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Idealbild einer starken Frau – oder Eigentum des Regisseurs? Uma Thurman als „Kiddo“ in Quentin Tarantinos „Kill Bill“.

Feminismus

„#MeToo wird das Lieben verändern“

Die Autorin Jagoda Marinic streitet für einen Feminismus, der nicht spaltet – ein Buchauszug.

Ich habe es längst zugegeben: Auch ich habe den Feminismus nie für meine Sache gehalten. Lange hielt ich dieses unangenehme Fordern für die Sache von Alice Schwarzer, die von Akademikerinnen und später von hashtagbegabten Campaignerinnen, die ihre Anliegen ruhig und eloquent, akademisch versiert vorzubringen wussten.

Doch es kommt der unerwartete Moment, in dem einem Strukturen das eigene Geschlecht widerspiegeln, wo man selbst noch dachte, es spiele hier nicht die geringste Rolle. Es kommt der Moment, da steht man im Berufsleben und bemerkt, dass man bei abendlichen Netzwerktreffen, die oft bis in die späten Abendstunden gehen, mit einer Reihe von Männern sitzt, während die Frauen der Kollegen zu Hause sitzen, Kinder kriegen oder Kinder hüten. Selbst wenn alle Gleichstellungspolitik dieser Welt auf dem Papier umgesetzt wäre, solange das Berufsheer der Männer eine Armee an Frauen in Reserve hat, die ihnen eine berufliches Junggesellenleben mit Familienanhang ermöglicht, so lange wird es für die Frauen nicht einfacher sein, sich den öffentlichen und beruflichen Raum im selben Maße zu erobern.

Den Aufstieg der Frauen werden nicht die Frauen allein richten und auch nicht die Frauenquoten. Es wird auch der Mann richten, der seine Frau stehen kann. Und ein Berufsleben, das in beiden Geschlechtern noch Menschen sieht und nicht Selbstverwirklichungsmaschinen.

Jagoda Marinic, 1977 in Waiblingen geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete deutsch-kroatische Schriftstellerin, Theaterautorin und Journalistin. Seit 2012 leitet sie das Interkulturelle Zentrum in Heidelberg.

Wenn die Frau im Berufsalltag etwas Bedeutendes ausrichten kann, dann vor allem eins: den Arbeitsmarkt und die Arbeitsweise zu revolutionieren. Bislang gibt es leichte positive Veränderungen, wenn Frauen führen, doch es gibt keinen grundlegenden kulturellen Wandel der Arbeitswelt, der mit mehr Frauen im Berufsleben eingesetzt hätte. Im Gegenteil: Die Selbstoptimierung der Frau gleicht zunehmend jener der Männer: optimal für den Arbeitsmarkt. 

Aus diesem Grund schrecken noch viele deutsche Frauen davor zurück, sich den Arbeitsmarkt anders zu erobern. Sie meinen, sie suchen sinnhafte Arbeit, dabei wollen sie sinnlose Arbeitsprozesse zugunsten von Leben vermeiden. Statt diesen Raum zu betreten und ein humaneres Arbeitsleben für beide Geschlechter zu fordern, ziehen viele sich zurück. Deutschland hat jedoch noch immer ein Beziehungsverständnis, in dem die Frau angehalten ist, den Mann nicht nach Hause zu zitieren, wenn er zu arbeiten hat. Ehegattensplitting und Halbzeitjobs haben das Ihre getan: Spätestens ab dem zweiten Kind gilt der Vater als Hauptversorger und Mama arbeitet für die Selbstverwirklichung oder weil Papas Gehalt nicht ganz reicht. Wenn Männer so viel verdienen, dass es reicht, haben Frauen schlechte Karten, das Ihre zu fordern oder ihn heim zu bitten.

Gleichzeitig haben sie sein Heim noch immer wie ein Nest warm für ihn zu halten. Ein alter Südländer sagte einmal zu mir, Günter Jauch ist ein ziemlich schlechter Ehemann und Vater: Der hat vier Kinder und sitzt so viele Abende im Fernsehen. Diese Version von Rabenmutter war mir in Deutschland noch nie für die Männerseite untergekommen.

Wie viel Präsenz darf man vom Vater erwarten, wenn er die Familie ernährt? Aber ja, warum eigentlich nicht einmal so fragen? Wie viele Rabenväter und Rabenmänner hat dieses Land? Und wie viele liebende und unterstützende? Die Debatte um #MeToo wird das Zusammenleben der Geschlechter verändern. Sie wird das Lieben verändern, wie sie unser Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit verändern wird. Sie sollte allem voran auch die Arbeitswelt verändern und wie diese in die Privatsphäre und das Menschsein zurückwirkt.

