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Ein Roboter, der Blut aufwischt und sich dabei manchmal wie ein gefangenes Tier aufbäumt: Werk des Künstlerteams Sun Yuan und Peng Yu

Kunst

Interessante Zeiten

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Zerstörte Natur und verzweifelte Flüchtlinge: Die große Kunstschau in Venedig bezieht Stellung zu aktuellen politischen Fragen – mal mit mehr, mal mit weniger Pathos

Der Anfang lag in den Giardini. Es war Ende des 19. Jahrhunderts, als in Venedig die Kunstbiennale gegründet wurde und dort in einem Park die ersten Pavillons für die Nationen gebaut wurden; darunter – vor Deutschland! – einer für Bayern. Und heute noch, bei der 58. Biennale Arte di Venezia, beginnt jeder Besucher seine Entdeckungstour am liebsten in diesen grünen Gefilden.

Sie zaubern in die steinerne Serenissima einen Hauch von Naturparadies, zumal hier die Nationen friedlich miteinander die Kunst feiern. Obwohl es einen Preis gibt, ist das kein Wettstreit, sondern ein Ringen darum, die Friedensutopie nie aufzugeben. Das funktionierte in Zeiten des Kalten Kriegs wie des Balkankriegs. Und nach wie vor kann man politische Verwerfungen, mal offen, mal versteckt, an den Pavillons ablesen. So ist der sonst nie verwaiste Kunstbungalow Venezuelas zum Symbol eines gefallenen Staats geworden. In den toten Räumen bewegt der Wind der Lagune nur das Herbstlaub, das niemand mehr wegkehrt.

Untergangsszenario im russischen Pavillon.

Nach diesem deprimierenden Anblick streben wir Richtung Padiglione Germania. Schließlich hat die fiktive Künstlerin Natascha Süder Happelmann schon vorab sehr neugierig gemacht. Der geübte Biennale-Gänger weiß allerdings auch, dass auf dem Weg zum deutschen Pavillon doch lieber gleich das Schweizer Kunsthaus besucht werden sollte. Bei dessen Ausstellungen gab es in der Vergangenheit nie einen Ausfall. So ist es auch jetzt. Das Duo Pauline Boudry und Renate Lorenz zeigt das Video eines bestens choreografierten, skurrilen Rückwärts-Gehen-Tanzes, der ein feingezeichnetes Beziehungsmodell ohne Angst vor gutem Pathos sichtbar macht. Schon da genießen wir den sanft clownesken Schweizer Humor. Durch den Glitzervorhang im Film und in der Realität wird er noch verstärkt.

Wie hohles Pathos aussieht, beweist dagegen der benachbarte russische Pavillon. Alexander Sokurov und Alexander Shishkin-Hokusai blasen ein Untergangsszenario mit üppigsten Mitteln auf; auch das übrigens hat Tradition. Die beiden tun es nicht unter antikem Mythos (Atlas’ Füße), Bibel (der verlorene Sohn), Rembrandt (Gemälde), Feuersturm (Jesus) und automatischem Figurentheater. Alles eingebaut in eine Atelier-Hölle – die womöglich irgendwann auf die Künstler wartet. Schnell weg aus diesem Effekt-hasch-mich, hin zum deutschen Pavillon.

Happelmann, ein Wesen, kreiert von der Bremer Kunstprofessorin Natascha Sadr Haghighian und eingeladen von der Leipziger Kuratorin Franciska Zólyom, nennt ihre Installation „Ankersentrum“ (sic!). In einem der vorbereitenden Videos ist Happelmann zu so einer Flüchtlingsverwahranstalt gewandert. Politpropaganda ist nicht ihre Sache, aber sie spielt mit aktuellen Problemen. Dazu gehört unser Umgang mit Verzweifelten. Der zersägt, Klang geworden, in einer Sound-Gerüststangen-Installation unsere Nerven.

Stärker tritt in dem Konzept jedoch das Thema Naturausbeutung in den Vordergrund. Verrenken müssen wir uns, um die durch viele manipulative Eingriffe optimierten Tomaten auf der prächtigen Werbetafel hinter den Transportkisten zu erkennen. Ordnet sich hier im Kleinen alles der Wirtschaftlichkeit unter, geschieht das im nächsten Raum im Großen. Auch hier wird Pathos gewagt. Eine mächtige Staumauer hat sich in den Kunsttempel gezwängt. Wassermassen scheint sie indes nicht mehr regulieren und bewahren zu können. Zwischen Felsbrocken-Attrappen, die Happelmann auch als Kopfersatz trägt, ist nur noch ein Rinnsal geblieben.

