Die Moderatoren: Alan Bangs (4.v.l.) und Albrecht Metzger (vorn) am 6. Oktober 1979 bei einer Rockpalast-Nacht mit Southside Jonny and the Asbury Jukes in der Essener Grugahalle.
+
Die Moderatoren: Alan Bangs (4.v.l.) und Albrecht Metzger (vorn) am 6. Oktober 1979 bei einer Rockpalast-Nacht mit Southside Jonny and the Asbury Jukes in der Essener Grugahalle.

Musik

40 Jahre Rockpalast

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
    schließen

Vor 40 Jahren gab es in der Essener Gruga-Halle den ersten „Rockpalast“, der die Stars in die Provinz holte.

Als Roger McGuinn in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1977 bei der ersten Rockpalast-Nacht in der Essener Gruga-Halle mit seiner neu formierten Band Thunderbyrd auf die Bühne ging, hatte er seine große Weltkarriere schon hinter sich. Er war gerade 35 geworden, acht Jahre zuvor hatte er mit „The Ballad of Easy Rider“ einen Kultsong geschrieben, der das vermeintliche Lebensgefühl einer ganzen Generation repräsentierte. „All he wanted, was to be free/and that’s the way, it turned out be“. Das war in etwa das, wofür die Byrds standen, in der sich mit David Crosby, Gram Parsons, Gene Clark und Roger McGuinn gleich vier dominante Musiker mindestens so sehr im Weg standen wie sie miteinander harmonierten.

Die Byrds waren mit allem früh dran gewesen, aber Mitte der 70er Jahre schien das meiste vorbei zu sein, Weltruhm, Karriereknick und Drogenabstürze inklusive. Die Band Thunderbyrd, mit der McGuinn die erste von oft spektakulären 17 Rocknächten abschloss, war das erste Projekt, nachdem McGuinn einige Zeit mit der Rolling Thunder Revue verbracht hatte, eine hippieske Tournee, die Dylan nicht zuletzt dazu diente, das Bildmaterial für dessen Film „Renaldo & Clara“ zu liefern. Für Dylan wurde „Rolling Thunder“ die Blaupause für die spätere „Never ending Tour“, auf der sich der Literaturnobelpreisträger noch immer befindet.

Man muss das miterzählen, um zu verdeutlichen, in welchem rockgeschichtlichen Kontext hinein Peter Rüchel, der Erfinder des Rockpalastes, und die Moderatoren Alan Bangs und Albrecht Metzger aktuelle und frühere Rockstars in die nordrhein-westfälische Provinz nach Essen holten. Zwei der großen Stars der ersten Rocknacht sind längst tot. Der irische Temporocker Rory Gallagher hatte furios eröffnet, und das anschließende Konzert der amerikanischen Westküstenband Little Feat gilt heute als unvergessenes Konzertereignis, zumal es einer der letzten Live-Auftritte von Little-Feat-Sänger Lowell George war, der aus dem Umfeld von Frank Zappas „Mothers of Invention“ hervorgegangen war und der 1979 an den Folgen einer Hepatitis starb.

Der Rockpalast lud ein, und fast alle kamen

Johnny Winter, Greatful Dead, The Who, Peter Gabriel, Patti Smith, Van Morrison, Elvis Costello und die Kinks – der Rockpalast lud ein, und fast alle kamen. Einige hatten ihren Zenit schon überschritten – andere wie Sting und The Police – befanden sich erst am Anfang ihres bis heute nicht abgeschlossenen Beitrags zu einer Geschichte des Rock. Die popkulturell lange ausgezehrte deutsche Jugend nahm es dankbar an. Man stapelte Boxentürme in Jugendfreizeitheimen und sonstwo aufeinander, um die live im Radio und Fernsehen übertragenen Konzerte zu hören, feiern und mitzuschneiden.

Die Generation Revox ließ die Bänder laufen, und es ist gewiss nicht übertrieben zu sagen, dass der „Rockpalast“ in Ost und West einen beträchtlichen Anteil an der kulturellen Sozialisation der sogenannten 78er-Generation hatte. Dabei konnte man die stets am Anfang jeder Rockpalast-Show pathetisch vom Moderator Albrecht Metzger ins Publikum gerufene Eröffnung: German „television proudly presents“ nur ironisch als pophistorisches „Wir-sind-wieder-wer“ verstehen.

Irgendwann war es dann vorbei, und auch Bühnenhelden wie Roger McGuinn begaben sich auf andere Pfade. Nach einer etwas wirren Phase der Sinnsuche schien McGuinn ab Mitte der 90er Jahre etwas gefunden zu haben. Wie bei Bob Dylan mündete das jahrelange spirituelle Unterwegssein im Christentum, und wie Dylan widmete er sich der musikhistorischen Erschließung des Great American Songbook. Seit 1995 betreibt er den Folk Den, eine inzwischen als Webseite betriebene Sammlung traditioneller Folksongs, die McGuinn als Audiofile einspielt und als Text samt Entstehungsgeschichte zur Verfügung stellt. Der Folk Den ist eine Art mönchischer Dienst eines Rockstars, der sich selbst und allen, die es hören wollen, eine Erklärung dafür anbietet, woher all dieses Popzeugs kommt. Und selbstverständlich gehören auch die Konzerte der langen Rockpalast-Nächte in dieses große Archiv.

Kommentare