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Sehnsuchtswort Sicherheit: Flashmob gegen BP als Sponsor des British Museum in London.

Haus der Kulturen

Die in die Irre führende Sehnsucht nach Sicherheit

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Die Wissenschaft, die erfunden wurde, uns zu helfen bei der Orientierung in der Welt, reißt immer mehr der uns Geborgenheit suggerierenden Grenzen ein. Eindrücke von einer Berliner Veranstaltung.

Ein großer verdunkelter Saal. Es dauert einen Moment, bis ich etwas sehe. Einhundert bis einhundertfünfzig Menschen im Raum. Mehr als die Hälfte davon liegen auf dem Rücken. Ich denke den Bruchteil einer Sekunde an Jeff Walls „Dead Troops Talk“, das computergenerierte Foto einer erfundenen Szene aus dem Afghanistan-Krieg der achtziger Jahre, ein modernes Historienbild. Dann glaubt mein Körper sich in einem stummen Rockkonzert. Jetzt, halbwegs zu mir gekommen, blicke ich nach oben, dorthin, wohin die meisten sehen. Aber an der Decke ist nichts.

Vorne steht eine große Leinwand, auf der jetzt nur ein Standbild zu sehen ist. Die Zuhörer liegen nicht, weil sie in Trance versetzt wurden. Sie liegen, weil es für Menschen, die kein Yoga machen, schwierig ist, eine Stunde oder gar länger aufrecht auf dem Boden zu sitzen. Vorne, links von der Leinwand, sitzen zwei Männer und eine Frau auf Holzböcken, auf die auf Flohmärkten erworbene Bretter gelegt werden, um Verkaufsflächen zu haben.

Sie stellt sich neu, die Frage unserer Individualität

Es sprechen nur die drei. Meine Augen haben sich an das Dunkel gewöhnt. Ganz hinten gibt es Stufen. Ich setzte mich auf eine von ihnen und höre zu. Ich bin in „Lebensformen – Life Forms“, einer dreitägigen Veranstaltungsreihe des Berliner Hauses der Kulturen der Welt. Da vorne lehnen an ihren Böcken mehr als sie auf ihnen sitzen der Musikwissenschaftler Gary Tomlinson, der Wissenschaftshistoriker John Tresch und die Künstlerin Jenna Sutela. Letztere hat ein Video gezeigt, das, so der Prospekt der Veranstaltung, generieren sollte „eine fremdartige, audiovisuelle Poesie aus den Sprachmustern von Bakterien, die sich an extreme Umweltbedingungen angepasst haben.“

Worum geht es? Wir reden vom Anthropozän, weil wir uns gerade – sehr zu unserem Nachteil und dem der Erde insgesamt – bemühen, eine eigene geologische Epoche zu prägen. Im gleichen Anthropozän, das die alles überwältigende Macht des Menschen markiert, zeigen uns immer mehr Wissenschaften, dass die Menschen so exzeptionell nicht sind, wie wir dachten, wie uns in unseren Schulen beigebracht wurde und wohl immer noch wird. Die menschliche Sprache zum Beispiel mag einzigartig sein, aber das ist die der Bienen auch. Der in Atlanta arbeitende niederländische Primatologe Frans De Waal stellt 2016 in einem Buch endlich die Frage, die zu stellen immer wieder vergessen wurde: „Are we smart enough to know how smart animals are?“ („Sind wir schlau genug, zu erkennen, wie schlau Tiere sind?“).

Für die drei Diskutanten hier im Dunkel dieser Höhle, zu der das Haus der Kulturen der Welt heute wird, ist die Sache klar: Wir sind es nicht. Aber wir werden immer besser darin, zu erkennen, wie andere Lebensformen sich verständigen, wie sie sich bekriegen, wie sie sich vermehren und wie sie einander mögen und wie sie das zeigen.

