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Jürgen Kuttner gebürtiger Ost-Berliner des Jahrgangs 1958 ? in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg. Der Hörfunk-, Fernseh- und Theaterschaffende gründete nicht nur die Bolschewistische Kurkapelle, die er 1996 verließ, sondern auch die Ost-Taz.

Interview

25 Jahre durchgetrötet: die Bolschewistische Kurkapelle

Es gibt sie immer noch, heute sogar in doppelter Ausführung: die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot. Der Mitbegründer Jürgen Kuttner besinnt sich der Anfänge.

Es gibt sie immer noch, heute sogar in doppelter Ausführung: die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot. Sie spielte mit sozialistischem Liedgut und Anarchopunk in der Spät-DDR zum fröhlichen Untergang auf. Wir trafen den Mitbegründer, einstigen Manager und Ansager des Blasorchesters Jürgen Kuttner zum Gespräch.

Herr Kuttner, ein Vierteljahrhundert Bolschewistische Kurkapelle ? das ist beständig für eine Schnapsidee. Das war keine Schnapsidee, sondern von Anfang an ernst gemeint. Meine Faszination für die Blasmusik war echt und tief und begründet.

Sie waren mit Ihrer Faszination offenbar nicht allein.

Nein, die Kapelle war ja nicht einmal meine Idee. Das ging zurück auf Rolf Fischer, genannt Cello, und Stefan Körbel, die von der Liedtheatergruppe „Karls Enkel“ kamen. Wir wollten auf politische Weise politische Musik machen. Mit Hanns Eisler im Mittelpunkt.

Wurde der nicht auch ohne Sie hoch- und runtergedudelt in der DDR?

Das war doch eklig. Wie diese großartige Musik bei den offiziellen Veranstaltungen in der DDR funktionalisiert und gar nicht mehr zur Kenntnis genommen wurde. Wenn bei einer Mai-Demonstration Eisler gespielt wurde, dann immer vom Ensemble der Nationalen Volksarmee „Erich Weinert“. Immer schön uff-ta-uff-ta-uff-tata an der Honecker-Tribüne vorbei. Das endete ja dann immer bei Big Helga.

Sie meinen die Unterhaltungskünstlerin Helga Hahnemann? Das war doch eine politische Demonstration.

Eben. Am Schluss wurde immer Lebensfreude ausgeteilt. Erst die rote Fahne, dann Volksfest, Bockwurst und dufte Musik.

Spielen Sie ein Instrument?

Nein, deshalb sollte ich den Manager und Ansager machen. Der schöne Ansatz war, unterschiedliche Leute zusammenzubringen vom Juristen bis zum Friedhofsgärtner. Das war dann auch von den musikalischen Fähigkeiten her sehr heterogen. Wenn einer nur zwei Töne konnte, hat er eben „döp dop döp dop“ gespielt, kann auf einer Tuba schon was hermachen.

Wie reagierten die Behörden auf Ihre Initiative?

Wir waren nicht „anti“, aber auch nicht gerade staatlich gefeiert. Die FDJ-Bezirksleitung, der damalige Kultursekretär Rainer Börner, hat einen guten Teil dazu beigetragen, dass wir uns gründen konnten. Die haben uns 1000 Mark gegeben oder so was, dass wir Noten vervielfältigen konnten. Dafür hatten wir unseren ersten Auftritt bei irgend so einem FDJ-Bezirksleitungstagungskulturkonferenzdingsdabums in der Kongresshalle am Alex.

Klingt nicht so richtig nach einem mythischen Debüt.

Moment! Weil unser Name auf dem Programmzettel an irgendeiner Stelle doch kurzfristig auf Missfallen gestoßen war, saß da so ein dicker unwilliger Einlasser und musste fünfhundert- oder tausendmal mit einem Filzstift das „Bolschewistische“ durchstreichen. Wir waren kein FDJ-Blasorchester, wir sind auch in Kirchen aufgetreten oder in der Umweltbibliothek. Ich bewegte mich gern zwischen den verschiedenen Welten.

Wieso war „bolschewistisch“ so ein Reizwort?

Ich glaube, die waren eigentlich mehr wegen der Kombination mit „Kurkapelle“ und dem anarchistischen „schwarz-rot“ angepisst. Das ging denen zu durcheinander. Das war aber Programm. Wir haben das Einheitsfrontlied als Walzer gebracht – „Drum links, zwei, drei!“ – ging super, außerdem beschrieb das schön die Zustände in der späten DDR: Erich und Helga tanzen Walzer auf der Mai-Demo.

Wo Sie von verschiedenen Welten reden, Sie haben Ihre Neugier auf den Apparat ja durchaus ausgelebt. Schließlich haben Sie mit der Stasi zusammen gearbeitet.

Nicht zusammengearbeitet, sondern mich mit denen ein paar mal unterhalten. Ich weiß, das ist heute irgendwie problematisch, das zu sagen, aber ich finde diese Gespräche auch heute noch nicht so weltbewegend. Ich will das nicht kleinreden, aber es hat mich nicht weiter geprägt. Was mich politisch bewegt hat, war die Frage, gehe ich in die SED oder nicht. Ich dachte, wer was bewegen will, muss Verantwortung übernehmen. Das führte zu seltsamen Konstellationen. Weil ich immer gemeckert habe, wurde ich beim Künstlerverband dazu verdonnert, das Parteilehrjahr zu organisieren, was dazu führte, dass ein paar beinharte Genossen türknallend den Saal verließen.

Haben Sie sich mit solchen Aufgaben nicht unmöglich gemacht im Underground?

Quatsch. Wir haben immer mit Leuten zusammengearbeitet, die nicht zum Establishment gehört haben. Peter Wawerzinek mit seinen Sandkastensuhl-Lesungen oder Feeling B., die damals noch volle Lotte Punk gemacht haben, Aljoscha Rompe von Feeling B. kam zu uns und hat auf die Tube gedrückt, fand ich musikalisch toll, dass man das Blasorchester zu einer gewissen Härte kriegt so mit dem Druck eines Punk-Schlagzeugers. Nach der Probe war es allerdings immer ein bisschen schwierig, noch zusammen was trinken zu gehen, weil diese Typen von Feeling B. es idiotischerweise geschafft hatten, überall Gaststättenverbot zu bekommen. Es war nicht alles gut, damals.

Und heute?

Heute ist es anders, aber letztlich genau dasselbe. Ich versuche einfach so zu arbeiten, dass ich noch in den Spiegel gucken kann. Ich will meinen Kopf nicht beim Werkschutz abgeben oder bei irgendeinem Intendanten oder Chefredakteur. Wenn ich zum Beispiel mit Tom Kühnel am Deutschen Theater Peter Hacks oder Ayn Rand inszeniere oder bei den Schnipsel-Abenden in der Volksbühne nach den Zusammenhängen von Atomkraft und Atombusen, von radikalem Islamismus und deutschen Schlagern, von Karel und Gott frage, dann gibt es da eine Kontinuität, die bis in die DDR und zur Bolschwistischen Kurkapelle reicht.

Kein Grund zur Resignation?

Nö, nicht mal das.

Das Gespräch führte Ulrich Seidler.

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