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Ein ISIS-Gefängnis in Hassaka, Syrien.

„Islamischer Staat“

Wie mit IS-Rückkehrern umgehen? Schneller sein als radikale Islamisten

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Die Rückkehr der IS-Terroristen erfordert Strategien der De-Radikalisierung und Prävention.

Ihr Aufnahmeritual in die Terrormiliz IS haben ehemalige Kämpfer oft sehr ähnlich geschildert: Junge Rekruten bilden auf dem Dorfplatz einen Kreis, um sie herum stehen bewaffnete bärtige Männer. Es sind erfahrene Kämpfer, die das Ritual beobachten. Ein Neuer nach dem anderen tritt in die Mitte des Kreises und schwört „dem Kalifat“ des „Islamischen Staates“ (IS) die Treue. 

Darauf zerreißt er vor aller Augen seinen europäischen Reisepass und wirft ihn in ein Feuer. Symbolisch wurde die alte Identität ausgelöscht, um eine neue anzunehmen, eine Handlung, die Ethnologen Übergangsritus nennen, Rite de Passage. 

Terrormiliz IS in Syrien und im Irak weitgehend zerschlagen

In diesem Fall bedeutet sie: „Ab jetzt sind wir Teil des ‚Islamischen Staates‘, unsere Vergangenheit spielt keine Rolle mehr. Jetzt sind wir lebende Märtyrer, bereit für das Kalifat unser Leben zu opfern, bereit zu kämpfen, zu töten und Befehle auszuführen. Länder, in denen wir geboren wurden und aufgewachsen sind, sind nun unsere Feinde.“

Die grausame Herrschaft der Terrormiliz IS in Syrien und im Irak ist inzwischen weitgehend zerschlagen, der selbst ernannte Kalif Abu Bakr Al-Baghdadi wurde von US-Soldaten getötet. Ein paar Hundert deutsche IS-Terroristen mit Kindern und Frauen drängt es nun zurück in ihre Heimat, andere sollen abgeschoben werden. Wer die Irrfahrt in den Terror überlebte, landete in der Regel in kurdischen Gefangenenlagern. Dort beteuerten viele, dass sie bereuen. Sie seien verführt worden, hätten keine Ahnung gehabt, von nichts gewusst. 

Insbesondere Frauen behaupten, sie hätten beim IS nur gekocht, Kinder geboren, fromme Bücher gelesen und Einheimischen Hilfe geleistet. Einige geben Interviews und erklären, ihre Lektion gelernt zu haben. Sie haben Schlimmes gesehen, sind desillusioniert und glauben nicht mehr an den Dschihad. In Deutschland, nur in Deutschland wollen sie ihre Haftstrafe absitzen. Auf Videos lassen sie ihre Eltern grüßen, die oft über Jahre im Ungewissen waren, ob Sohn oder Tochter noch leben.

IS-Rückkehrer ziehen eine Haftstrafe in Deutschland vor

Eine Haftstrafe im demokratischen Rechtsstaat ziehen sie allemal den Anstalten in Syrien oder dem Irak vor, und sie wissen, wovon sie reden. Die Gesellschaft jedoch kann nicht wissen, was sie wirklich fühlen, glauben und denken.

Ich bedauere es, dass Deutschland nicht wie Großbritannien verfahren ist, und die Terroristen kurzerhand wegen Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung ausgebürgert hat. Immerhin jedoch droht künftig Mitgliedern von Terrormilizen die Entlassung aus der deutschen Staatsbürgerschaft, sofern sie im Besitz eines weiteren Passes sind.

Tatsache ist, rein rechtlich muss das Land diese Terroristen zurückholen, da sie deutsche Staatsbürger sind. Und wer wird nicht die Eltern verstehen, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihre Kinder und die ihnen meist unbekannten Enkelkinder nach Hause zu holen? Doch wie sollen Leute lernen, dass ihre fatalen, mörderischen Entscheidungen und ihr hochgradig unethisches Handeln Konsequenzen mit sich bringen, wenn man sie einfach so wieder aufnimmt?

Kaum Beweise für die Taten der IS-Rückkehrer

Es gibt vielleicht ein Verfahren, man hat aber fast keine Beweise für die Taten, die sie im Ausland begangen haben. Eventuell sind sie ein, zwei Jahre in Haft. Und dann? Alles wie immer, fast als wäre nichts geschehen. Deshalb bin ich im Grunde dagegen, diese Menschen nach Deutschland zurückzuholen. Es ist auch nicht sinnvoll, sich hier von der Türkei abhängig zu machen, die sie hierher zurückschicken will – und die doch dieselben Leute damals die Grenze Richtung IS passieren ließ. Jetzt will die Türkei „kein IS-Hotel“ sein. Verständlich. Doch auch ihrem Abschiebegestus fehlen im Prinzip die Konsequenzen für vergangenes Handeln.

Der Autor

Ahmad Mansour, Jahrgang 1976, ist arabischer Israeli und lebt seit 2004

in Berlin. Er ist Diplom-Psychologe und arbeitet seit Jahren in Projekten,

die sich im Kampf gegen Extremismus engagieren. So begleitet Mansour Familien mit radikalisierten

Jugendlichen, verurteilten Terroristen und Aussteigern. Mansour erhielt u.a. den Moses-Mendelssohn-Preis und den Carl-von-Ossietzky-Preis.