Aber die drei sind noch radikaler. Sie fragen sich, ob die bisherigen Definitionen von Leben nicht obsolet werden, angesichts von künstlich erzeugten lernenden Systemen. Worin unterscheidet sich das Lernen von Computersystemen vom menschlichen? Es ist schneller. Es verarbeitet mehr Informationen. Noch hapert es allerdings bei der Verknüpfung von Logik und Emotion. Der neueste Roman des englischen Autors Ian McEwan, „Machines Like Me“, wirft die Frage auf, ob eine Maschine das menschliche Herz begreifen kann, oder ob wir die sind, denen es an Verständnis fehlt.

Was heißt hier Verständnis, was heißt Emotion!, empört sich meine Biologielehrerin, die in meinem Gedächtnis noch sporadisch auftaucht. Dieses Gewirr von Drähten und Schaltkreisen fühlt doch nichts!, sagte sie vor mehr als fünfzig Jahren, als wir über Norbert Wieners „Mensch und Menschmaschine“ diskutierten.

Hat man erst einmal begriffen, dass zu jedem Menschen eine höchst spezifische Mischung von Mitbewohnern – etwa 100 Billionen Bakterien – gehört, dann weiß man, dass die Menschheitsgeschichte von Kräften beeinflusst wird, die in unseren Geschichtsbüchern so gut wie nie einen Auftritt haben.

Gary Tomlinson erinnert an die Überlegung, dass im Laufe der Evolution immer wieder einzellige Lebewesen von einem anderen einzelligen Lebewesen aufgenommen wurden und so eine neue Zelle, ein neues Lebewesen wurden. Jeder von uns ist von Anfang an viele. Der Mensch ein Pluraletantum. Das widerspricht unserem intuitiven Selbstverständnis. Aber das ist selbst Produkt verwirrend vielfältiger, immer wieder auch auseinanderdriftender Prozesse.

Eine andere Veranstaltung fragt nach dem „Wir“. Wenn jeder von uns sein eigenes Mikrobiom-Gemisch in und auf sich trägt, dann ist das unendlich viel mehr Unterbewusstsein als das, von dem Sigmund Freud träumte. Die Frage dieser Veranstaltung, „How do you incorporate meaning?“, scheint fast schon beantwortet, wenn man sie wörtlich nimmt.

Wenn jede unserer Zellen nur existiert, weil zwei vordem getrennt lebende Zellen sich zusammentaten, dann stellt sich die Frage unserer Individualität, unserer Identität neu. Nein: radikal anders, als wir das bisher tun. Man kann abwinken und die Einsichten von Biologie und Kybernetik wie lästige Fliegen wegwedeln, aber man nährt damit nur seine eigene Dummheit.

Wir haben uns daran gewöhnt, wenn von Angst und Verunsicherung die Rede ist, nur an sterbende Industriezweige, an den Niedergang Europas, der USA, des Westens, an die chinesischen Wachstumsraten zu denken, an die Globalisierung und an die fast in Echtzeit die Erde umspannenden Nachrichtenströme.

Die Verunsicherung greift viel tiefer. Die neuen Ökonomien verlangen neue Qualifikationen, damit verändern sie das Verhältnis der Geschlechter. Nicht nur das Verhältnis. Die Geschlechter selbst werden neu gemischt. Vor dreißig Jahren sah man Transsexuelle in Deutschland nur in Nachtclubs. Inzwischen auch auf den Straßen und in Büros. Die Geschlechtsdefinition, eine der eingreifendsten im Prozess der Herausbildung unserer Identität, ist flüssig geworden.

Es gibt kein Refugium mehr, kein Utopia ist in Sicht

Im Dunkel dieser Veranstaltung, mit den wie Käfer auf dem Rücken liegenden Menschen, die wie in einer Séance sich erzählen lassen, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, weitet sich das Spektrum unserer Möglichkeiten noch einmal. Vor ein paar hundert Jahren noch sei man wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass alle Planeten belebt seien, mit anderen Lebensformen, mit solchen, an die auch nur zu denken der Mensch nicht in der Lage sei. Erst die moderne Wissenschaft habe Schluss gemacht mit der Lehre vom allmächtigen Gott, der allem seinen Geist einhauchen kann, und habe das Leben definiert und damit es zu einer Rarität gemacht.