Der Moment, in dem #MeToo mich wirklich erreichte, war jedoch ein ganz anderer. Es war das Interview von der Kill-Bill-Darstellerin Uma Thurman. [Aber das erzähle ich gleich.] Natürlich, Uma Thurman hatte ihre Geschichte mit Weinstein, die den anderen in nichts nachstand. Doch sie hatte auch ihre Geschichte mit Quentin Tarantino – jenem Mann, der sie berühmt gemacht hatte. Diese Geschichte handelt nicht von sexuellem Missbrauch. Sie handelt von dem Moment, in dem er über ihren Körper verfügt, im Namen der Kunst – bis er diesen Körper in der Realität und für immer verletzte. Was Uma Thurman da anprangerte, war der Anspruch der Kreativindustrie, die Autonomie des weiblichen Körpers auszulöschen, ihn völlig zu beanspruchen, gerade dann, wenn er von Männern inszeniert wird, eingesetzt wie „sein“ künstlerisches Gut.

Auf die Frage, weshalb Thurman das mit sich hatte machen lassen, antwortete sie: Weil ich diese bewundernde Misshandlung für Liebe hielt. Nichts würde sich ändern, solange Frauen nicht lernten, anders geliebt zu werden, sagte sie.

Am Ende ihres Interviews hat etwas Klick gemacht. In jenem Moment, in dem Uma Thurman zugab, dass sie 47 Jahre brauchte, um Menschen, die sie schlecht behandeln, nicht als verliebt zu bezeichnen. Es war der erste Moment, in dem ich wirklich empathisch war mit einer der Frauen, die sich in die Bekenntnisse rund um #MeToo einreihten. Es wird sich alles erst dann ändern, wenn wir Frauen lernen, es nicht für Liebe zu halten, wenn wir schlecht behandelt werden. Diese Verbindung zwischen Grausamkeit und Liebe ist es, aus der wir herauswachsen müssten in eine neue Ära.

Ich habe also doch etwas mit Feminismus zu tun. Ich fragte mich, ob Frauen sich in diese respektvollen Männer überhaupt verlieben würden? Müssten Frauen nicht – neben der Frage danach, welches Verhalten ihnen das Gefühl gibt, geliebt zu sein –, die Frage danach beantworten, wie sie selbst lieben? In einem Theaterstück im Gorki-Theater Berlin sagt ein junger Schauspieler sinngemäß: „Ich wollte das gar nicht, dieses Herumvögeln, dieses Ausgehen, was ich wollte, war ein Mädchen, mit dem ich verbunden bin, aber das wollte man nicht von einem Mann.“

„Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land“ erscheint am 6. März im Fischer Verlag, 140 Seiten, 12 Euro.

Was wollen wir voneinander? Was haben wir gelernt und was müssten wir neu lernen, wenn wir eine Bewegung wie #MeToo hinter uns haben, oder besser: Vor uns? Das alles ist erst der Anfang. Schließlich ist #MeToo, mehr als alles andere, der Anfang eines gesellschaftlichen Gesprächs.

(...) Wir werden über Quoten reden müssen, weil auch die neuesten Gleichstellungsberichte zeigen, dass die Aufteilung der Macht weltweit nicht vorankommt. Es wird nicht gehen, ohne darüber hinaus zu denken. Wie lässt sich die Welt wirklich verändern? Wie wollen Frauen mit der Tatsache umgehen, dass Männer in der Berufswelt ebenfalls ausgebeutet werden? Es gibt nicht nur den mächtigen weißen Mann, es gibt den weniger mächtigen weißen oder schwarzen Facharbeiter, den Mann, der Nachtschichten arbeitet, seinen Körper abwirtschaftet. All das sind Männer, die von Frauen geliebt werden. Es ist bekannt, wie viele von ihnen im Alter von ihren Frauen gepflegt werden. Die Sorge um die Unversehrtheit des arbeitenden Mannes ist auch gleichzeitig die Fürsorge für die Pflegearbeit der Frauen.

Toxische Männlichkeit ist Weitergabe von männlichen Geschlechterrollen, die Männer in ihrem Mannsein vergiften.

Das Gift, das sie in sich aufstauen, versprühen sie weiter in ihrem Umfeld. Bilder falscher Stärke, die Unfähigkeit zu Tränen, der Zwang zur Überlegenheit.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen beschreibt, wie toxische Männlichkeit insbesondere dadurch entsteht, dass Männer im Familienleben aus dem Raum der Zärtlichkeit verdrängt werden. Die Liebe zwischen Frau und Mann weicht, oft nach der Geburt des Kindes, einer materiellen Versorgerrolle: Der Mann sorgt für die materiellen Bedingungen des Überlebens, die Frau verschiebt ihr Lieben in den Bereich des Mutterseins.

