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Theodor Fontane an seinem Schreibtisch (Foto um 1895).

Fontane-Jahr

„Theodor Fontane nahm die Talkshow vorweg“

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Über das Doppelleben des Dichters Fontane als Regierungsmitarbeiter, Stimmen-Sammler und Faktenerfinder.

Herr D’Aprile, Theodor Fontane erklärte selbst, er leime seine Romane zusammen. Zu Fontanes Zeiten wurde der Journalist in Karikaturen gerne gezeigt, wie er seine eigenen Artikel aus fremden zusammenleimt.
Damals entstanden die internationalen Nachrichtenagenturen. Zunächst als lithographierte Korrespondenzen – eine Vervielfältigungstechnik, die den Drucksatz ersparte. Eine solche Agentur gründet Fontane in den 50er Jahren in London. Diese Korrespondenzen waren wirklich oft nichts als Ausschnitte aus englischen Zeitungen, die dann erst in der Redaktion in Deutschland zu Artikeln verarbeitet wurden.

Paste and Copy!
Einige dieser Korrespondenzen haben sich erhalten. Das sind große Bögen mit Ausschnitten aus englischen Zeitungen, am Rand ein paar eigene Bemerkungen des Korrespondenten. Diese Bögen gingen per Post nach Berlin, Köln usw. Ab 1848 entstanden die ersten telegrafischen Büros. Das waren aber – Telegrafie war teuer – nur Kurznachrichten. Twitter!

Fontane war im Auftrag der preußischen Regierung nach London gegangen. Das sollte keiner wissen.
Angeblich schrieb er als Privatmann und er war Besitzer der Agentur. In Wahrheit aber war er OM. Offiziöser Mitarbeiter. Fontane wurde vom preußischen Staat bezahlt, auch die Agentur wurde vom Staat bezahlt. In nicht-öffentlichen Äußerungen ging Fontane erstaunlich aufrichtig mit seinem beruflichen Doppelleben um. In Briefen zum Beispiel bekannte er, dass man ihn zurecht einen „Regierungsschweinehund“ nannte.

Heiner Müller, der die Stasi informierte, reizte wohl das Gefühl eines Doppellebens.
 Das war bei Fontane nicht anders. „Immer zwischen den Stühlen“, „immer im Verborgenen“ schreibt er. In seiner Autobiografie projiziert er das in seine Kindheit und spricht da schon von seiner Versteckspielerpassion.

Er ist nicht nur aus finanzieller Not dahin geraten, sondern diese Rolle gefiel ihm auch.
Über das Warum seines politischen Seitenwechsels 1849/50 streitet sich die Fontanegemeinde. Ich glaube, eine zentrale Rolle spielte der Bankrott der Familie. Er überlegte auch, nach England oder in die USA zu emigrieren. Daneben gab es für ihn immer die Flucht in die Krankheit. Aber er hat sich sehr gut in seine Doppelrolle eingelebt. Der preußische Staat sah das wohl auch so. Denn Fontane erhielt, auch nachdem er aus dem Staatsdienst ausgetreten war, bis zum Lebensende jeden Monat 400 Taler. Damit konnte er Miete und Heizung bezahlen. Ein freier Autor war Theodor Fontane nie. Kritische oder auch nur anstößige Kommentare gibt es bei Fontane in keinem einzigen Artikel. Dergleichen kommt bei ihm nur in Erzählungen und Romanen vor.

Ein Agent ist gezwungen, die Welt aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Hat das Fontane gereizt?
Das ist ein bei ihm durchgängiges Motiv. Er war ja ein Stimmensammler. Das macht ihn so interessant. Er war das nicht nur als Korrespondent – er wertete täglich bis zu 40 Tageszeitungen für die preußische Regierung aus –, sondern auch als Romancier. Den „Stechlin“ beschreibt er als einen Roman, in dem die Dialoge die Personen und die Geschichte beschreiben.

Es lebe der O-Ton!
Fontane hatte vor – es blieb leider beim Entwurf – einen Roman zu schreiben ausschließlich entlang von aktuellen Zeitungsschlagzeilen. „Erreicht“ sollte er heißen. Der Untertitel war „Ein Roman ohne Romantik“.

