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Er besaß auch den schönsten Schnauzbart, hier auf einer Aufnahme um 1874.

Fontane-ABC von Silke Scheuermann

Wann kommt die Poggenpuhl-Saga auf Netflix?

Wäre Fontane heute Blogger? Wie realistisch muss Realismus sein? Die Schriftstellerin Silke Scheuermann beantwortet die wichtigsten Fragen.

A wie Alter

Nicht mehr ganz so junge Autoren, die mit ihrem Debütroman kämpfen, werden gerne mit den Worten beruhigt, das sei nicht so schlimm. Auch der 1819 geborene Theodor Fontane habe schließlich erst in seiner zweiten Lebenshälfte damit begonnen, Romane zu publizieren und dann Werke wie „Irrungen, Wirrungen“, „Der Stechlin“, „Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find’t“ praktisch in Serie hingelegt. Das ist eine feine Aufmunterung für Spätberufene, die an Wochenend-Schreibseminaren teilnehmen, oder Achtundzwanzigjährige, die sich alt fühlen, wie ich eine war, als ich an meinem Romanerstling „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ herummurkste. Doch so ganz stimmt es natürlich nicht. Fontane hat nicht mal in seinen fünfziger Jahren eben so mal zur Feder gegriffen und angefangen zu erzählen, „An dem Schnittpunkt von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schraeg gegenueber ...“ (so der Beginn von „Irrungen, Wirrungen“, im Jahr 1888 in Buchform erschienen). Vielmehr hatte Fontane da bereits eine vierzigjährige Karriere als Journalist hinter sich, hatte Tausende von Seiten Reise- und Kriegsreportagen sowie mehr als 600 Theaterkritiken verfasst. Ganz abgesehen davon, dass er sich an Novellen versucht und ein heute kaum noch bekanntes vierbändiges Epos fertig gestellt hat. Kurz: Er war ein knallharter Profi und bereits fertiger Stilist.

A wie Apotheker

Meine Lieblings-Nebenfiguren im Fontaneschen Werk. Der gebürtige Apothekerssohn arbeitete selbst viele Jahre in diesem Beruf und schuf da ganz entzückende Porträts. Haben Sie mal ein Auge auf sie.

B wie Blogger

Ob Fontane, der seine Romane zuerst als Fortsetzungsstücke in Zeitungen veröffentlichte, heute als Blogger unterwegs wäre? Diese Frage wird gerade gern gestellt. Unwahrscheinlich, meines Erachtens, denn ohne Preußen und Berlin und seine Zeit wäre Fontane eben nicht Fontane und hätte nichts zu bloggen. Siehe Youtuber/in.

C wie Cécile

Eines der weniger bekannten von insgesamt sieben Prosawerken, die einen Frauennamen als Titel haben: „L’Adultera“, „Grete Minde“, „Stine“, „Frau Jenny Treibel“, „Effi Briest“, „Mathilde Möhring“ (unvollendet) und eben „Cécile“. Wie im wirklichen Leben: Es gibt Frauen, die jeder kennt, wie die Effi, und solche, von denen noch nie einer was gehört hat. Siehe Realismus.

D wie Disziplin

Preußische Tugend, die jedweder Autor, jeder Generation, sich besser heute als morgen antrainieren sollte. Siehe auch Preußen.

F wie Fleiß

Siehe Disziplin. Sprichwörtlich ist der Fontanesche.

F wie Frauenfiguren

Natürlich, sie sind größtenteils zu bemitleiden. Andererseits geht es mir mit den Männern genauso. Baron von Innstetten, der sich doch von seiner zweiten Ehe, von seiner Effi, so viel erhofft hatte und der die vielen dümmlichen Liebesbriefe seiner Frau an den Geliebten lesen musste. Der gezwungen wurde qua gesellschaftlichem Regelwerk, den Widersacher zu erschießen, und danach düpiert und als Mörder weiterleben musste ... Nein, hier sind alle Opfer.

G wie Grenzen

Es sind die engen Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft, innerhalb derer sich Fontanes Figuren bewegen, soweit es eben geht. Notfalls sieht das ziemlich verlogen aus. Hier liegen die Tragik und die Komik seiner Geschichten. Ich persönlich habe die Revolutionäre, die Ausbrecher beim Lesen des Öfteren vermisst. Hatte Lust, hier und da mal jemanden aus den Seiten zu ziehen, zu schütteln und anzubrüllen. Andererseits: Als ich mit „Wovon wir lebten“ meinen ersten eigenen dicken Gesellschaftsroman über einen Underdog schrieb – Marten Wolf, der, aus schlechten Verhältnissen kommend, durch harte Arbeit ebenso wie durch Glück und Zufall zum Fernseh-Starkoch avancierte – fiel mir auf, innerhalb welch enger Grenzen die Gesellschaft heute immer noch funktioniert.

Silke Scheuermann.

I wie Ironie, feine

Durchtränkt bei Fontane alles. Ansonsten wären seine Bücher heute schwer lesbar.

J wie Jenny

Meine Lieblingsfigur im Werk ist die bauernschlaue Jenny Treibel, die scheinheiligste weibliche Verkörperung des Bürgertums. Wie sie alle in ihrer Umgebung antreibelt, pardon, antreibt, um sie auf Kurs zu bringen, um das von ihr angestrebte Leben zu erreichen, ist einfach wunderbar zu lesen.

L wie Listen

Fontane liebte Listen. Für seine Bücher fertigte er Personen-Listen genauso an wie Listen von Interieurs, um damit seine Häuser zu möblieren. Heutige Historiker können sich auf seine Beschreibungen verlassen. Siehe Realismus, Schauplätze.

