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Europas größter Chanukka-Leuchter steht in Berlin vor dem Brandenburger Tor (Archivbild).
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Europas größter Chanukka-Leuchter in Berlin vor dem Brandenburger Tor (Archivbild).

Israelis, Palästinenser & Deutsche

Interviews von Katharina Galor, Saed Ashtan: „Erstickendes Klima der Zensur“

  • VonMicha Brumlik
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Katharina Galor und Saed Atshan haben israelische, palästinensische und deutsche Berliner und Berlinerinnen interviewt.

Schon vor einiger Zeit hat der US-Literaturwissenschaftler Michael Rothberg seinen Kerngedanken, den Gedanken einer „multidirektionalen Erinnerung“ während der Debatte um die als antisemitisch kritisierte Meinung des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe in einer Zeitschrift des Goethe-Instituts geäußert: Seine Annahme sei, so Rothberg dort, dass der Vorgang des Erinnerns „nicht der Logik des Nullsummenspiels folgt. Vielmehr entwickeln sich alle Erinnerungskulturen dialogisch, durch Anleihen, Aneignungen, Gegenüberstellungen und Wiederholungen anderer Geschichten und anderer Erinnerungstraditionen“. Zum Teil sei zu beobachten, „dass sich mit der Globalisierung des Holocaust-Gedenkens dieses Gedenken auch zu einer Plattform entwickelte, auf die andere Erinnerungen an Gewalterfahrungen zum Ausdruck gebracht werden konnten ...“.

Diesen Gedanken hat Rothberg in seinem bahnbrechenden, inzwischen auch auf Deutsch erschienenen Werk „Multidirektionale Erinnerung“ aufgenommen (FR v. 11.3.). Diese gewinnt seinen Sinn genau dann, wenn unterschiedliche Erinnerungen an unterschiedliche Verbrechen mit Bezug aufeinander verdeutlicht werden sollen. Mit einer neuen Studie liegt nun ein erster Versuch vor, dieses Konzept bei dem hierzulande hoch umstrittenen Thema des Vergleichs von Shoah und „Nakba“ – der Flucht und Vertreibung von mehr als 700 000 Palästinensern bei der Gründung des Staates Israel – anzuwenden. Und zwar am Beispiel von Berlin.

Berlin? Tatsächlich leben hier – unabhängig und neben der dortigen jüdischen Gemeinde – geschätzt 20 000 Israelis, dazu eine der größten palästinensischen Gemeinschaften der Welt. Wie deren Verhältnis zueinander und zumal zur sie umgebenden deutschen Gesellschaft beschaffen ist, haben die in den USA lebende, jüdische Professorin Katharina Galor sowie der in den USA lehrende Sa’ed Atshan, ein Palästinenser, der jedoch seiner religiösen Zugehörigkeit nach Quäker ist, gründlich erforscht und dokumentiert.

Der Mainstream-Diskurs

Dazu haben Atshan und Galor in den letzten Jahren in Berlin 50 strukturierte Interviews mit dort lebenden Israelis, Palästinensern und Palästinenserinnen sowie mit Deutschen erhoben und ausgewertet. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass die palästinensischen Interviewten das Gefühl haben, „dass ihre Stimmen und Erfahrungen in (...) Debatten zwischen Deutschen und Israelis untergehen. Sie sind frustriert über die Unterstützung der Deutschen und Israelis für Israel und finden das Klima der Zensur in Berlin erstickend; zugleich sind sie den Israelis und Deutschen dankbar, die den hegemonialen Mainstream-Diskurs über Israel/Palästina, der die Palästinenser ihrer Humanität beraubt, in Frage stellen.“

Mann mit Kippa.

Gemeint ist vor allem auch der von Atshan und Galor geteilte Eindruck, dass in der öffentlichen Meinung Berlins der Staat Israel als Symbol des jüdischen Überlebens nach der Shoah viel Zuspruch und Sympathie genießt, auch und gerade dann, wenn er im Westjordanland mit großer Härte gegen Palästinenser vorgeht und ihnen ein eigenes Staatswesen verweigert.

Wie sehr all dies zumal auch die Autorin und den Autor des vorliegenden Buches betrifft, bezeugen zwei ausführliche biografische Nachworte, aus denen klar wird, was sie zu diesem Buch motiviert hat. Galor hat schon vor Jahren als Kind Holocaustüberlebender das nach-nationalsozialistische Deutschland verlassen, während der in Palästina geborene homosexuelle Quäker Atshan – er lebt und lehrt in den USA – mit Juden und Judentum bei aller Kritik an der israelischen Besatzungsherrschaft bestens vertraut ist.

Indes: Als Atshan vor einiger Zeit am Jüdischen Museum in Berlin einen Vortrag halten sollte, musste der damalige Direktor Peter Schäfer ihn auf Druck der israelischen Botschaft ausladen, weil Atshan vor Jahren an einer Konferenz teilgenommen hatte, die auch – keineswegs nur! – von einer islamistischen Organisation mitfinanziert worden war.

Vor diesem Hintergrund plädieren Galor und Atshan mit Blick auf das moralische deutsch-jüdisch-palästinensische Dreieck für das, was die angelsächsische Politologie als „restorative justice“ bezeichnet – ein Konzept, das der Politologe John Braithwaite so bestimmt: Es gehe um die Idee, „dass Gerechtigkeit heilen sollte, weil Verbrechen Schmerzen zufügen. Daraus folgt, dass Gespräche mit denen, die verletzt wurden und mit denen, die den Schaden zugefügt haben, im Mittelpunkt des Prozesses stehen müssen“. Galor und Atshan rufen mit ihrem Buch die deutsche, keineswegs nur die Berliner Zivilgesellschaft dazu auf, diesen Dialog in Gang zu setzen.

Sa’ed Atshan, Katharina Galor: Israelis, Palästinenser und Deutsche in Berlin. Geschichten einer komplexen Beziehung. Aus dem Engl. von Kocku von Stuckrad. DeGruyter, Berlin/Boston 2021. 245 Seiten, 24,95 Euro.

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