Eine wunderbare Idee für einen Fortsetzungsroman. Wenn man mich ließe, so etwas würde ich sofort machen.
Fast alle Romane erschienen damals zuerst in Zeitungen und Zeitschriften als Fortsetzungsromane. Selbst Tolstois „Krieg und Frieden“! Dickens hatte eine richtige Romanfabrik, in der zeitweise bis zu acht Autoren arbeiteten. Die schrieben weiter, wenn die Sache sich gut verkaufte und führten die Story schnell zu einem Ende, wenn sie nicht lief. In Deutschland arbeitete Eugenie Marlitt ganz ähnlich. Bei Fontane lagen die Bücher fertig vor, wenn sie in den Zeitungen erschienen. Aber natürlich portionierte er sie im Hinblick auf den späteren Druck in Fortsetzungen. Cliffhanger spielten eine wichtige Rolle.

Er schrieb erst das Buch und verkaufte das fertige Manuskript?
Nein. Er machte Entwürfe und bot die den Redaktionen an. Wenn die nicht anbissen, schrieb er das Buch nicht. So war es auch mit „Effi Briest“ – er hat den Stoff jahrelang vergeblich angeboten. Wenn die Herausgeber ihr Interesse bekundeten, schrieb er das Buch. Dabei war er immer wieder in Kontakt mit der Redaktion. Er achtete sehr darauf, dass, was er schrieb, auch zum Profil der Zeitschrift passte, für die es gedacht war. Das war ein ständiger Aushandlungsprozess.

Er unterschied „mit-und-Romane“ von „ohne-und-Romane“.
Ein altmodischer Roman, der sich an den Chronikstil anlehnt, hat viele „und“. Wie „Grete Minde“ oder „Ellernklipp“. Gegenwartsromane brauchen weniger „und“. Die modernen Romane sind mehr Dialogromane. Der Autor schafft das Setting und bewegt darin die Figuren hin und her, lässt sie reden. Loslabern. Das ist das Fontaneprinzip.

Eine Talkshow?
Auf jeden Fall. Wenn man so will, nimmt Fontane in seinen Romanen zwei populäre Unterhaltungsformate vorweg: die Vorabendserie und die Talkshow. Im „Stechlin“ mit den einhundert Figuren, die in Fünfergruppen in immer neuen Gesprächsrunden zusammengeführt werden und dann wieder auseinander gehen, wird das Talkshow-Moment geradezu perfektioniert.

Eine Talkshow ohne Moderator.
Das war sein Programm: ein zurückhaltender, beobachtender und „lernender“ Erzähler. Aber durchgehalten hat er es nicht. Der Erzähler ist doch immer wieder präsent. Der Autor verschwindet nicht. Jeder Fontane-Roman ist unverkennbar Fontane.

Fontane beschreibt in seiner Autobiografie sein Einstellungsgespräch in der „Kreuzzeitung“. Diese Schilderung ist frei erfunden. Verwechselt der Realist Fontane da Fiktion und Wirklichkeit?
Das geschieht im Genre der Autobiografie. Das bewegt sich auf der Grenze von Fiktion und Faktizität. Der erste Band „Meine Kinderjahre“ trug sogar ausdrücklich den Untertitel „autobiografischer Roman“. Das Begriffspaar Faktizität – Fiktionalität spielt eine wichtige Rolle bei Fontane. Er dachte viel darüber nach. An einem der englischen Magazine, die sich der alte Fontane regelmäßig aus London schicken ließ, faszinierte ihn besonders das Motto „Truth is stranger than fiction“.

Wie schreibt man ein Buch über Fontane? Er hat zehntausende Seiten geschrieben, dazu gibt es zehntausende Bücher und Aufsätze über ihn.
Vor zweieinhalb Jahren habe ich mit dem Verlag überlegt, ob man nicht zum Fontane-Jahr, er wurde am 30. Dezember 1819 geboren, mal ein anderes Buch über Fontane schreiben könnte. Über ein Jahr habe ich dann erst einmal nur gelesen. Mit dem Blick darauf, was würde mich selber interessieren, was ist heute interessant? Manchmal verlief ich mich in Kontexten, die ich am Ende hinauswerfen musste.

Zum Beispiel?
Marie Dähnhardt (1818-1902). Sie finanzierte die aufmüpfigen, atheistischen Junghegelianer, die sich im Kreis der „Freien“ zusammenfanden, zu dem der junge Fontane Kontakte hatte. Ihr Mann und Partner Max Stirner – der Cheftheoretiker des Egoismus „Mir geht nichts über Mich“ – brachte ihr Vermögen durch. Sie ging nach England und Australien...

Iwan-Michelangelo D’Aprile hat an der Universität Potsdam eine Professur für Kulturen der Aufklärung.

