mai verurteilte der VI. Deutsche Schriftstellerkongress Christa Wolfs Roman „Nachdenken über Christa T.“ wegen „Individualismus“. Das zweite Programm des Deutschen Fernsehfunks begann mit Farbsendungen. Ebenfalls im Oktober wurde der Fernsehturm am Alexanderplatz eröffnet. Am 28. Oktober erklärte Willy Brandt, der am Vortag Kanzler der BRD geworden war, die Existenz der DDR als zweiter deutscher Staat zu akzeptieren und gleichberechtigte Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten aufzunehmen. Im November gaben die Puhdys ihr erstes Konzert.

Die Mondlandung als eine wahr gewordene Utopie

Zurück zum Westen: Am 9. August 1969 wurde Sharon Tate von der „Manson Family“ ermordet. Die Hippie-Gruppe, so stellte sich später heraus, hatte noch mehr Menschen umgebracht. Die Verbindung von Führerkult, Rassismus und Satanismus ekelte und faszinierte. Das offenbar bis heute. Quentin Tarantinos Film über die Mörderbande wird am 15. August in die deutschen Kinos kommen. Die Manson Family war keine Parteigründung, aber doch auch ein Beitrag zur damals diskutierten „Organisationsfrage“. Es entstanden nicht nur „Black Panthers“, „Marxisten Leninisten“, sondern auch Satanssekten. Ebenfalls überall auf der Welt.

Die Mondlandung vom 20. Juli war eine wahr gewordene Utopie – mehr ’68 ging nicht. Zugleich aber belegte sie den Erfolg des Systems, den Sieg der Nasa. Man konnte diese Leistung versuchen, kleinzureden, aber Mao Zedong hatte es sicher nicht weitergebracht als Neil Armstrong. Sie war ein Meisterwerk der „instrumentellen Vernunft“. Also in den Augen vieler auch ein Werk des Irrsinns der Epoche.

Ihn begannen wir erst zu begreifen, als uns klar wurde, was in Italien mit den Bomben vom 12. Dezember 1969 begann. Es war der immer wieder erneuerte Versuch von Geheimdiensten in und neben den Geheimdiensten, den Staat zu erschüttern und es Griechenland nachzutun und eine Diktatur zu errichten. Staatsterrorismus war damals an der Tagesordnung. Es waren nicht nur linke Terroristen, die Bomben bastelten. Staatliche Institutionen demokratischer Staaten verstanden sich auch gut darauf.

Dann war da der Vietnamkrieg. Die bedeutendste Militärmacht der Welt versuchte, ein kleines Land niederzubomben. Dass die USA sich dabei selbst zerstörten, schien der Regierung und den meisten Menschen des Landes zu entgehen. Am 16. März 1968 hatte eine Gruppe von US-Soldaten das Dorf My Lai eingenommen, die Frauen vergewaltigt und fast alle Bewohner des Ortes ermordet: 504 Zivilisten. Die amerikanischen Medien berichteten nicht darüber. Erst 14 Monate später gelang es dem Reporter Seymour Hersh, das Massaker publik zu machen, das die Verteidiger von Freiheit und Demokratie angerichtet hatten.

Die Geburt des Internets

Wir wurden damals gefüttert mit Bildern der Gewalt. Wir erkannten sie als die alles durchziehende Grundstruktur jeder Gesellschaft. Sie musste nicht mehr herausgekitzelt, nicht mehr provoziert werden. Sie lag offen zutage. Dank des Fernsehens lebten wir gleichzeitig überall. Wir sahen, wie Studenten des amerikanischen SDS („Students for a democratic Society“) beim Versuch, das Verwaltungsgebäude der Harvard University zu besetzen, zusammengeschlagen wurden, wir sahen die zerfetzten Leiber in der Mailänder Landwirtschaftsbank und die im Schlaf von Polizisten umgebrachten Militanten der Black Panthers. Wir erfuhren am 9. November vom Versuch eines Bombenanschlages auf das Jüdische Gemeindehaus Berlin durch die linksterroristische Gruppe Tupamaros West-Berlin.

Die gleichzeitige Gegenwart von allem war neu. Sie bestätigte unser Bild von der Welt, die unbedingt abzuschaffen war. Wir fühlten uns aber auch wohl in dem Bewusstsein, in einer solchen Welt zu leben. Zugleich waren wir überfordert. Tausend Einblicke ergeben nicht von selbst einen Überblick. Wir griffen zurück auf alte Schemata: den Klassenkampf, den Imperialismus.

Wir suchten hilflos nach neuen Begriffen für die neue Unübersichtlichkeit, in die wir gerieten – nicht, weil wir zu wenig, sondern weil wir zu viel wussten oder doch hätten wissen können. Wir wussten nichts von den Geheimgesprächen zwischen den USA und Nordvietnam zur Beendigung des Vietnamkrieges. Wir registrierten nicht, wie zwei Computer über ein Computernetzwerk am 29. Oktober über 500 Kilometer hinweg mit einander kommunizierten. Wir verschliefen so die Geburt des Internets, das so viel Übersicht schafft und zugleich unsere Welt verkompliziert. Heute beherrscht der Container den Welthandel. 1969 wurde Genua zum ersten Containerterminal des Mittelmeers.

Am 14. August lief in den bundesdeutschen Filmtheatern der Sergio-Leone-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ an: eine Frau gründet eine Stadt. Am Tag darauf beginnt im Staat New York das Woodstock-Festival. Auch eine Utopie: drei Tage lang kostenlose Konzerte, kostenlose Ernährung, kostenlose medizinische Versorgung und ein völlig unkontrollierter Drogenkonsum für eine halbe Million Menschen. Am Ende sind die Äcker verwüstet. Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld. Die realisierte Utopie ist die gescheiterte Utopie.

Der Literaturnobelpreisträger von 1969, Samuel Beckett, schrieb 1983: „Alles seit je. / Nie was anderes. / Immer versucht. / Immer gescheitert. / Einerlei. / Wieder versuchen. / Wieder scheitern. / Besser scheitern.“

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