Einmal ist zu bedauern, dass die Frau sich im außerfamiliären Leben weniger einbringt, das wäre eine klassische feministische Perspektive. Doch es ist ebenso bedauerlich, den Mann nicht in diesem familiären Liebensdreieck Frau – Mann – Kinder gleichsam fest verankert zu sehen.

Ein Feminismus, der den Dialog zwischen Mann und Frau weiter vergiftet, ist kontraproduktiv. Beiden Geschlechtern muss daran liegen, mehr Menschlichkeit in ihrem Leben und Lieben zu verwirklichen. Bei Frauen heißt das derzeit: mehr Ich-Räume zu schaffen, bei Männern das Gegenteil: mehr Wir-Räume.

Der Feminismus derzeit scheitert daran, dass er für Frauen eine differenzierte Wahrnehmung einfordert und gleichzeitig für Männer nur noch ein Schlagwort lässt und somit suggeriert, das Patriarchat hätte es mit allen Männern gleich gut gemeint. Der Feminismus sieht es zu oft nicht als feministisches Problem, wenn Männer früher sterben, wenn ihre Suizid- und Gewaltraten zu hoch sind. Sie sehen zu oft nur die Folgen für die Frau. Doch diese Kommunikationsebene suggeriert eher Zerstörung statt Verbindung. Dabei ist bekannt, dass jene Länder, die derzeit als Vorzeigeländer der Gleichstellung gelten, es auch deshalb sind, weil führende männliche Politiker sich öffentlich outeten und klarstellten: „Ich bin Feminist!“ Die Reaktion der Frauen darauf kann nicht lauten: „Weg mit dir, alter weißer Mann! Wir sprechen für uns selbst.“

Für offene Debatten

Jagoda Marinic versteht „Sheroes“ als „eine Aufforderung zum Gespräch“. Es geht „um alle Menschen, die über Macht und Missbrauch, Liebe und Selbstbehauptung nachdenken wollen“. Deshalb hat sie an das Ende ihres Buches 50 Fragen, gestellt, gegliedert in drei Bereiche, über die es sich aus ihrer Sicht nachzudenken und zu diskutieren lohnt. Hier eine Auswahl:

1. Für den Alltag

Wann hatten Sie das Gefühl, der Haushalt sei Ihre Aufgabe? Wer von Ihnen geht davon aus, dass er mit dieser Frage gemeint sein könnte? Wenn nur einer von beiden das tut, warum ist das so? Und seit wann? 

Wenn Eltern alt und krank werden, wer fühlt sich zuständig? Finanziell? Emotional?

Wenn Sie Kinder haben, wünschen Sie sich, dass die Kinder ihren eigenen Rollenbildern entsprechen? Wann sind Sie stolz auf Ihre Kinder und wie zeigen Sie das einer Tochter und wie einem Sohn? Erkennen Sie Verhaltensweisen, die Sie schon bei Ihren Eltern klischeehaft fanden und die Sie dennoch weitergeben, weil es eben so ist?

2. Für die Berufswelt

Gibt es eine #MeToo Geschichte, die Sie besonders berührt hat? War Ihr erster Impuls, mit den Frauen, die Ihre Geschichte erzählten, mitzuempfinden oder hätten Sie sich wohler ge-fühlt mit der Information, ein Angeprangerter sei angezeigt worden?

Wenn Sie eine Führungsposition innehätten, würden Sie aufgrund der Debatten etwas an Ihrem Führungsverhalten ändern? Gibt es an Ihrem Arbeitsplatz einen Umgang mit dem Thema #MeToo? Haben Sie je sexuellen Missbrauch eines Mächtigeren beobachtet?

Glauben Sie, dass viele Männer den beruflichen Aufstieg der Frauen als Bedrohung emp-finden? Wären Sie eher bereit, Frauen zu unterstützen, wenn Sie älter wären und einen großen Teil ihrer Karriere bereits hinter sich hätten, so dass Sie andere Prioritäten setzen?

3. Für das Nachtgespräch

Was würden Sie als Stärke bezeichnen? In einer Frau? In einem Mann? Gibt es überhaupt Unterschiede?

Wann bedroht Sie Stärke? In einer Frau? In einem Mann? Zeigen Sie das? Wenn ja, wodurch? Bewerten Sie das? Wenn ja, wie? Suchen Sie die Nähe solcher Menschen oder halten Sie lieber Abstand?

Wie trennen Sie die Debatten um Macht und #MeToo von den Debatten um Macht und all-täglichem Kampf zwischen Liebenden?

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