Virtuelle Ausstellung

Das ironische Spiel mit dem Trivialen

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Jetzt tritt der Kunstrebell der Weimarer Republik online auf: Die Akademie der Künste Berlin vertieft den Einblick in Leben und Werk des Dadaisten John Heartfield.

John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“ lautet der Titel. Es sollte ein magnetisches, ein explosives, den politischen Geist aktivierendes Ausstellungsereignis werden. In der Akademie der Künste am Pariser Platz ist das ganze Schaffen John Heartfields ausgebreitet, 400 Werke und Dokumente auf 600 Quadratmetern Wände und Vitrinen.

Die Facetten der Kunst dieses meisterlichen Dadaisten und Kunstrebellen der Weimarer Republik und bestgehasst von Hitler & Co sind vielfältig. Gleich am Anfang gibt es eine beeindruckende Referenz auf die Fotomontage: Der Kölner Videokünstler Marcel Odenbach hat für den Eingangsbereich eine Mediencollage geschaffen. Die Arbeit stellt sich, ganz im Sinne Heartfields, gegen rechtes Gedankengut in unserer Zeit.

Nun verhindert die Corona-Pandemie das physische Begängnis der seit Jahren vorbereiteten Schau. Die Ausstellungsmacher wählen also, wie andere Kunst-und Kultur-Instanzen auch, den Weg des Virtuellen. Heartfields Kunst geht online. Ihm hätte das garantiert gefallen. Die massenhafte Verbreitung seiner ätzend ironischen und gesellschaftskritischen Fotomontagen, Zeichnungen, Plakate, Bücher und Bühnengestaltungen im Netz wäre seiner Aufklärungsarbeit sehr dienlich gewesen. Seinerzeit musste er die Druckerpressen anwerfen lassen, um politische Schlagkraft zu erreichen.

Nun ist sein Nachlass digitalisiert, etliche Jahre haben die Mitarbeiter des AdK-Heartfield-Archivs dafür gebraucht. Alles, was wir nun, den besonderen Umständen entsprechend, in virtueller Fassung oder aber im Katalog, der im Hirmer Verlag erschienen ist, sehen können, zeigt das raffinierte Konzept, das mutige, keine Zensur fürchtende Kunst-Wollen dieses universalistisch arbeitenden, das Experimentelle liebenden Mannes.

Zu Ruhm gelangte er in der Weimarer Republik. Geboren wurde er, wie auch sein Bruder, der Dichter Wieland Herzfelde, in Berlin, 1891 als Helmut Herzfeld. Der Vater war Jude. Schon deshalb waren die Brüder den Nationalsozialisten suspekt. Der Grafiker Heartfield symbolisierte in aller Prägnanz das klägliche Scheitern der Weimarer Republik und zog mit Bild und Papier, Schere und Leim erbittert gegen die Nazis zu Felde, und seine Motive aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigten prophetisch die Absichten und Realität der Nazi-Diktatur. Heartfields Kunst sagte den deutschen Totentanz voraus.

Jedes seiner Blätter wurzelt in der Berliner Dada-Bewegung, der Rebellion gegen den Ersten Weltkrieg und die scheinheilige Gutbürgerlichkeit. Statt „vor der Staffelei“ schön getönte Bildchen zu pinseln, entschied er sich für das ironische Spiel mit dem Trivialen und spitzen bösen Pointen. Da sehen wir die ikonischen Bilder wie die „Hyäne mit Zylinderhut“ und „Pour le Profite“ oder Hitler mit dem „deutschen Gruß“, dem ein Kapitalist von hinten Geldscheine zusteckt. Heartfield hat aber nicht nur ausgeschnitten und zusammengeklebt. Er arbeitete virtuos mit Farbe, sprühte sie über Fotos, übermalte. Der erfinderische Pionier der Fotomontage begegnete dem Publikum in Titelseiten der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ (AIZ). Das Blatt „Krieg und Leichen – Die letzte Hoffnung der Reichen“ von 1932 ist ein Kardinalbeispiel.

Heartfields ausgefeilte, aber knallhart wirkende künstlerische Technik entfaltet sich auch vor allem in den innovativen Bucheinbänden für den Malik-Verlag. Allerdings haben seine boshaften politischen Effekte auch blinde Flecken: Er schoss scharf gegen die SPD, die Fehler der KPD dagegen blieben unreflektiert; da war er parteiisch. Er attackierte gemäß der KPD-Parteidoktrin den sogenannten „Sozialfaschismus“ – den drohenden Holocaust indes thematisierte er kaum. Und mit dem Strahlebild, das er in der AIZ vom gelobten Land Sowjetunion zeichnet, gibt er sich unkritisch utopisch gegenüber dem „Neuen Menschen“, denn er übersah die mörderischen Vorzeichen stalinistischer Diktatur.

Für die Kunstgeschichte indes war er ein Vorreiter an der Schnittstelle zwischen Kunst und Medien, ein Aufklärer, einer, der die Macht des Faktischen erkannte und die politische Kunst und ihr Versagen sehr wohl wahrnahm. Schlüsselwerke und Archivfunde, darunter auch Filme, werden kombiniert, auch das lässt der Online-Auftritt erkennbar werden.

Für die Nazis war Heartfield, der Kommunist und Freund von Grosz, Brecht und Piscator, ein Todfeind. Seine Kunst wurde als „entartet“ stigmatisiert. Ihm blieb nur die Flucht über Prag nach London, sein Exil bis 1950. Glücklich wurde er nach seiner Rückkehr auch in der DDR nicht, auch wenn ihm die Oberen mit einem schlichten Sommerhaus im brandenburgischen Waldsieversdorf als Refugium (heute Heartfield-Gedenkmuseum) Respekt erwiesen.

Ganz besonders Walter Ulbricht war ihm gegenüber misstrauisch. Die Staatssicherheit verhörte ihn wegen möglicher „verräterischer Verbindungen“ zu westlichen Geheimdiensten, eine Ausstellung zu seinem 60. Geburtstag 1951 durfte nicht eröffnen.

Heartfields Fotomontagen wurden unter Berufung auf den Papst der stalinistischen Kulturpolitik, Georg Lukács, als „Formalismus“ und damit „westlich dekadent“ und unsozialistisch abgeurteilt. Heartfield erlitt nach der Demütigung einen Herzinfarkt. Und später noch einen; 1968 starb er daran. Wie absurd: Der mutige kommunistische Propagandist aus der Nazizeit wurde vom DDR-Regime, das ihm zwar den Nationalpreis gab, eher verschmäht. Sein Werk, all die teils erstmals öffentlich gemachten Arbeiten und Dokumente aber zeigen, wie nötig eine „aufgeklärte“ Gesellschaft Künstler hat, die den Stachel im saturierten Fleische herumdrehen.

Eine multimediale Reisedurch Heartfields Leben: www.johnheartfield.de/kosmos-heartfield

Im Hirmer Verlagist ein Katalog erschienen (39,90 Euro). Er ist online freigeschaltet: www.adk.de/heartfield

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