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Jüdisches Museum in Berlin: Der emeritierte Judaistik-Professor Schäfer (75) war nach einem Tweet des Museums mit einer Leseempfehlung zur israelkritischen Bewegung BDS zurückgetreten. Darin hatten jüdische und israelische Wissenschaftler kritisiert, dass der Bundestag BDS als antisemitisch eingestuft hatte. 

Jüdisches Museum Berlin

„Ein freier Diskurs wird erstickt“

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Yossi Bartal, der als Mitarbeiter im Jüdischen Museum Berlin aus Protest gekündigt hat, sieht die Unabhängigkeit des Hauses gefährdet.

Yossi Bartal, geboren und aufgewachsen in Jerusalem, lebt als Autor und Übersetzer in Berlin. Zuletzt erschien ein Beitrag von ihm in der israelischen Zeitung „Haaretz“: „Warum ich dem Jüdischen Museum in Berlin gekündigt habe.“

Zum Rücktritt Peter Schäfers als Direktor des Jüdischen Museums in Berlin und zum Thema Antisemitismus veröffentlichten wir ein Gespräch mit der israelischen Soziologin Eva Illouz.

Herr Bartal, Sie sind als Israeli vor über zehn Jahren nach Berlin gezogen und haben zuletzt als Tour-Guide im Jüdischen Museum gearbeitet. Jetzt haben Sie aus Protest gegen politische Einmischung gekündigt. Was gab den Ausschlag?
Tatsächlich der erzwungene Rücktritt von Peter Schäfer als Museumsdirektor. Für mich ein Signal, dass die Bundesregierung nicht mehr die Arbeit und Autonomie des Museums schützt, sondern dem Druck aus Israel nachgibt. Es gab zwar schon zuvor politische Einmischungsversuche, wie auch der Gastbeitrag von David N. Meyers in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ belegt, ein ganz wichtiger Judentum-Wissenschaftler. Schäfers Vorschlag, ihn in den Museumsbeirat zu holen, fiel staatlicherseits durch, weil er dem progressiven New Israel Fund angehört. Aber der Abgang des Museumsdirektors hat eine Symbolik, die besagt, jetzt wird gemacht, was Netanjahu (Israels Premier) von uns gefordert

hat.

Sie fürchten, unter diesen Vorzeichen ist es mit dem Museum als Ort kontroverser Ansichten vorbei?
Ich will da nicht spekulieren. Aber das Klima in Deutschland, vor allem nach der Bundestagsresolution zur Boykottbewegung BDS, (Boykott, De-Investionen, Sanktionen) erlebe ich so, dass jede grundlegende Kritik an den Verhältnissen in Israel/Palästina ausgeschlossen oder gar kriminalisiert wird. Am meisten betroffen sind progressive jüdische Kräfte und Palästinenser. Ein Beispiel dafür sind die Kontokündigungen der linken Jüdischen Stimme, deren Mitglied ich bin. Solche autoritären Schritte, die in Deutschland Fuß fassen, bedeuten, dass ein freier Diskurs erstickt wird.

Wie sehen Sie die Rolle von AfD-Politikern? Ihnen passte ja das ganze Museumkonzept nicht, in dem auch Wert auf einen jüdisch-muslimischen Dialog gelegt wird.
Dass ein jüdisches Museum von einer rechtspopulistischen Partei attackiert wird, ist erst mal nicht überraschend. Dass das aber gemacht wird, weil das Museum nicht pro-israelisch oder zu pro-muslimisch sei, verwundert dann doch. Interessant ist an dieser ganzen Geschichte, dass die Anfragen aus der AfD ihren Weg in die Netanjahu-Zeitung „Israel Hajom“ fanden, bevor sie überhaupt in Deutschland öffentlich gemacht wurden. Beatrix von Storch hat in „Israel Hajom“ wegen ihrer angeblich pro-israelischen Linie einen sehr wohlwollenden Artikel bekommen. Das eigentlich Ärgerliche ist, dass das, was die AfD initiiert hat, dann zur Staatspolitik von CDU und SPD wird.

Der Autor und Übersetzer Yossi Bartal (32).

Wie nehmen Sie als linker Jude die Debatte in Deutschland um den wachsenden Antisemitismus wahr?
Diese Debatte wird vor allem bestimmt von gewissen NGOs und Antisemitismusbeauftragten in enger Zusammenarbeit mit der israelischen Regierung. Uwe Becker zum Beispiel, der Antisemitismusbeauftragte von Hessen, hat kürzlich auf Twitter Siedlungsprodukte gepostet, als Werbung gegen BDS. Man hat den Eindruck, es geht weniger um das Existenzrecht Israels als um das Existenzrecht der israelischen Besatzung. Die Kritik daran soll unterbunden werden. Dahinter steckt, dass die israelische Regierung gar kein Interesse an einer Zwei-Staaten-Lösung hat. Und dafür ist sie auch bereit, berechtigte Ängste in der jüdischen Gemeinschaft manipulativ für ihre Zwecke zu benutzen.

Deutschland hat wegen der Verantwortung für den Holocaust stets höchsten Wert auf besondere Beziehungen zu Israel und seine Regierung gelegt. Haben Sie das Gefühl, dass linke Israelis, die wie Sie in Berlin leben, inzwischen als Störfaktor wahrgenommen werden?
Mit dem Rechtsruck in Deutschland – und das sehen wir bei allen Parteien – wird immer klarer: Liberale Stimmen aus Israel galten noch vor einigen Jahren als begrüßenswert. Inzwischen werden sie eher als Problem gesehen. Selbst Eva Illouz (siehe das FR-Interview v. 24. Juni), eine hochangesehene Soziologin aus Israel, die eine Petition gegen die Anti-BDS-Resolution des Bundestags unterschrieben hat, wird da plötzlich mit Antisemitismus in Verbindung gebracht.

Avraham Burg, ehemals Knesset-Präsident, erging es nicht besser.
Ja, der Versuch, die Interessen der israelischen Regierung einfach als Interesse aller Juden darzustellen, weist hysterische Züge auf. Ich muss leider sagen, mich erinnert die Arbeit von Josef Schuster als Zentralratsvorsitzendem mitunter an eine jüdische Ditib-Version. In diesem Fall nur lassen sich deutsche Institutionen schnell einschüchtern. Sie wollen sich sagen lassen, was Antisemitismus ist und was nicht.

Die Solidaritätserklärung von 45 Talmud-Lehrern mit Peter Schäfer hat allerdings wenig Umdenken bewirkt.
Führende Judaisten und Holocaust-Forscher in der Welt melden sich in Deutschland immer wieder zu Wort, aber werden weithin ignoriert. Israel hingegen vertritt die Sprache der Macht.

Interview: Inge Günther

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