Es ist hell geworden. Neben mir, das rieche ich, hat ein gut aussehender älterer Herr seine Schuhe und seine Socken ausgezogen. Ich blicke zu ihm und sehe, wie er dabei ist, seine Hose abzustreifen. Ich stehe auf. Ich mag nicht Teil einer Performance sein. Dafür fühle ich mich nicht fit genug. Im Weitergehen sehe ich, wie rechts und links Männer und Frauen dabei sind, sich auszuziehen. Ich bin zu alt und zu hässlich für den Venusberg. Ich fliehe.

Ein dicker alter Mann, der zum Ausgang drängt. Er ist der älteste im Raum. Ihm ist noch aufgefallen, dass höchstens ein Dutzend Menschen – meist Frauen – sich Notizen machten, in Blocks, Notizbücher. Niemand schreibt in ein Notebook. So viel professorales Wissen weitergegeben wird – es wird kaum aufgezeichnet, es wird empfangen wie Musik in einem Ashram.

Als der alte Mann draußen steht, auf die Autos schaut, die die John Foster Dulles entlangfahren, wird ihm bewusst, dass er auf halbem Weg zwischen Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, und dem Bundeskanzleramt steht. Es freut ihn, dass zwischen den beiden das Haus der Kulturen der Welt und nicht etwa ein Nationalmuseum steht. Aber, schießt ihm durch den Kopf, wissen Kanzlerin und Präsident etwas von dem, was hier geschieht? Würden sie es verstehen? Können sie es in Zusammenhang bringen, mit dem, was politisch zu tun ist?

Er war aus der Veranstaltung geflohen, weil er nicht mehr nur Zuschauer sein durfte, sondern Teil eines Geschehens werden sollte. Man wollte ihm vorführen, begreift er jetzt, dass er niemals nur Zuschauer ist. Das Verwirrspiel von „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ ist hinausgetreten aus den abgezirkelten Bezirken von Theater, Literatur und Sprache, scheint die ganze Welt kolonisiert zu haben. „Kein Ort. Nirgends“ ist überall.

Die österreichische Band Erste Allgemeine Verunsicherung gründete sich 1977. Das war nicht gedacht als die Beschreibung einer Lage, sondern als Aufschrei gegen die zementierten, absolut sicher scheinenden Verhältnisse. Die Band war Ausdruck einer Sehnsucht nach Verunsicherung. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Die Verunsicherung ist allgemein geworden. Es gibt kein Refugium mehr. Nirgendwo ein Utopia in Sicht. Niemand hat eine Ahnung, was kommen wird.

Sicherheit ist heute das Sehnsuchtswort. Eine verklärte Vergangenheit, in der Amerika groß, Deutsche noch Deutsche, Frauen noch Frauen waren. Noch nicht alles sich auflöste in eine kaum noch definierbare, geschweige denn beherrschbare Masse. „Wo Es ist, soll Ich werden“, schrieb Freud. Dem alten Mann, der gerade einen der wenigen Trainingsplätze für ein neues, den Realitäten der wirklichen Welt angemessenes Bewusstsein erschrocken verließ, fragt sich, ob irgendjemand auf diesem Planeten noch weiß, was ein Ich sei.

Mit einem Male versteht er die, die lieber nicht neugierig sind auf neue Erkenntnisse, die lieber gieren nach Bestätigungen ihrer alten Irrtümer, statt sich einzulassen auf eine Welt, die immer mehr Gewissheiten zum Einsturz bringt und alles in einem nicht mehr zu ordnenden Chaos versinken lässt. Etwas in ihm ruft nach einem Alexander, der all die Knoten einfach zerschlägt. Aber er weiß, das wäre keine Lösung, sondern das definitive Ende.

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