Felsbrocken im deutschen Pavillon.

Die gefährdete Natur greifen diesmal relativ viele Künstler beziehungsweise Länderpavillons auf. Island und Kanada erweisen zum Beispiel ihren Ureinwohnern und deren Naturphilosophie die Reverenz; und Japan saugt die Besucher mit einer wunderbaren Videoinstallation in eine schlichte Fels-Pflanzen-Strand-Schönheit. Der skandinavische Bungalow, aus dem ohnehin Bäume wachsen, schildert den Horror der Degeneration und Zerstörung.

Solche Gruselschocker setzen sich fort im zentralen Pavillon der Biennale di Venezia. Die Hauptausstellung verantwortet in diesem Jahr Ralph Rugoff, Chef der Londoner Hayward Gallery. Er hat das Motto „May you live in interesting times“ ausgewählt. Und dass es nicht unbedingt angenehm ist, in „interessanten Zeiten“ zu leben, schildern viele seiner 71 Künstler; und das neben den 90 Ländervertretungen. Da könnte sich ein gründlicher Kunstfreund also ausgesprochen lange in der Serenissima herumtreiben – und hätte noch nicht all die zusätzlich angebotenen Expositionen wahrgenommen.

Rugoff baut indes eine Erleichterung ein. Seine 71 Künstler gibt es doppelt: in den Giardini und im Arsenale, dem zweiten Biennale-Gelände. Wer nur das eine oder das andere Ziel anpeilt, hat auf alle Fälle Rugoffs Favoriten gesehen, allerdings nicht mit ähnlichen Arbeiten: Der Kurator legt auf janusköpfige Künstler Wert. Man darf gespannt sein, was zum Beispiel das Team Sun Yuan und Peng Yu nach der Blut-Aufwisch-Maschine, die sie in den Giardini zeigen, im Arsenale bieten werden. Der mächtige Roboter arbeitet verbissen hinter den Glasscheiben, bald aggressiv, bald verzweifelt sich aufbäumend wie ein gefangenes Tier.

Sanfter scheint Hito Steyerl zu sein. Mit ihrer Videoinstallation, die traulich die Besucher umhüllt, zitiert sie bildungsfreundlich Leonardo da Vincis Wasserlust, lässt dann aber Venedig gnadenlos absaufen – gerade wegen des Lagunenschutz-(und Geldvernichtungs-)programms Mose. Neben solch kraftvollen Statements bietet Rugoff viel allzu gut abgehangene Malerei. Dagegen setzen etwa Mari Katayama und Zanele Muholi mit ihren Fotoarbeiten kraftvolle Zeichen, die körperliche und seelische Versehrtheit zu Schönheit verwandeln. Und draußen hüllt uns alle Lara Favaretto in ein Nebelwallen, das Caspar David Friedrich in mediterrane Flora integriert.

Stadt als Museum

Zur Kunstbiennale verwandelt sich Venedig von dieser Woche an wieder in einen riesigen Ausstellungsraum. Die Hauptschau steht unter dem Motto „May You Live In Interesting Times“ und wird vom US-Amerikaner Ralph Rugoff kuratiert. Dazu kommen Ausstellungen in nationalen Pavillons und an anderen Orten der italienischen Lagunenstadt.

Für Besucher ist die 58. Ausgabe der Biennale von Samstag, 11. Mai, bis zum 24. November geöffnet. Neben der Documenta in Kassel gilt sie als weltweit wichtigste Schau der Gegenwartskunst und findet alle zwei Jahre statt.

Viele Pavillons setzen sich mit aktuellen Themen auseinander. Die Ausstellung müsse „offen und grenzenlos“ bleiben, sagt Biennalepräsident Paolo Baratta. Kurator Rugoff ergänzt dazu, die Kunst übe ihre Kraft zwar nicht auf dem Gebiet der Politik aus, könne aber indirekt eine Art Anleitung dazu sein, wie man in „interessanten Zeiten“ leben und denken kann. (dpa)

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