Zurück zu Fontane, bitte.
Da sehen Sie, wie verlockend die Abschweifungen in diesem Buch sind. Eineinhalb Jahre also Lektüre und Konzeption. Es geht mir ja sehr um die schriftstellerische Praxis Fontanes. Darum spielen die nicht-geschriebenen Bücher eine große Rolle in dem Buch.

Konzeption? Was haben Sie sich da überlegt.
Nach einem Jahr war die Struktur klar: die drei Lebensphasen Fontanes: Apotheker, Journalist, Romancier. Jede mit drei Kapiteln. Außerdem wollte ich in jedem Kapitel auch ein systematisches Feld bearbeiten: Literatur und Pharmazie, Eisenbahn und Literaturszene des Vormärz, Revolution und Balladendichtung, Journalismus, modernes Theater usw. 

Es ist ein schönes Buch geworden. Ein schön erzähltes noch dazu.
Danke. Das war mir auch wichtig. Bei allen Kontexten sollte es einen erzählerischen Faden haben. Das Kapitel drei „Bankrotte und Erbschaften“ beginnt mit dem Satz „Anfang Oktober 1849 trifft bei Bernhard von Lepel ein vom 5. des Monats datierter Brief seines Freundes Theodor Fontanes ein.“ Dieses Erzählmittel habe ich mir aus Fontanes Romanen abgeguckt. Auch die von ihm geschätzten „Introduktions-Anekdoten“, die ich meist nutze, um eine unbekanntere literarische Arbeit Fontanes vorzustellen. Ich möchte aber auch durch Fontane hindurch ein Epochenporträt liefern. In einem der ersten Gespräche mit dem Verlag sagte ich: Ich lese Fontane mit Osterhammels Augen auf die „Verwandlung der Welt“.

Sie zitieren einen Aufsatz Fontanes über die englische Presse. Fontane weist daraufhin, dass es wenig Sinn mache, die englischen Zeitungen nach ihrer politischen Gesinnung zu unterscheiden. Erhellender sei ein Blick auf ihre Anzeigen. Mit dieser Zielgruppenorientierung war die britische Presse der kontinentalen weit voraus.
Aber Ende des 19. Jahrhunderts machte dann bei der „Vossischen Zeitung“ der Anzeigenteil bereits zwei Drittel des Umfangs aus. Das sind Entwicklungen, die einem sehr aktuell vorkommen.

Diese Zeiten sind heute – leider – vorbei.
Das stimmt. Heute weiß niemand mehr, was aus Tageszeitungen werden wird. „Überparteilichkeit“ war damals definitiv kein Kriterium für Zeitungen. Eine unabhängige Presse lebte von den Einnahmen, also war sie eine käufliche Presse. So sahen das die sozialdemokratischen Kapitalismuskritiker. So sah das die preußische Regierung. Die beauftragte Fontane, englische Zeitungen für preußenfreundliche Berichterstattung zu bezahlen.

Und Fontane?
Der hatte die Erfahrung gemacht, dass die freie Presse Leserinnen und Leser verlor, wenn sie gar zu einseitig berichtete. Das Geschäft mit der Bestechung klappte darum in Großbritannien nicht. In seinen Bericht für die Regierung schrieb Fontane, dass der einst seriöse „Morning Chronicle“ in kürzester Zeit im öffentlichen Ansehen gesunken sei, nachdem er seine Spalten verschiedenen Regierungen, auch der preußischen, gegen Geld geöffnet hat. Tatsächlich ging der Chronicle zwei Jahre später pleite.

Die Presse als Teil der Unterhaltungsindustrie. Journalist und Romancier betrieben dasselbe Gewerbe?
Fontane war eher der Meinung, die Presse müsse in Preußen erstmal im Stadium der Unterhaltung ankommen. Das war ja die große Leistung des britischen Journalismus: die Leser lasen die Zeitungen gerne. Unterhaltung war weder für den Journalisten noch für den Autor Fontane etwas Negatives.

Interview: Arno Widmann

Zu Person und Buch

Iwan-Michelangelo D’Aprile, als Sohn einer Berlinerin mit hugenottischen Vorfahren und eines Süditalieners aus Apulien 1968 in Kreuzberg geboren, hat an der Universität Potsdam eine Professur für Kulturen der Aufklärung. Er hat zum 18. Jahrhundert veröffentlicht, zur Geschichte des Journalismus, über die Brandenburger Aufklärung und Berlin.

„Fontane – Ein Jahrhundert in Bewegung“ (544 Seiten, 28 Euro) erschien Ende 2018 im Rowohlt-Verlag.

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