Sein Buch „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“ ist 2018 im S. Fischer Verlag erschienen (304 S., 20 Euro).

Das internationale Recht sieht die Verantwortung für strafrechtliche Verfolgung bei den Staaten, in denen Straftaten verübt würden. Wer als Deutscher in den USA eine Straftat begangen hat, muss in den USA angeklagt werden und wird im Fall einer Verurteilung dort belangt. Anders verhalten sich Syrien oder der Irak, und so blieb die Politik fast monatelang unentschlossen, wie sie mit den deutschen Terroristen verfahren soll. Die offizielle Version des Außenministeriums lautet: Da Deutschland derzeit keine diplomatische Vertretung in Syrien habe, sei eine Rückholung rechtlich und logistisch nicht möglich. Einen Plan B scheint es gleichwohl nicht zu geben.

Nun sind die ersten abgeschobenen Rückkehrer hier – andere kamen schon längst von allein. Und was wird nun mit den Überstellten passieren? Was, wenn noch Dutzende mehr kommen? Gegen die meisten reichen die Beweise für ein Verfahren nicht aus. Nirgends im Terrorgebiet konnten Ermittler aus demokratischen Rechtsstaaten tätig sein. Es waren Regionen der Gesetzlosigkeit. 

Dutzende Frauen beim IS

Mir sind Dutzende von Frauen bekannt, die beim IS waren. Viele waren sogar mit ihren Kindern ausgereist, oft angelockt vom Versprechen, „reine“, religiöse Heldenmänner zu finden. Viele sind seit Monaten oder Jahren zurück und konnten nie angeklagt werden. Glauben die Staatsanwälte ernsthaft, dass sich die Frauen im Terrorsystem des IS nur um Kinder, Küche, Koran gekümmert haben? Ihre Rolle für Propaganda und Rekrutierung wird meist schlicht unterschätzt. Ebenso die Beharrlichkeit, mit der sie ihre Ideologie oft noch immer an ihre Kinder weiterreichen.

Die Gefahr wird nicht von allein verschwinden. Gebraucht werden deshalb gute psychologische Begleitprogramme, insbesondere für die Kinder der deutschen IS-Rückkehrer. Sie dürften fast durchweg traumatisiert sein und damit umso empfänglicher für die Schwarz-Weiß-Ideologien ihrer Eltern. Hier halte ich eine zeitlich begrenzte Trennung von den Eltern am Anfang für absolut sinnvoll. 

Schulung im Umgang mit Kindern von IS-Rückkehrern

Danach muss überprüft werden, ob sich eine Rückkehr zur Familie auf die Entwicklung und Behandlung der Kinder hilfreich oder eher kontraproduktiv auswirkt. Besonders kommt es in diesem Kontext auf die Kompetenz der Mitarbeiter in Jugend- und Sozialämtern, der Familienrichter, der Erzieher und Lehrkräfte an. Sie müssen unbedingt geschult werden im Umgang mit solchen Familien, um zu verstehen, welches destruktive Potenzial die Rückkehrer haben können.

Die Zusammenarbeit deutscher Behörden mit internationalen Nachrichtendiensten sollte intensiv betrieben werden, um zu ermitteln, welche Taten die Rückkehrer während ihrer Zeit beim IS verübt haben, auch mittels Zeugen aus Syrien und dem Irak.

Zielgerichtete Programme zur Deradikalisierung sind in nur wenigen Bundesländern zu sehen. Sie müssen professionalisiert aufgebaut werden und verschiedene Stellen miteinander vernetzen, damit sie die Rückkehrer psychologisch begleiten, die Ursachen für ihre Radikalisierung erkennen, reflektieren und den Tätern die Möglichkeit geben, sich durch Hinterfragen, begleitetes Entdecken und Reflexion von ihrer Ideologie und ihren Taten zu distanzieren. 

IS-Aussteiger unterstützen

Auch in der Phase nach einer Haft braucht es die Zusammenarbeit von Polizisten, Richtern, Sozialarbeitern, Psychologen und möglicherweise auch von Familienangehörigen, um Prozesse der Deradikalisierung weiter zu begleiten und Aussteigern zu helfen.

Präventiv muss man besonders im Strafvollzug alle Inhaftierten vor dem negativen Einfluss solcher Rückkehrer und einer etwaigen Missionierung schützen. Besuche islamischer Geistlicher sind hierfür keine Lösung, sondern es bedarf pädagogisch geschulten Personals, das Vertrauen zu den Inhaftierten aufbauen und Themen beleuchten kann, welche normalerweise für die Missionierung eingesetzt werden.

Alternativen bieten, Denkanstöße geben, den Menschen dadurch einen kritischen Umgang mit Islamismus ermöglichen und sie so vor Manipulationen immunisieren. Darauf kommt es an. Ganz nach dem Motto „Schneller sein als die Radikalen“. Es wird Zeit, die Augen aufzumachen. Wegsehen kann fatale Folgen haben.

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