N wie Namen

Fontane war ein Meister der Namensgebung. Nur noch Thomas Mann gelang es auf vergleichbare Weise, in den Namen seiner Figuren schon ihre Persönlichkeit anzulegen. Die Poggenpuhls: eine Familie so zu nennen, was eine herrliche Idee! Für meinen Romanerstling „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ hatte ich mich zuerst bei Fontane und seiner Namensgebung orientiert, mich aber dann für das genaue Gegenteil entschieden, indem ich die Ich-Erzählerin namenlos ließ. Die Hauptperson sollte als Leerstelle durchs Leben treiben, ähnlich, wie es bei einem lyrischen Ich der Fall ist. Interessant für mich als Autorin, dass einige Kritiker ihr Namen gaben, Franziska etwa. Woran sie dabei wohl dachten, wen sie assoziierten?

N wie Netflix

Spannender als die Frage, ob Fontane heute für Netflix schreiben würde, wäre zu erfahren, wann Netflix endlich eine Serie über Jenny Treibel oder die Poggenpuhl-Familie startet. Ansonsten ist von Atwood bis Zola sowieso schon alles abgegrast.

P wie Perspektive

Fontane nutzte, entsprechend seiner Zeit, ausnahmslos den auktorialen Erzählstil. Das heißt, dass ein großer, allwissender Unbekannter scheinbar von außen her das Geschehene schildert. Keine übergroße Gefühlsduselei, keine langen Tiraden, wenn Effi, des Ehebruchs bezichtigt, von den Eltern verstoßen wird. Der Leser erlebt den Schock der Tatsache und darf sich selbst den Kopf zerbrechen, was Effi durch den Kopf ging. Meines Erachtens sollte der zeitgenössische Roman dies als Chance verstehen; manchmal ist die Lücke einfach mehr.

P wie Preußen

Mit den Worten von Effi Briests Vater an seine Frau ausgedrückt, die den bekannten Schlusssatz von „Effi Briest“ bilden: „Ach Luise, lass ... das ist ein zu weites Feld.“

R wie Räubergeschichten, polnische

Setzte Fontane auf Anfrage hin einmal als seine Nummer eins der Weltliteratur. Auch so lassen sich Grenzen der Konvention sprengen. Siehe Grenzen.

R wie Realismus

Ein heißes Thema, auch noch in der heutigen Literaturproduktion. Wie viel Wirklichkeit soll in den Roman? Wo befinden sich die Grenzen der poetischen Freiheit? Als meine Lektorin bei „Wovon wir lebten“ feststellte, dass es Edgar Allan Poes Erzählung „Die schwarze Katze“ zur betreffenden Zeit noch nicht als deutsche Tonaufnahme gab, sondern nur in englischer Sprache, und befand, ich sollte das im betreffenden Kapitel richtigstellen, fand ich das pedantisch und ohnedies unwichtig für das von mir Geschilderte. Dabei hatte sie es mit dem Realismus wohl einfach ernster genommen.

S wie Schauplätze

Und wenn es bloß das „ziemlich ansehnliche, im übrigen aber altmodische Haus“ ist, „dem auch ein neuer gelbbrauner Ölfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hätte“ – Fontanes Präzision ist und bleibt unübertrefflich. Wobei jede Beschreibung eben auch den gewissen Dreh hat, wie eine solche Überlegung, die bereits zur Einleitung ins äußerst praktische Denken der Frau Jenny Treibel dient, die in der Szene gerade dieses Haus betritt.

S wie Schnauzbart

Fontane besaß den schönsten Schnauzbart. Wenn man Schnauzbärte mag.

S wie Schreibtisch

Fontane besaß auch den schönsten Schreibtisch: edles dunkles Holz mit Aufsatz. Den schmalen Rand des Aufsatzes hat er mit  kleinen Skulpturen und Gebrauchsgegenständen dekoriert.

T wie Therapeuten

Gab es damals noch nicht.  Schade eigentlich. Eine Familienaufstellung der Poggenpuhls wäre doch eine feine Sache.

Y wie Youtuber/in

Wäre Fontane, der sich für alle Neuerungen der Technik seiner Zeit interessierte, heute vielleicht ein Youtuber? Siehe Blogger.

Z wie Zeitlos

So sehr Fontanes Prosa mit seiner Zeit verwoben ist, so zeitlos erscheint uns seine Lyrik . Das Gedicht „Überlass es der Zeit“ etwa, wo es heißt: „Erscheint dir etwas unerhört, / Bist du tiefsten Herzens empört, / Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit, / Berühr es nicht, überlass es der Zeit.“ Ein famoser Ratschlag und, naturgemäß, nicht nur für die Feiertage gültig!

Zur Person

Silke Scheuermann, 1973 in Karlsruhe geboren, hat in Frankfurt, Leipzig und Paris studiert und lebt heute als Lyrikerin, Essayistin und Romanautorin in Offenbach. Nach mehreren Gedichtbänden und dem Erzählungsband „Reiche Mädchen“ legte sie 2007 ihren ersten Roman „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ vor. 2016 erschien ihr von Charles Dickens’ „Great Expectations“ angeregter großer Gesellschaftsroman „Wovon wir lebten“. 2018 übernahm sie die Poetikdozentur an der Goethe-Universität in Frankfurt. Im März wurde ihr die Frankfurter Goethe-Plakette zugesprochen.

„Zweites Buch der Unruhe“ heißt ihr neuer Gedichtband und ist bei ihrem Verlag Schöffling und Co. für den Frühherbst angekündigt.

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